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Genusssache Medien

Ja, Nice! Wie Menschen auf Filme schauen

Sabine Trepte – Zeichnung: Bertil Brahm

Wie Menschen Filme bewerten? Erst mit einer großen Portion Hedonismus und dann mit einem Blick auf Narration und Cast.

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Während ältere Menschen „geil“ sagen, wenn etwas gut ist, muss für jüngere Erwachsene und die Jugend „nice“ reichen, also nett. Wenn es richtig euphorisch zugeht auch mal „ja, nice“. Es ist die Generation still-face, die ihre Gefühle nicht auf der Zunge trägt oder ihre Mimik jedem entgegen schleudert. Sie haben gelernt, was wir immer lernen wollten, und zwar, dass Liegen Siegen heißt. Ich denke auch, wir müssen es nicht immer sagen, es reicht doch, wenn wir es meinen.

Aber ich lasse mich dann doch immer wieder von meiner eigenen Begeisterung hinreißen, besonders wenn es um Filme und Bewegtbild geht. Für diese Generation der Jugendlichen und jungen Erwachsenen interessiert mich ganz besonders, was sie „nice“ oder „ja, nice“ findet. Es interessiert mich, weil mich Medienunterhaltung interessiert und weil dieses untere Ende vom Bevölkerungstannenbaum bald die gesamte Unterhaltungsindustrie machen wird. Aber es interessiert mich auch als Forscherin, weil wir genau hinsehen müssen und beobachten, wenn Menschen nicht so ganz offensiv mit der eigenen Begeisterung umgehen. Beobachtung wird ja auch in der Forschung zu Filmen ganz großgeschrieben: Box Office, Shares, Quoten sind nichts anderes als Beobachtungen.

Aber was, wenn man nicht nur den Erfolg, sondern auch die Erfolgskriterien herausfinden möchte, also warum etwas nice ist? Dazu gibt es aus den letzten fünfzig Jahren Forschung viele Studien in der medienpsychologischen und auch praktischen Marktforschung, die Menschen danach fragen, warum sie Filme gut und unterhaltsam finden. Die Befragungen berücksichtigen eine große Fülle und Reichhaltigkeit von vielen kleinteiligen Bewertungskriterien. Die SMEC (subjective movie evaluation criteria) Skala des Mannheimer Forschers Frank Schneider bezieht sich zum Beispiel auf die Plausibilität und Innovation der Narrration eines Films, auf Filmtechniken, -kritiken und darauf, wie angenehm, harmlos, unterhaltsam und anregend ein Film ist. Wenn wir nun Befragte mit dieser Liste an Bewertungskriterien konfrontieren, dann reagieren sie natürlich auch. Die Bewertung ist hier eine Reaktion auf die Skala. Wir haben also eine große und auch schöne Bandbreite von Bewertungskriterien. Die müssen aber bei der Filmbewertung und -auswahl gar nicht zwingend im Vordergrund stehen.

Also müssen wir eigentlich auch die Bewertungskriterien beobachten, zum Beispiel auf der International Movie Database (IMDb) – von deren Lektüre ich übrigens körperlich abhängig bin. Schneider, Domahidi und Dietrich haben mittels topic modeling analysiert, welche Filmbewertungskriterien für die Laienkritiker:innen relevant sind. Hier zeigt sich, dass bei der Auswertung von über 35.000 Filmreviews vor allem Hedonismus eine Rolle spielte. Wenn also Menschen Filme bewerten, dann teilen sie mit: Ich bin außer mir, euphorisch, fröhlich und begeistert. Ich finde das lustig, ich habe gelacht und mich amüsiert, denn es ging und Liebe, Freundschaft, Familie, Menschen. Es war Horror, hart, böse und deshalb wunderbar. Hedonismus ist das wichtigste Bewertungskriterium!

Es taucht am häufigsten auf. Direkt gefolgt von der schauspielerischen und narrativen Leistung eines Films. Das ist spannend, denn in der ökonomischen Entertainment Science weiß man seit Langem, dass für Box Office vor allem der Cast zählt. Wenn wir aber den Laienreviewern auf die Zeilen schauen, dann steht an erster Stelle nicht die Qualität der Geschichte und Schauspieler:innen sondern die Freude. Das gilt auch für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im VuMA Rating 2021 wurden sie nach ihrer Nutzung gefragt und auf den ersten zwei Plätzen ihrer Genre-Vorlieben rangieren mit großem Abstand zu anderen Genres hedonistische Angebote wie Action, Abenteuer und Komödie. Sind ja auch endgeil.

Literatur: Schneider, F. M., Domahidi, E. & Dietrich, F. (2020). What is important when we evaluate movies? Insights from computational analysis of online reviews. Media and Communication, 8(3), 153–163. https://doi.org/10.17645/mac.v8i3.3134


Sabine Trepte ist Professorin für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim. Sie schreibt für MEEDIA zum Thema Mediengenuss.

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