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Wochenrückblick

Verlage und Facebook/Google: Lieber „lousy Pennies“ als gar kein Geld?

Im „Kölner Stadt-Anzeiger“ werden Frauen kategorisch zu Opfern erklärt. Deutsche Verlage haben ein ambivalentes Verhältnis zu Google und Facebook, wenn es um Geld geht. Und Heinz Strunk schließt die „Intimschatulle“. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Aktuell wird viel über Identitätspolitik diskutiert (Huhu, Herr Thierse! Hallo, Frau Esken!). Und über Haltung, bzw. „Purpose“ und darüber, was man sagen/schreiben darf oder soll oder will. Eine bizarre Note in die Debatte bringt der „Kölner Stadt-Anzeiger“ ein. In einem lokalen Fall ermittelt die Polizei gegen eine Frau wegen des Verdachts der Falschaussage. Sie hatte zuvor ausgesagt, als Joggerin brutal vergewaltigt worden zu sein. Die Polizei hat an dieser Version offenbar massive Zweifel und gab zu den Ermittlungen wegen Falschaussage eine Pressemitteilung heraus. In einem Kommentar erklärt die stellvertretende Chefredakteurin de „Stadt-Anzeigers“ die Frau zum Opfer, und zwar unabhängig davon, ob sie wirklich falsch ausgesagt hat oder nicht (die Ermittlungen laufen noch):

Falls sich am Ende tatsächlich herausstellen sollte, dass die Vergewaltigung erfunden ist, ändert dies nichts an der Tatsache, dass diese Frau ein Opfer ist. Wer sich ausdenkt, Opfer einer grausigen Tat zu sein, der sucht Hilfe. Aggressionen sind fehl am Platz, Hass und Häme sind niederträchtig.

Das finde ich gruselig. Mit einer solchen „Haltung“ tut man gerade den echten Opfern einer Vergewaltigung oder eines Übergriffs keinen Gefallen. Abgesehen davon, dass die Zielperson einer Falschbeschuldigung möglicherweise auch ein Leben lang damit zu kämpfen hat und eben auch Opfer ist. Siehe Jörg Kachelmann.

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Im Mai will Facebook seinen News-Dienst auch in Deutschland starten. Dabei zahlt das Netzwerk Geld an Medienunternehmen für Inhalte. Diese Inhalte werden bei Facebook dann in einer speziellen News-Sektion dargeboten. Allerdings nicht die kompletten Inhalte, wie bei Instant Articles, sondern Links und Vorschauen. Zum Deutschlandstart sind laut Facebook rund 100 Medien dabei, u.a. „Zeit“, „FAZ“ oder Heise. Nicht dabei sind u.a. RTL, „Süddeutsche“, Burda und Axel Springer. Springer lehnt die Kooperation mit Facebook grundsätzlich ab, man setzt stattdessen auf die Durchsetzung des EU-Urheberrechts und will Lizenzzahlungen für alle Medien statt Einzel-Deals. Bei den anderen Medienhäusern ist die Stimmung, wie man hört, eher gemischt. So soll es insbesondere auch bei Burda strittig sein, ob man nun die Facebook-Kohle nehmen soll oder nicht. Mit Google hat Burda bereits einen Deal gemacht. Der „Focus“- und „Bunte“-Verlag bekommt künftig Geld dafür, dass Verlags-Inhalte bei dem Google-Dienst News Showcase angezeigt werden. Bei Facebook zögert man noch. Dabei gab es mal eine Zeit, da hat Verleger Hubert Burda ordentlich gegen Google, Facebook und Co. gewettert. Burda prägte den Begriff der „lousy Pennies“, die für die Verlage im Internet blieben und er sprach noch 2009 von einer „schleichenden Enteignung“ der Verlage durch die Plattformen. Heute sind dem einen oder anderen ein paar „Pennies“ vielleicht lieber als gar kein Geld. Der Blick nach Australien, wo Facebook die Medien auf der eigenen Plattform mal eben kurz abgeschaltet hat, zeigt, dass der Verhandlungs-Spielraum für Medienhäuser begrenzt ist.

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Die traurige Mediennachricht der Woche ist für mich persönlich, dass Heinz Strunk seine Kolumne „Intimschatulle“ in der „Titanic“ beendet. Die zwei Seiten mehr oder weniger fiktives Tagebuch waren in den vergangenen sechs Jahren stets ein Highlight. Zum Schluss läuft Strunk noch einmal zu Form auf, etwa wenn er „belastendes Material“ gegen den Känguru-Chronisten Marc-Uwe Kling sammelt:

„Fangen wir ganz von vorn an, beim Namen. Marc-Uwe. Bescheuerter ‚Sound‘. Nachname: Kling. Schmidt. Schulz. Voss. Kling: einsilbig und glanzloser, wie es kaum mehr geht. Das sagt der Richtige, mögen erbitterte Fans des Markenzeichen Baskenmützenträger (Leute mit Markenzeichen haben generell einen an der Waffel) ungefragt losplärren. Doch Obacht: Ich habe einen sehr schönen, geradezu aristokratisch anmutenden Namen, den ich jedoch aus Gründen (Schufa-Angst) geheim halten muss.“

Naja, geheim. Lt. Wikipedia heißt „Heinz Strunk“ bürgerlich Mathias Halfpape. Damit ist er vermutlich einer der sehr seltenen Fälle, in denen der Künstlername weniger glamourös ist als der echte.

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Ganz am Ende noch ein Podcast-Tipp. Geraldine Friedrich (wir waren früher Kollegen beim „Kress Report“) und Francoise Hauser haben einen Ratgeber-Podcast für Freie Journalisten gestartet: „Der Freien Podcast„. In den ersten Folgen geht’s um den Zuschuss des Autorenversorgungswerks für freie Journalisten oder darum, wie freie Journalisten Touristik-Themen anpacken können. In Zeiten von Big C. sind das sicher wertvolle Infos.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast von Kollege Christian Meier („Welt“) und Yours truly geht es diesmal um Rupert Murdochs 90. Geburtstag, die Komplett-Übernahme von Super RTL durch das RTL und den Diversity-Report der „New York Times“. Wir klären dabei ganz nebenbei, wie Redaktionen auf gute Art (!) diverser und weiblicher werden können. Wer, wenn nicht zwei mittelalte, weiße Typen, wäre dafür geeignet? Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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