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Vorwürfe von Machtmissbrauch

Compliance-Verfahren gegen „Bild“-Chef Julian Reichelt

"Bild"-Chef Julian Reichelt – Foto: Imago

Um „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt gibt es derzeit großen Wirbel. Die Compliance-Abteilung des Berliner Medienkonzerns Axel Springer geht Hinweisen von Personen nach, Reichelt habe problematisches Führungsverhalten gezeigt. Der Konzern äußert sich nicht.

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Die Compliance-Abteilung des Berliner Medienhauses Axel Springer geht Hinweisen von Mitarbeitern nach, die sein Führungsverhalten infrage stellen. Es geht um Vorwürfe von Machtmissbrauch und die Ausnutzung von Abhängigkeits-Verhältnissen. Springer soll eine externe Kanzlei eingeschaltet haben, die die Vorgänge untersucht. Dies berichtet der „Spiegel“ auf seiner Online-Seite.

Nach MEEDIA-Informationen soll es ein Kreis von mehr als zehn weiblichen wie männlichen Personen sein, die Reichelt bezichtigen. Der „Spiegel“ indes schreibt von „rund einem halben Dutzend Mitarbeiterinnen“. Auf Anfrage von MEEDIA  erklärt der Verlag: „Zu internen Vorgängen äußern wir uns grundsätzlich nicht. Dies gilt auch für Julian Reichelt.“

Der Satiriker Jan Böhmermann hatte bereits in seiner Sendung „ZDF Magazin Royale“ vom vergangenen Freitag Andeutungen über ein entsprechendes Compliance-Verfahren. Er bezeichnete Reichelt als „Graf Koks von der Gasanstalt“ und setzte einen Tweet auf Twitter ab. Darin heißt es: „Wer nicht gerade bis zum gepuderten Näschen in einem unappetitlichen Compliance-Verfahren steckt, kann JETZT gerne einmal mit dem @zdfmagazin der Frage nachspüren“.

Auch der Medienjournalist Stefan Niggemeier machte auf Twitter Andeutungen zu Reichelt:

Über das genaue Ausmaß des internen Verfahrens gegen den „Bild“-Chefredakteur ist derzeit noch nichts bekannt.

Vorwürfe strecken sich über mehrere Jahre

Für Reichelt sind die internen Ermittlungen äußerst unangenehm. Sie verunsichern die Redaktion, solange sie nicht abgeschlossen und die Vorwürfe entkräftet sind. Das könnte sich jedoch hinziehen, da sich die Vorgänge teils vor mehreren Jahren ereignet haben sollen. Der Alpha-Journalist ist seit Längerem nicht unumstritten. Gerne polarisiert er – beispielsweise in der Corona-Krise. So eckt mit dem Virologen Christian Drosten heftig an. Von einer „Anti-Drosten-Kampagne“ ist die Rede. Reichelt weist die Vorwürfe zurück. 

Vor allem in der Redaktion macht sich der „Bild“-Haudegen keine Freunde. Hinter vorgehaltener Hand kritisieren ihn viele Mitarbeiter wegen seines äußerst bestimmenden Führungsstils. Das macht sich auch im Personaltableau bemerkbar. Viele hochkarätige Journalisten kehrten der roten Gruppe den Rücken. Darunter Nikolaus Blome, der zur Mediengruppe RTL wechselte, die „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Marion Horn sowie Tanit Koch, die als Chefredakteurin bis zu ihrem Ausscheiden für das gedruckte Medium des Springer-Flaggschiffs verantwortlich zeichnet. Seither bestimmt Reichelt nun auch den Kurs der Printausgabe, die weiterhin ein wichtiger Ertragsbringer für Springer ist. Und das, obwohl der Chefredakteur mit „Bild Live“ kräftig das Bewegtbild-Angebot der Zeitung im Netz ausbaut.

Besonders misslich sind die Ermittlungen um Reichelt vor allem für Vorstandschef Mathias Döpfner. Er stützt den 40-Jährigen seit Jahren und schirmt ihn vor jedweder hausinterner Kritik ab. Mitte vergangenen Jahres befördert er den Journalisten im Zuge eines Umbaus von News Media National zum Sprecher der „Bild“-Geschäftsführung. Ein weiteres Signal, dass Döpfner felsenfest zu dem Hanseaten steht.

Reichelts Aufstieg in die Geschäftsführung ist der bisherige Höhepunkt seiner beruflichen Karriere, die er fast ausschließlich bei Springer absolviert. Hier ist er seit 2002 tätig und wird zum Shootingstar. Nach seiner Ausbildung an der Springer-Journalistenschule arbeitet er zunächst im Nachrichten-Ressort von „Bild“, wo er sich unter anderem durch Berichte aus Krisengebieten einen Namen macht. 2007 wird der heute 40-Jährige Chefreporter der Zeitung, 2014 steigt er zum Chefredakteur des Digitalablegers auf.

Und das ist nicht das Ende seiner Karriereleiter. Nach dem Ausscheiden seines Vorgängers Diekmann ernennt ihn Döpfner 2017 zum Gesamtchef der roten Gruppe. Fraglich ist nun, ob und wie seine weitere berufliche Zukunft aussieht. Das hängt wesentlich davon ab, ob sich die Vorwürfe erhärten.   

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