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Das Compliance-Verfahren bei "Bild"

Die Debatte um Julian Reichelt – Geschlecht: egal

Christa Catharina Müller, Illustration: Bertil Brahmstellvertretende Chefredakteurin MEEDIA

Christa Catharina Müller, stellvertretende Chefredakteurin MEEDIA Illustration: Bertil Brahm

Es gibt kein logisches Argument dafür, dass nur ein Mann die Redaktion von „Bild“ führen kann. Führung ist keine Frage des Chromosoms, sagt Christa Catharina Müller, stellvertretende Chefredakteurin MEEDIA.

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Von Christa Catharina Müller

Auch ich bin über die Formulierung in Gregory Lipinskis MEEDIA-Kommentar zu den Ermittlungen gegen Chefredakteur Julian Reichelt gestolpert, Mathias Döpfner solle die Führung der gedruckten „Bild“, „möglichst in die Hände eines männlichen Journalisten“ legen. Diese Aussage irritiert mich, wie viele andere im Netz auch.

Tanit Koch und Marion Horn hat der Rückhalt von oben gefehlt

Um es ganz deutlich zu formulieren: Ich glaube nicht, dass nur ein Mann in der Lage ist, „die Wogen in der Belegschaft zu glätten“, wie mein Kollege schreibt. Seine Beobachtung, das Klima bei „Bild“ sei so vergiftet, dass keine Frau dort lange bleibe und eine nach der anderen „weggebissen“ werde, mag stimmen. Tanit Koch und Marion Horn haben ihre Posten geräumt. Aber es lag nicht daran, dass sie schwach sind, schon gar nicht, weil sie Frauen sind. Ihnen hat schlicht der Rückhalt von ganz oben gefehlt.

Döpfner hat die heutigen Verhältnisse mit zu verantworten

Wenn Gregory Lipinskis Einschätzung des Klimas bei „Bild“ stimmt, wäre es an Mathias Döpfner dafür zu sorgen, dass sich grundlegend und nachhaltig etwas ändert. Seit bald 20 Jahren ist er Vorstandsvorsitzender von Axel Springer. Vor Kurzem wurde seine Macht im Konzern durch die Schenkung von Unternehmensanteilen weiter gestärkt. Wenn einer Seilschaften zerschlagen und für ein weniger, oder noch besser: gar nicht vergiftetes Klima sorgen kann, dann ja wohl er. Er hat die heutigen Verhältnisse schließlich mit zu verantworten.

Was wird er also tun? Wird er Julian Reichelt versuchen zu halten und riskieren, dass bald oder in Zukunft weitere Vorwürfe auftauchen? Wird er ihn ersetzen und ein Abzieh-Alphamännchen an seine Stelle setzen in der Hoffnung, dass derjenige in weniger provokanter Pavian-Manier auftritt? Beide Male wäre nichts gewonnen. Wenn Döpfner es wirklich ernst meint, muss er grundlegende Veränderungen vornehmen. Dafür reicht es nicht aus, einen Kopf auszutauschen, ganz gleich, wer dann an der Spitze der „Bild“ sitzt.

Und noch eine Anmerkung: Wir wissen seit vergangenem Freitagmittag von dem Compliance-Verfahren und den Vorwürfen gegen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Seitdem beschäftigt uns das Thema quasi nonstop. Eine offizielle Bestätigung dazu, was genau ihm vorgeworfen wird, gibt es nicht. Weder von Axel Springer noch von den Anklagenden. Solange die Schuld von Reichelt nicht bewiesen ist, werden wir uns in der Berichterstattung zurückhalten. Das ist unsere journalistische Sorgfaltspflicht. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verteidige ihn nicht. Keineswegs. Wenn die Vorwürfe ansatzweise stimmen, hat er weder an der Spitze der „Bild“ noch in einer anderen Redaktion etwas zu suchen. Aber bis dahin gilt auch für Julian Reichelt die Unschuldsvermutung. 

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