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Die GAFA-Kolumne

Haben sich Harry und Meghan an Big Tech verkauft?

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Das TV-Ereignis des Jahres ließ niemanden kalt: Herzogin Meghan und Prinz Harry schütteten bei Talk-Legende Oprah Winfrey in einem bewegenden Interview ihr Herz aus. Heimlicher Gewinner ist dabei Big Tech, das die beiden Super-Promis im Vorfeld mit Streaming-Deals an sich gebunden hat

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Die Royals haben einen prominenten Platz in meinem Leben. Die (Alb)Traumhochzeit von Charles und Diana dürfte das erste TV-Ereignis sein, das ich als Kind wahrgenommen habe (zumindest bilde ich mir das in nostalgischer Verklärung ein). Dianas legendäres Interview habe ich entgeistert während meiner Studentenzeit erlebt und vom tragischen Tod nach einer durchgefeierten Nacht an einem Sonntagmorgen durch einen Telefonanruf meiner Tante erfahren. 

So weit weg England und die Monarchie auch sein mögen, so unsichtbar wie ein feines Band ziehen sich die Schicksale aus dem Buckingham Palace doch durch unser Leben. Selbstredend also, dass ich vom ersten Tag ein glühender Fan der Netflix-Serie „The Crown“ war, die ich jedes Mal bemüht bin, nicht wegzusuchten, sondern zu zelebrieren.  

Die vierte und bislang beste Staffel, die völlig zu Recht gerade den Golden Globe als beste Serie gewann, ist kaum drei Monate alt, da folgt das nächste Drama – diesmal nicht mehr im Fiktionalen. Das zu Wochenbeginn ausgestrahlte Oprah-Interview von Herzogin Meghan und Prinz Harry besitzt den Stoff, aus dem Legenden sind: Es ist voller herzergreifender Schockmomente, gleichzeitig einiger bitterböser Vorwürfe, um am Ende immer wieder die Brücke zur Diana-Ära zu schlagen. Die Geschichte wiederholt sich hoffentlich nicht, aber sie reimt sich. Mehr Drama geht nicht. 

Hängen geblieben sind bei mir unterdessen ein paar vermeintlich so dahingesagte Sätze des Prinzen, die in der Rezeption des Mega-Interviews ziemlich untergegangen sind – nämlich jener Teil, als Harry über die neuen Einnahmequellen der expatriierten Royals spricht. Wir lernen, dass die junge Familie nach ihrer Flucht aus dem Königshaus zunächst von Harrys Erbe von Diana lebte, dann aber schnell zu den bekannten Streaming-Deals bei Netflix und Spotify kam, die allerdings „nie Teil des Plans waren“, wie der 36-Jährige beteuert. „Das war nie die Absicht“, insistiert Harry. „Wir beschweren uns aber natürlich auch nicht, unser Leben ist toll, wir haben unser schönes Haus, und die Hunde sind wirklich glücklich.“ Wuff!

„Ein Freund“ hätte in der Pandemie die Idee ins Spiel gebracht: „Was ist eigentlich mit den Streamern?“ Gut möglich, dass der gute Freund dabei an das Vorbild von einem anderen Promipaar dachte: Tatsächlich folgen der Prinz und die Herzogin von Sussex mit ihren Streaming-Deals nämlich der Blaupause von Freunden – den Obamas, die exakt den gleichen Weg bei den beiden Streaming-Pionieren eingeschlagen haben. (Waren sie am Ende gar die Wegbereiter? Vermutlich werden wir es nie erfahren.)

Fest steht, dass die zwei Vertragsabschlüsse den Adelsausteigern innerhalb von gerade mal drei Monaten eine neunstellige Summe beschert haben. Jawoll, nordwärts von 100 Millionen Dollar soll Netflix der Deal wert sein, während Spotify geschätzte 25 Millionen Dollar in die Hand nahm, um Gespräche mit Meghan und Harry zu produzieren und verbreiten.

Was die Ex-Royals dafür leisten müssen? Ein paar Podcasts und Interviews mit „erstaunlichen Leuten“ zu führen, die wiederum „andere Perspektiven“ ermöglichen würden. Bei Netflix haben die Sussexes einen mehrjährigen Vertrag unterschrieben, der Dokuserien, Documentaries, Kinderprogramme und Filme umfasst. In anderen Worten: Ein Heimspiel für „Suits“-Star Meghan Markle. 

„Das Leben besteht aus Storytelling“, erklärt der frühere Hollywoodstar Oprah dann auch schnell die Motivation. Das gilt kaum weniger für die Geldgeber. Beide chronisch defizitären Internetunternehmen sind nämlich nicht nur in ihrem Betätigungsfeld, sondern erst recht geschäftlich begnadete Storyteller: Die Wall Street frisst den Popstar-CEOs Reed Hastings und Daniel Ek aus der Hand. Netflix und Spotify leben von diesem Talent des Wachstumsversprechens – es sind am Ende sogenannte story stocks, die so lange steigen, solange die (Erfolgs-)Story stimmt.       

Spotify hat sich eine halbe Milliarde Dollar für die Podcast-Offensive geleistet, Netflix’ Content-Budget beträgt unfassbare 19 Milliarden Dollar – allein in 2021. Harry und Meghans Dienste belasten den Etat damit gerade mal mit einem halben Prozent der Ausgaben. Der eigentliche Inhalt der Dokus oder Podcasts dürfte schnell zur Nebensache werden: Sie sind schmückendes Beiwerk im tausendfachen Content-Katalog, Meghan und Harry aber vor allem  royale Testimonials der Streaming-Dienste.    

Gleichzeitig hat sich Netflix die bestmöglichen Werbeträger für „The Crown“ eingekauft, die allein durch ihre Unterschriften, durch ihre mediale Dauerpräsenz den royalen Ritterschlag erteilen und damit die Kultserie legitimieren. Abschätzig wie manch anderer aus dem Königshaus kann Harry nach dem 100-Millionen-Dollar-Deal, der als aktuelle Haupteinnahmequelle gewisse Verpflichtungen schafft, nun nicht über „The Crown“ sprechen. Bei Oprah war der Balanceakt bereits zu sehen: „Wir haben’s teilweise gesehen“, floskelte das Prinzenpaar a.D. über die Hitserie, die nicht zimperlich mit dem Königshaus und damit Harrys eigener Familiengeschichte umgeht. Was man so sagt.

Für Netflix und Spotify sind die royalen Deals indes der Jackpot, der aus der Portokasse bezahlt wurde. Netflix wird aktuell mit einer Marktkapitalisierung von 225 Milliarden Dollar bewertet, Spotify mit rund 50 Milliarden Dollar. Harry und Meghan werden sich wie schon nach dem Oprah-Interview, für das sie angeblich 7 Millionen Dollar kassiert haben sollen, vielleicht irgendwann einmal die Frage gefallen lassen: War es das wert – royaler (Ab-)Glanz gegen Big Tech-Dollars?   

+++ Short Tech Reads +++

The Information: AR könnte Geschäftsreisen überflüssig machen, glaubt Mark Zuckerberg  

Die Pandemie macht es vor: Wie wichtig ist der Business Trip zum Kunden tatsächlich noch? Facebooks große Wette auf Virtual Reality könnte den Prozess im Laufe des Jahrzehnts weiter beschleunigen: So glaubt Mark Zuckerberg, dass Augmented Reality-Anwendungen bis 2030 zu einer nahezu physischen Erfahrung in der Kommunikation führen und entsprechend einen positiven Effekt für den Klimawandel haben könnten. 

CNBC: Roblox debütiert zu Börsenwert von 30 Milliarden Dollar

Das Geld scheint weiter auf der Straße zu liegen – bzw. an der Wall Street. Roblox, eine Online-Spiele-Plattform, die sich vor allem bei Kindern und Jugendlichen großer Beliebtheit erfreut, debütiert heute per Direktlisting an der New Yorker Traditionsbörse NYSE. 

Im vergangenen Jahr setzte der 15 Jahre alte Spieleanbieter 924 Millionen Dollar um, in diesem Jahr sollen es über 1,5 Milliarden Dollar werden. Anleger goutieren das Wachstum aus dem Stand mit einer Bewertung von über 30 Milliarden Dollar.    

Insider: TikTok verdoppelt Europa-Belegschaft in sechs Monaten

Um die Hype-App TikTok ist es etwas still geworden – was nicht zuletzt am abgewählten US-Präsidenten liegt. Während der Zwist über das US-Geschäft seit Monaten auf Eis gelegt worden ist, wächst der chinesische Social Media-Star auf dem alten Kontinent in enormem Tempo.

Wie das Techportal Insider berichtet, hat sich die Belegschaft in Europa allein in den vergangenen sechs Monaten mit über 3000 Mitarbeitern knapp verdoppelt. Der Löwenanteil der TikToker arbeitet übrigens in London.    

+++ One more Thing: Die schnelle Kündigunsgwelle bei der HuffPost +++

Es gibt sie, diese verdächtigen, scheinbar nichtssagenden Einladungen von der Geschäftsführung zu sogenannten „All Hands Meetings“. Alle an Bord, es gibt Redebedarf. Im Falle der HuffPost leider keinen guten. Rund drei Monate ist die Ankündigung alt, dass Buzzfeed die HuffPost übernehmen würde – vollzogen wurde die Eingliederung vor einem knappen Monat.

Nun folgt die erwartete Konsolidierungswelle: Der neue Mutterkonzern Buzzfeed entlässt in den USA ein Drittel der Belegschaft – 47 Mitarbeiter. Die Betroffenen erfuhren davon im Anschluss an das Meeting, dessen Passwort „Spring is here“ lautete. Wer keine Kündigungsmail bis um 13 Uhr erhielt, konnte bleiben. Keine Pointe.

Cheers + bis nächste Woche!

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