Anzeige

Die GAFA-Kolumne

Warum Facebook der nächste Billionen-Dollar-Konzern werden dürfte

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Seit Jahren ist der mediale Tenor gleich: Facebook ist böse, ein Totengräber des Journalismus, gehört zerschlagen. Rein wirtschaftlich betrachtet drängt sich jedoch ein anderer Verdacht auf: Facebook Inc. sieht unterbewertet aus und könnte zum nächsten Billionen-Dollar-Konzern aufsteigen.

Anzeige

Wie gefällt Ihnen eigentlich nach all den Jahren Facebook? Die Antwort kann ich mir vorstellen, über kein anderes soziales Netzwerk und über keinen anderen CEO wird schließlich so viel gelästert und geflucht wie über Mark Zuckerbergs Facebook.

Ich persönlich habe meinen Frieden mit dem weltgrößten Social Network gemacht. Einst war ich einer der größten Enthusiasten: Meine ersten Artikel für MEEDIA schrieb ich 2008 mit einer siebenteiligen Serie über das Social Network, das nach dem Microsoft-Investment mit 15 Milliarden Dollar bewertet wurde und gerade MySpace nach Nutzern überholt hatte. In Deutschland sprach damals übrigens jeder von StudiVZ – die Älteren werden sich erinnern, die jüngeren Leser vielleicht googeln. (Spoiler: StudiVZ war immer gruschelig grausam.)

Auf die große Euphorie folgte die Ernüchterung über den Umgang mit Nutzerdaten und Privatsphäre. Zuerst waren es seltsame Änderungen im Profil oder dem Newsfeed, dann ging es irgendwann um das Targeting von Nutzern (US-Wahl 2016), um Datenschutz und -skandale (Cambridge Analytica). Der Image-GAU hat bis heute Bestand. Immer wieder wird das weltgrößte Social Network als so toxisch empfunden wie Nikotinkonsum.

Jeder, der im Jahr 2021 etwas auf Facebook oder Instagram teilt, weiß, was er tut. Er oder sie sollten die gleiche Messlatte dann allerdings auch bei TikTok und neuerdings Clubhouse anlegen. Am Ende ist alles auf dem einen oder anderen Wege öffentlich, die Erkenntnis kommt aus dem vorletzten Jahrzehnt.

Für mittelalte Menschen wie mich selbst ist und bleibt Facebook ein nützliches Tool, um mit Bekannten, Ex-Kollegen oder früheren Schulfreunden in Kontakt zu bleiben – und das definitiv unaufgeregter als vor zehn Jahren. Zudem ist es für mich neben Twitter vor allem ein großartiger Newsreader, was aus Journalisten-Sicht natürlich ein zweischneidiges Schwert ist, Stichwort Verlagsvergütungen. Während ich dieses Fass an dieser Stelle zulassen möchte, öffne ich aus dem Blickwinkel von Big Tech ein anderes: nämlich die Frage nach Facebooks Bewertung und Stellung innerhalb des GAFA-Konstrukts.

Tatsächlich ist das mit 17 Jahren jüngste GAFA-Mitglied auch noch das am wenigsten wertvollste – und tatsächlich der einzige der vier Konzerne, der noch nicht die Billionen Dollar-Marke überschritten hat. Ich halte es für absehbar, dass dieser Makel in diesem Jahr behoben wird.

Per Börsenschluss gestern wird Facebook zu Kursen von 290 Dollar mit einer Marktkapitalisierung von 827 Milliarden Dollar bewertet und ist damit aktuell nach Apple, Saudi Aramco, Microsoft, Amazon und Alphabet der sechstwertvollste Konzern der Welt. Gleichzeitig ist Facebook damit am dichtesten an der Bewertungsmarke von einer Billion Dollar dran, nachdem Tesla und die beiden China-Stars Tencent und Alibaba wegen Regulierungssorgen zuletzt geschwächelt haben.

Seit Jahresbeginn haben die Anteilsscheine um immerhin 6 Prozent zugelegt und sich damit vom Abwärtstrend von Apple (2021: – 6 Prozent) und Amazon (2021: – 4 Prozent) abgekoppelt; die Benchmark Nasdaq 100 legte lediglich um ein Prozent zu. Um den magischen Meilenstein zu erreichen, müsste die Facebook-Aktie um weitere 21 Prozent zulegen – nämlich auf Kurse von 350 Dollar.

Bereits bei 305 Dollar – also nach einem Kurszuwachs von lediglich noch 5 Prozent – würden die Anteilsscheine von Facebook bereits neue Allzeithochs markieren. Was nach einem solchen Ausbruch möglich ist, demonstrierte Online-Rivale Alphabet erst im vergangenen Dreivierteljahr: Nach dem Durchbruch durch die alten Hochs legte die Google-Mutter um weitere 35 Prozent zu, 18 Prozent allein seit Januar.

Neun Jahre nach dem damals ziemlich versemmelten Börsengang spricht für Facebook unterdessen die immer moderatere Bewertung. Das maßgebliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist mit aktuell 28 das niedrigste der GAFAs (zum Vergleich Apple: KGV 33, Alphabet 35, Amazon 75).

Das Missverhältnis ist umso bemerkenswerter, wenn man die Wachstumsdynamik im vergangenen Jahr berücksichtigt. Mit einem Plus von 22 Prozent beim Umsatz (auf 86 Milliarden Dollar) und sogar 58 Prozent beim Nettogewinn (auf 29 Milliarden Dollar) wuchs Facebook 2020 weitaus  dynamischer als Werberivale Alphabet und Apple (lediglich Amazons Geschäfte entwickelten sich in der Pandemie noch explosiver).

Dennoch bewertet die Wall Street Facebook von allen GAFAs am meisten mit Skepsis. Die Hintergründe sind offenkundig: routinemäßig negatives Medienecho, das Damoklesschwert von staatlichen Regulierungen und zuletzt der eskalierende Zwist mit Apple um Werbeeinschränkungen auf dem neuen Betriebssystem iOS 14, die Konzernchef Zuckerberg indes erst am Wochenende in einem Clubhouse-Chat entkräftete.

Bleiben die kartellrechtlichen Sorgen um eine staatlich erzwungene Aufspaltung, die sich in einem Prozess über viele Jahre ziehen würde und am Ende einen Ausgang im Sinne eines gesteigerten Shareholder-Values haben dürfte: Die Summe der Teile – Facebook, der Messenger, Instagram, WhatsApp, etc. – ist mutmaßlich mehr wert als das bisherige Ganze.

Darüber hinaus scheint Facebook neben Apple wie kaum ein anderes Big Tech-Unternehmen für den nächsten großen Schauplatz der kommenden Dekade aufgestellt – der nächsten Computing-Plattform im AR–Zeitalter. Die Aussichten des wohl am meisten verhassten Internetunternehmens sind damit das ziemliche Gegenteil seines Images: nämlich freundlicher als wahrgenommen

+++Short Tech Reads +++

AppleInsider: Kann der iKonzern in diesem Jahr seinen iPhone-Verkaufsrekord knacken?

Die Latte liegt hoch und wurde seit sechs Jahren permanent gerissen: Seit 2015 wartet Apple darauf, seinen bisherigen iPhone-Verkaufsrekord nach Stückzahlen zu übertreffen. Seinerzeit wurden 231 Millionen Einheiten verkauft.

In diesem Jahr könnte das lange Warten nun endlich zu Ende sein, mutmaßt Wedbush-Analyst Daniel Ives und prognostiziert, dass Apple Ende dieses Superzyklus sogar bis zu 250 Millionen Kultsmartphones designed in Cupertino an seine treuen Kunden bringen kann.

New York Times: Microsoft könnte Chat-App Discord für mehr als 10 Milliarden Dollar kaufen

Der nach Apple und Saudi Aramco drittwertvollste Konzern der Welt könnte wieder einmal eine Milliarden-Übernahme stemmen. Wie die New York Times berichtet, könnte Microsoft seine nach LinkedIn (Kaufpreis: 26 Milliarden Dollar) zweitgrößte Übernahme aller Zeiten anstrengen – für die Gaming-Chat-App Discord.

Reuters: Fondsmanagerin Cathie Wood sagt Tesla-Kurs von 3000 Dollar voraus 

Hoch, höher Tesla: Das war das Motto an der Wall Street im vergangenen Jahr, als die Anteilsscheine des Elektoautopioniers um enorme 700 Prozent nach oben schossen. Fondsmanagerin Cathie Wood, in deren ARK Innovation ETF Tesla die mit Abstand größte Position ist, hält binnen der nächsten vier Jahre eine weitere Vervielfachung für möglich. Wood nennt bis 2025 das Kursziel von 3000 Dollar. Aktuell notieren Tesla-Aktien bei 660 Dollar – und damit seit Jahresbeginn um 10 Prozent im Minus. 

CNN Business: Tencent schlägt mit Quartalsbilanz Markterwartungen

Chinas wertvollstes Unternehmen liefert weiter: Tencent kann bei Vorlage der jüngsten Quartalsbilanz für das abgelaufene Dezember-Quartal erneut die Analystenschätzungen überbieten. Die Umsätze zogen um 26 Prozent auf 133,7 Milliarden Yuan (20,5 Milliarden Dollar) an, während der Nettogewinn wegen Einmaleffekten gar um 175 Prozent auf 59,5 Milliarden Yuan (9 Milliarden Dollar) explodierte. Trotzdem befindet sich die Aktie wie auch Digitalrivale Alibaba wegen Regulierungssorgen zuletzt im Abwärtstrend.

+++ One more Thing: Mega-IPOs – Robinhood will Börsengang, Coinbase kurz davor  +++

Wie Bloomberg gestern berichtete, strebt die Aktien-Trading-App Robinhood knapp zwei Monate nach der Gamestop-Saga an die Börse. Seinerzeit hatte die Handelsplattform zeitweise vor dem Ansturm der Kleinanleger kapitulieren müssen und den Handel mit GameStop-Aktien ausgesetzt oder limitiert und darauf ein vernichtendes Echo in den sozialen Medien geerntet.

Nun scheint der Weg zum IPO frei: Der Trading-App-Anbieter hat seine Unterlagen zur Börsenzulassung offiziell eingereicht. Erfüllt Robinhood die Auflagen, dürfte ein Börsengang an der Technologiebörse Nasdaq innerhalb der nächsten Monate erfolgen – mutmaßlich zu einer zweistelligen Milliarden- Bewertung.

Die will die Krypto-Handelsplattform Coinbase bei ihrem Direktlisting auch aufrufen, das schon in den nächsten Wochen starten könnte – die Rede war zuletzt von einer Bewertung bei enormen 68 Milliarden Dollar.

CEO Brian Armstrong würde damit aus dem Stand in die Lage der superreichen Big Tech-CEOs aufsteigen – sein Aktienanteil wäre nach der letzten Bewertung über 14 Milliarden Dollar wert. Ironie der Geschichte: In FIAT-Geld, nicht Krypto. Zum Glück hat Armstrong ja die passende Plattform parat, um schnell in Bitcoin, Ether und Co. zu investieren…

Cheers + bis nächste Woche!

Anzeige