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Internationaler Weltfrauentag

Mehr Diversität braucht mehr als nur einen „Frauentag“, auch in den Medien

Weltfrauentag - Ein Plädoyer für mehr Diversität in der Diversität

Für mehr Diversität in der Diversität plädiert MEEDIA-Redakteur Tobias Singer. Foto: Imago

Am Weltfrauentag liegt der Fokus auf der Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern. Das ist gut. Aber es fehlt ein Blick auf die Diversität in der Diversität, findet MEEDIA-Redakteur Tobias Singer.

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Heute ist internationaler Frauentag. Hierzulande ein wichtiges Datum für den Blumenhandel. Ein wichtiges Datum, an dem Frauen von ihren noch immer meist männlichen Chefs einen möglichst undefinierten Dank erhalten, manchmal. Ein wichtiges Datum, damit Politiker*innen die Wichtigkeit dieses Datums und der eigenen Erfolge bekräftigen können. Ein wichtiges Datum, an dem Marken mehr Budget auf emotionale Spots legen oder noch einmal im Archiv kramen, um zu zeigen wie revolutionär und fördernd man schon immer gewesen ist. Ein wichtiges Datum, an dem Branchenmagazine (auch wir) dann die besten Spots und Anzeigen zeigen. Was dieser Tag nicht bringt? Eine gleiche Bezahlung. Die Lohnkluft zwischen Mann und Frau ist hierzulande in Europa am größten, hat erst eine neue DIW-Studie hervorgebracht. Mehr Diversität im Berufsleben, auch in Redaktionen oder gar Chefredaktionen. Dafür reicht ein Blick auf die aktuelle Studie des Vereins Pro Quote. Nur Acht von 108 Chefredaktionsstellen sind bei Lokalmedien mit Frauen besetzt, wie Mann (musste sein) dort nachlesen kann. Die Quote verbessert sich zwar bei überregionalen Medien, dort liegt der Frauenmachtanteil (eine eigene Größe des Vereins Pro Quote) bei 25 Prozent, bei Leitmedien erhöht sie sich auf 29 Prozent. Die Öffentlich-Rechtlichen sind 37,7 Prozent schon wesentlich weiter. Nur die Publikumszeitschriften haben mit 48,9 Prozent fast Parität geschaffen. Traurig wird es, wirft man einen Blick auf den aktuellen Reuters Report. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen im Journalismus ist demnach im Deutschland sogar zurückgegangen im Jahresvergleich, von 33 auf 27 Prozent.

Migrationserfahrung? Fehlanzeige

Was die Zahlen auch nicht zeigen: wie es innerhalb dieser Gruppe aussieht. Die aktuellen Forderung nach mehr Diversität in den gesellschaftlichen Entscheidungsstrukturen könnte sogar den sozialistischen Weltfrauentag alt aussehen lassen. Wieso das? Weil auch der Kampf für mehr Sichtbarkeit für Frauen exklusiv sein kann, im schlechtesten Sinne. Denn welche Frauen profitieren aktuell in der Mehrheit zuerst? Wohl doch eher ältere, meist kinderlose, aber mindestens doch weiße Frauen. Ein Blick auf eine andere Zahl zeigt nämlich: nur sechs Prozent der Chefredakteur*innen haben einen Migrationshintergrund und Gruppen, „die besonders von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind, sind darunter nicht vertreten“, schreiben die Neuen deutschen Medienmacher*innen in ihrer Studie. Von der anderen Seite betrachtet: „118 von 126 befragten Chefredakteur*innen der reichweitenstärksten Medien sind Deutsche ohne Migrationshintergrund.“ Und dass, obwohl Menschen mit Migrationshintergrund ein Viertel unserer Gesellschaft ausmachen. Wenn man sich dann noch ausmalt wie die Zahl der Frauen innerhalb dieser Gruppe ausschaut, wird es düster.

Ostdeutsche? Keine Teilhabe  

Dieses Problem der Repräsentanz durfte zuletzt auch das „Handelsblatt“ erfahren. Die Ausgabe vom 6. März zeigt 100 Frauen, „die dieses Land in den nächsten Jahren voranbringen werden“. Sie traf den richtigen Nerv und erhielt viel Beifall, zurecht. Aber es gab auch Kritik, ebenso zurecht. Denn dass es mit dem richten Nerv nicht immer so leicht ist, zeigt der Beitrag von Frank Bösenberg auf Twitter. Er hat die Wirkungsorte der Gründerinnen und Firmenlenkerinnen aus der „Handelsblatt“-Story sichtbar gemacht. Und abgesehen von Berlin findet sich kein Firmensitz auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Gab es keine Erfolgsmodelle aus dem Osten der Republik? Kaum, aber in der Auswahl spielte das Kriterium wohl keine Rolle. Die Folge: Keine Sichtbarkeit für ostdeutsche Frauen. Dabei machen Ostdeutsche insgesamt 17 Prozent der deutschen Gesellschaft aus. Das Ungleichgewicht zeigt sich auch an anderer Stelle: Allein innerhalb der Führungskräfte in Ostdeutschland liegt der Anteil ostdeutscher Männer und Frauen nur bei 23 Prozent – dabei macht deren Bevölkerungsanteil in diesem Landesteil 87 Prozent aus. Das spiegelt sich auch in der Medienwelt wider. In den gesamtdeutschen Leitmedien sind so gut wie keine Ostdeutschen zu finden, ist in der aktuellen Studie „30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung“ der Otto-Brenner-Stiftung zu lesen. Das zeigt sich auch in den Chefetagen der großen ostdeutschen Regionalzeitungen: „in denen sind Westdeutsche ähnlich überrepräsentiert wie vielerorts beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.“ Hier geht sogar bis in die Besitzstrukturen: Fast alle Regionalzeitungen, die im Osten erscheinen, sind laut Studie in Besitz westdeutscher Medienunternehmen. Was die aktuelle Kritik am „Handelsblatt“ also zeigt, in der Gerechtigkeit versteckt sich wieder, genau, Ungerechtigkeit. Wer einmal anfängt, die Ungleichheit zu erkennen, hört so schnell nicht wieder auf. Dem fällt auf, dass Marginalisierung in allen Bereichen der Gesellschaft existiert, und über die LGBTQ-Repräsentanz in der Gesellschaft und den Medien haben wir noch gar nicht geredet.

Mehr Diversität wagen

Soll der Weltfrauentag jetzt also abgeschafft werden, weil die Ungleichheit nicht nur zwischen Männern und Frauen verläuft? Ein klares „Nein“ von meiner Seite. Weitere Aufmerksamkeit kann nie schaden, besser noch sind Eigenverpflichtungen, die eingehalten Werder, übertrumpft von Gesetzen für feste Quoten. Was Medien leisten können? Wir müssen es über den Gedenk und Feiertagsjournalismus zum Dauerthema machen, dass die Meinungsmacher*innen und Entscheider*innen in unserer Gesellschaft doch in der Mehrheit Meinungsmacher und Entscheider sind, und zwar ohne die Diskriminierungserfahrungen von marginalisierten Gruppen aller Couleur. Das fängt bei Berichten und befragten Expert*innen an und das geht bis in die Chef*innenetagen. Die „New York Times“ zeigt, wie es gehen könnte. Die „Old Grey Lady“ will etwas von dem Staub vergangener Zeiten abschütteln und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Anteil von Schwarzen und Hispanics innerhalb der eigenen Führung hochzusetzen, auf 50 Prozent. Auch das ist Feminismus. 

MEEDIA Redakteur Tobias Singer
Zeichnung: Bertil Brahm

Anmerkung vom Autor: 

Als der typische – mittelalte  – weiße Mann habe ich lange mit mir gerungen, ob ausgerechnet ich einen Beitrag zum Weltfrauentag schreiben sollte. Aber mir geht es darum im Kampf für Gleichheit nicht blind zu werden für andere Ungleichheiten, auch in der Diversität muss man den Blick für Diversität bewahren. Ob mir das gelungen ist oder nicht, entscheiden Sie bitte. Sie können mir gerne dazu schreiben per Mail, via Twitter oder auf Linkedin.

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