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Die GAFA-Kolumne

Das 50-Milliarden-Euro-Vermächtnis der Samwers

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Es ist Zeit für eine Neubewertung von Deutschlands schillerndsten Internetgründern. Die Samwer-Brüder werden gerne für die geplatzten Börsenträume ihrer Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet gescholten, haben aber als Inkubatoren maßgeblichen Anteil an der Entwicklung von nunmehr drei Internetriesen made in Germany

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„Geschäfte sind Mittelalter. Sie wurden nur gebaut, weil es kein Internet gab“ – Oliver Samwer, Seriengründer und Rocket Internet-CEO, 2014.  

Was haben Sie vor einem Jahr gemacht, als Sie merkten, dass Corona näher kommt? Eine meiner ersten Handlungen war – neben dem Reflex zum Maskenkauf bei Amazon – die Umstellung meiner Einkaufsgewohnheiten: den Supermarkt meiden und den Einkauf liefern lassen. Seit Jahren hatte ich mir vorgenommen, den Gang in den Supermarkt und die Dreiviertelstunde zu sparen, doch die Macht der Gewohnheit kann bekanntlich grenzenlos sein.

Dann kam Corona und wurde zum Change Agent, um in der Terminologie von Steve Jobs oder Scott Galloway zu bleiben. Meine erste Order bei Rewe datiert tatsächlich auf den 2. März – und belief sich auf etwa 300 Euro. Einmal alles, bitte, vielleicht naht ja wirklich der Weltuntergang. Als konsequenter Autoverweigerer, der entsprechend schwer bei den Einkäufen geschleppt hat, war und bin ich wahnsinnig dankbar für die Möglichkeit eines Lieferdienstes, erst recht in der Pandemie. 

Bis heute geht das etwa einmal in der Woche so, nur die Beträge sind kleiner geworden. Ich werde nicht mehr zur Vor-Corona-Zeit zurückkehren: Der Lieferservice hat mein Leben verbessert, ich spare Stunden, die ich mit meiner Familie verbringe, statt mich durch schlecht gelaunte Menschen zu schieben, immer im Unbehagen, was eigentlich mit den 5 Prozent Restrisiko bei FFP2-Masken ist?  

Man kann sich mich also als relativ glücklichen Rewe-Kunden vorstellen, der dem Kölner Einzelhändler in den vergangenen zwölf Monaten zig Tausend Euro Umsätze beschert hat. Allein: Glück ist bekanntlich relativ und flüchtig. Irgendwann nach einem halben Jahr Pandemie ging uns der Appetit verloren. Sie wissen schon: Selbst ein Fünf-Sterne-Dinner wird auf Dauer langweilig.

Also auf zu Alternativen, an die ich seit Monaten im Treppenhaus erinnert werde: Einmal die Woche wartet dort ein großes Paket, das ich kritisch beäuge – die Nachbarn bekommen HelloFresh geliefert. Natürlich ist mir der Kochboxenversender geläufig, ich schreibe seit 2015 über die Berliner. Und genau hier fängt das Problem an: Das, was ich vor allem in den Jahren vor dem mehrfach angekündigten und dann wieder abgesagten Börsengang von und über HelloFresh zu berichten hatte, hat offenkundig unterbewusst zu einer gewissen Befangenheit geführt.

In Erinnerung geblieben ist mir der Machtkampf vom HelloFresh-Inkubator Rocket Internet mit dem schwedischen Großaktionär Kinnevik, der Ende 2015 zur Streichung des Börsengangs von HelloFresh führte. Seinerzeit zitierte das „Handelsblatt“ Rocket-Aussteiger, die berichteten, dass das Unternehmen (Rocket Internet, nicht HelloFresh) „wie eine Imbissbude“ geführt werden würde und dass sich die Manager noch immer wie Pubertierende benehmen würden, die glaubten, dass sich der Markt nach ihnen richten müsse. Düstere Zeiten. 

Man kann sagen, das Negativimage hat sich bei mir so sehr verfestigt, dass ich auch HelloFresh als Teil des Rocket-Universums unbewusst als unsympathisch empfunden habe, obwohl sich das Unternehmen weiterentwickelt hat, schnell im MDax angekommen ist und Rocket Internet als Investor ausgestiegen war. Fast zynisch könnte man nun behaupten: Wie gut, dass die Pandemie für zweite Chancen sorgt!

Seit Ende vergangenen Jahres sind wir nun zufriedene HelloFresh-Kunden: Die Anlieferung der Kochboxen klappt reibungslos und hat jedes Mal etwas von einem Wundertüten-Effekt. Die Rezepte sind im Voraus online wählbar und entsprechend abwechslungsreich. Die genau bemessenen Zutaten sind, was sie sein sollen: frisch und gleichzeitig gut haltbar. Und mit etwa 60 Euro für fünf Gerichte in der Woche gut bezahlbar. Umsätze, die jetzt nach Berlin statt nach Köln gehen, so läuft’s Business.

Zugegeben: Man sollte die nötige Zeit für die Essenszubereitung einplanen, HelloFresh ist eher Slow Food – und damit das so ziemliche Gegenteil von einer anderen früheren Rocket Internet-Beteiligung: Essenslieferdienst Delivery Hero, der zum Großteil im Ausland aktiv ist, und im vergangenen Sommer sogar im Dax aufgenommen wurde.

Der enorme Erfolg der beiden Berliner Internetunternehmen, die in diesem Jahr bereits ihr zehnjähriges Bestehen feiern und sich in den vergangenen zwölf Monaten an der Börse in der Spitze (mehr als) verdoppelten, scheint unterdessen noch nicht hinreichend registriert worden zu sein. Deutschland, das in der Digitalisierung – Corona offenbart es gnadenlos – gefühlte 20 Jahre hinter dem EU-Mitglied Estland liegt, kann plötzlich tatsächlich gleich drei Internetunternehmen jenseits der Bewertungsmarke von 10 Milliarden Euro vorweisen: HelloFresh, Delivery Hero und auch den Modeversender Zalando, ebenfalls ein einstiger Rocket-Zögling.

An dieser Stelle lohnt es, einmal den Taschenrechner zu zücken: Zusammengenommen kommen die drei Berliner Internetunternehmen auf die sagenhafte Marktkapitalisierung von 50 Milliarden Euro! Das ist in etwa so viel wie Pharmariese Bayer und mehr als BMW! Keine Frage: Die Wertsteigerung der jüngeren Vergangenheit gebührt vor allem der Managementleistung von Dominik Richter (HelloFresh), Niklas Östberg (Delivery Hero), Rubin Ritter, Robert Gentz und David Schneider (alle Co-Vorstände von Zalando).  

Als Investoren und Inkubatoren haben die Samwers jedoch den Grundstein gelegt, an der Börse Werte zu schaffen, die ihnen vor Jahren kaum einer zugetraut hätte. Offenbar nicht einmal die Samwers selber, denn ironischerweise versilberten sie die Anteile ihrer Zöglinge im Rückblick viel zu früh. Vor knapp zwei Jahren trennte sich Rocket Internet von den letzten HelloFresh-Anteilen zu Kursen von 8 Euro. Vergangenen Monat nahm die Aktie schon Kurse von fast 80 Euro ins Visier.

Für Kleinanleger ist die Erfahrung tröstlich: Auch Deutschlands vermeintlich smarteste Investoren lassen sich schon mal Kursgewinne von fast 900 Prozent durch die Lappen gehen. Im krassen Gegensatz steht dazu die enttäuschende Performance des Samwerschen Beteiligungsunternehmens Rocket Internet, das nach sechs Jahren an der Börse im vergangenen Herbst mit einem Verlust von mehr als 60 Prozent wieder vom Kurszettel verschwand. „Das ist eine bodenlose Frechheit. Samwer hinterlässt in Deutschland verbrannte Erde. Das ist ein schwerer Schlag gegen die Aktienkultur in Deutschland“, wetterte ein AktionärsschützerKlagen folgten.

Am späten, aber beträchtlichen Vermächtnis der Samwers ändert das wenig. Im Frühjahr 2021, in dem die Corona-Republik unter der Last der verpassten Digitalisierung ächzt, hat Deutschland digitale Champions, die im Wortsinne liefern. Es muss nicht immer Amazon sein: Big Tech made in Germany – auch das gibt es inzwischen.

+++ Short Tech Reads +++

eMarketer: Spotify könnte Apple bis Ende des Jahres bei Podcasts in den USA überholen

Die Investitionen waren enorm: Sage und schreibe eine halbe Milliarde Dollar hat Musik-Streaming-Pionier Spotify in den vergangenen drei Jahren in den Zukauf von Podcast-Plattformen und -Formaten (Gimlet Media, Anchor, The Ringer, „The Joe Rogan Experience“) in die Hand genommen. 

Die XXL-Wette scheint sich auszuzahlen: Wie der Marktforscher eMarketer prognostiziert, dürfte der schwedische Streaming-Pionier den langjährigen Marktführer Apple in diesem Jahr in den USA überholen. Nach Schätzungen von eMarketer könnten per Ende 2021 28,2 Millionen Amerikaner Podcasts bei Spotify hören versus 28 Millionen bei Apple. Im kommenden Jahr dürfte Spotify Apple dann mit geschätzt 37,5 Millionen Zuhörern schnell enteilen.    

CNBC: Automarkt der Zukunft – Tesla vs. Apple

Schlechte Nachrichten für die (deutsche) Autobranche von einem der besten Techanalysten, der heute Wagnisfinanzierer ist. Gene Munster von Loup Ventures prognostiziert, dass sich in der nächsten Dekade ein Duell um die Vorherrschaft der Automobilindustrie abzeichnet: Tesla versus Apple

„Traditionsunternehmen, die seit 100 Jahren bestehen, wird es dann zwar noch als Marken geben, aber sie werden ein Bruchteil von heute wert sein“, prophezeit Munster die nächste Disruption einer Branche durch das Silicon Valley. 

Marketwatch: Starinvestorin Cathie Wood – Bitcoin kann Anleihen ersetzen

Sie ist die Frau der Stunde: Starinvestorin Cathie Wood, die mit ihrem Ark Innovation ETF seit Jahren einen der erfolgreichsten Technologiefonds managt, der in den vergangenen zwölf Monaten Wertzuwächse von rund zweihundert Prozent verbuchte.

Die Performance erzielte Wood mit den heißesten Tech- und Internetaktien wie Tesla, Square, Roku oder Spotify, aber auch in die Kryptowährung Bitcoin ist die 65-Jährige investiert. Woods Hypothese; Der Bitcoin werde sich künftig nicht nur als Reservewährung – als „digitales Gold“ – etablieren, sondern könnte sogar künftig Anleihen den Rang ablaufen.

Dagegen hält ein anderer prominenter Hedgefondsmanager: „The Big Short“-Star Michael J. Burry bezeichnet die Kryptowährung als eine „spekulative Blase“ und prophezeit ihr einen Crash

+++ One more Thing: Big Tech gewinnt immer, Content eher nicht +++

Schreibst du noch für einen Verlag oder substackst du schon? Das ist die Frage, die sich in den vergangenen Monaten vermutlich einige Journalisten gestellt haben. Immer mehr US-Starredakteure haben in den vergangenen Monaten ihren Verlagsjob für den Newsletter-Gig an den Nagel gehängt – von Buzzfeed-Kulturedakteurin Anne Helen Petersen bis zu The Verge-Techreporter Casey Newton.

Ob ein Substack-Newsletter allerdings zum Lebensunterhalt reicht, ist die andere, im Hype gern vernachlässigte Frage. Im Premium-Tech-Portal The Information gräbt Mighty Networks-CEO Gina Bianchini unterdessen noch tiefer und stellt fest: „Es mag einfach sein, einen Newsletter, Podcast oder Online-Kurs zu starten, aber schwierig, ein Content-Business am Laufen zu halten. Wirklich schwierig“.

Bianchini kommt gar zu dem Schluss, dass Content das schlechteste Digital-Abomodell wäre, das ein Einzelunternehmer wählen könne. Am Ende gewinnt nämlich wieder einmal der Software-Distributor, der vom wachsenden Netzwerk-Effekt profitiert, während der Content Creator noch härter arbeiten – also: mehr schreiben – muss, um relevant zu bleiben. In anderen Worten: Big Tech gewinnt immer.   

Cheers + bis nächste Woche!

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