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Die GAFA-Kolumne

Apple und Tesla geraten an der Wall Street unter Druck

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Die Corona-Krise jährt sich zum ersten Mal an der Wall Street. Big Tech erlebt ein Déjà-vu. An den Kryptobörsen rumpelt es gewaltig. Elon Musk twittert zotige Emojis. Und Spotify startet einen Podcast ganz nach dem Geschmack des Autors. Es ist wieder viel passiert in der GAFA-Woche!

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Der Albtraum erlebt seinen Jahrestag. Tatsächlich genau ein Jahr ist es jetzt her, dass der Welt schwante, dass dieses seltsame Virus aus China, das in den ersten zwei Monaten 2020 noch auf Asien begrenzt schien, auch den Rest der Welt erreichen würde.

Ich erinnere mich an die Eskalationsschleife, als wäre es gestern. Italien entschloss sich zum Teil-Lockdown in der Lombardei, und ich fing an, bei Amazon nach 3M-Masken zu suchen, in denen ich Frederik Pleitgen bei CNN in den ersten Berichterstattungen aus den betroffenen Gebieten gesehen hatte. Was in den Tagen danach folgte, dürfte als der bislang spektakulärste Monat in die Geschichte des 21. Jahrhunderts eingehen. Diese Geschichte wurde in wenigen Wochen geschrieben: nicht nur in der Entwicklung der Pandemie, sondern gleichfalls an der Wall Street.

Was sich in der letzten Februarwoche und den darauffolgenden ersten drei Märzwochen abspielte, hat es buchstäblich noch nie gegeben. Nie verloren die Weltbörsen von New York bis Frankfurt so dramatisch wie in jenen verhängnisvollen vier Wochen, die heute auf den Tag genau begonnen haben. Mittendrin: Big Tech.

Genau ein Jahr später scheint es, als sollten die alten bösen Geister wieder auf dem Börsenparkett herumspuken. Big Tech-Aktien sind angeschlagen wie seit Monaten nicht mehr und schleppen sich seit einigen Handelswochen wie ein angezählter Boxer durch den Ring. In den letzten Tagen gewann der Ausverkauf wieder an Dynamik. Von den bisherigen Jahreshochs büßten die sechs wertvollsten Tech- und Internetkonzerne aus den USA in der Spitze wie folgt an Wert ein:

•  Alphabet: – 5 % 
•  Microsoft: – 6 % 
Amazon: – 8 %
Facebook: – 8 %
Apple: – 15 %
Tesla: – 23%  

Der Hintergrund ist ziemlich der gleiche wie vor einem Jahr: Nach spektakulären Zuwächsen im Vorjahr haben Anleger viel zu verlieren. Das gilt im besonderen Maße für GAFAM-Aktien, die zu den ausgewiesenen Krisengewinnern der Corona-Pandemie zählen, weil ihre Dienste und Produkte noch unverzichtbarer geworden sind. Während Google-Mutter Alphabet, Facebook und Microsoft im vergangenen Jahr Kurszuwächse von rund 35 Prozent verbuchten, erfreute Apple und Amazon seine Aktionäre mit einem Kursplus von mehr als 80 Prozent.      

Vor allem jedoch der ultimative Vorjahresgewinner Tesla hat mit Zuwächsen von 700 Prozent im Börsenjahr 2020 viel Luft im Chart. Hedgefondsmanager Michael J. Burry hatte Tesla unlängst nicht umsonst zum „Big Short“ deklariert, wie in der letzten Woche berichtet.    

Wie war das noch bei Mark Twain? „Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“ Besitzern von Big-Tech-Aktien könnten damit unruhige Wochen ins Haus stehen.  

+++ Short Tech Reads +++

CBS: Tesla macht mit Bitcoin mehr Profit als operativ im ganzen Jahr 2020  – dann kam der Crash  

Dass die Kryptowährung ein volatiles Investment ist, ist keine Neuigkeit. Trotzdem sorgen heftige Ausverkaufswellen wie seit Wochenbeginn mit Kursverlusten von fast 20 Prozent in 24 Stunden immer wieder für dramatische Schlagzeilen.

Die hatte Tesla-Chef Elon Musk wenige Tage zuvor noch mit seinem Bitcoin-Engagement komplett auf seiner Seite. Tatsächlich soll das Investment in das digitale Gold, das Tesla mutmaßlich in den ersten beiden Januarwochen zu Kursen der tiefen 30.000-Dollarniveaus getätigt haben dürfte, dem Elektroautopionier bis zum Wochenbeginn größere Gewinne in die Kassen gespült haben als im Gesamtjahr 2020 – nämlich bis zu einer Milliarde Dollar! –, zumindest virtuell. 

Dann jedoch kam der Bitcoin-Abverkauf, an dem Elon Musk mit seinem Tweet zum aktuellen Preisniveau nicht ganz unschuldig war, der möglicherweise Teslas eigenen Selloff weiter verstärkte.

Das wiederum spielte dem Ökonomen und Bitcoin-Kritiker Peter Schiff in den Karten, der Musk nach dem Abverkauf der Kryptowährung und der Tesla-Aktie konfrontierte. Musks Antwort darauf ist wieder einmal Twitter-Folklore:

 

Axios: Kryptobörse Coinbase will selbst an die Börse – zu 100 Milliarden-Dollar-Bewertung  

Apropos Bitcoin: Der Run auf das digitale Gold hat in den vergangenen Wochen einen allgegenwärtigen Spekulationsboom entfacht, von dem die Kryptobörsen entsprechend profitieren. Die neun Jahre alte US-Plattform Coinbase will nun vom Krypto-Hype profitieren und selbst an die Börse gehen.

Und zwar zu einer stattlichen Bewertung von über 100 Milliarden Dollar, die Coinbase weitaus wertvoller machen würde als andere börsengelistete Handelsplätze wie etwa die Techbörse Nasdaq. Die Umsätze sind dabei überschaubar: In den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres setzte Coinbase gerade mal 691 Millionen Dollar um, verdiente daran allerdings auch 141 Millionen Dollar.    

Apple 3.0: Der Tech-Gigant könnte noch dieses Jahr Börsenwert von drei Billionen Dollar knacken 

Nennen wir es maximalen Optimismus: Wedbush-Analyst Daniels Ives stellte Apple in Aussicht, noch in diesem Jahr die Bewertungsmarke von drei Billionen Dollar durchbrechen zu können. Die Treiber dafür: Der iPhone 12-Superzyklus und die Verkündung einer Partnerschaft beim Bau des Apple-Autos, die in den nächsten drei bis sechs Monaten erfolgen könnte.

Zuvor muss der Kultkonzern aus Cupertino allerdings beweisen, dass er auch Defensive kann: Erstmals seit einem Jahr läuft der iPhone-Hersteller nach seinem jüngsten Kurssturz nämlich Gefahr, den Thron des Börsenrankings wieder an den Ölmulti Saudi-Aramco zu verlieren…  

+++ One more Thing: Obama und der Boss bei Spotify 

Man kann es schlechtes Timing nennen. Letzte Woche habe ich Ihnen noch lang und breit erklärt, warum Podcasts meine Sache nicht sind. Diese Woche muss ich das vielleicht revidieren, denn vorgestern verkündete Spotify den Launch eines Podcasts, den ich mir nicht entgehen lassen möchte “Renegades: Born in the USA“.

Es ist ein achtteiliges Gespräch zwischen zwei Persönlichkeiten, denen ich grundsätzlich gerne zuhöre: dem früheren US-Präsidenten Barack Obama, den ich in den vergangenen vier Jahren als Commander in Chief sehr vermisst habe (und möglicherweise auch die nächsten Jahre vermissen werde) und dem Boss, Bruce Springsteen, Held meiner Jugend.

Dabei bin ich ja eigentlich kein Spotify-User. Als Gefangener des Ökosystems bin ich tatsächlich seit dem Launch Mitte 2015 Apple Music-Nutzer. (Was ist eigentlich mit der Nutzerentwicklung? Apple weist seit knapp zwei Jahren keine neuen Zahlen mehr aus.) Wie bei vielen Dingen im mittleren Alter ist eine gewisse Trägheit der Grund für die Beständigkeit. Mir ist schon klar, dass Spotify eigentlich das innovativere Angebot besitzt, allein: die 10 Euro im Monat gehen an Apple.

Ironischerweise bietet Spotify aber nicht das schlagende Gegenargument, die Seiten zu wechseln. Den Obama/Springsteen-Podcast kann ich, wie alles andere auch, bei Spotify gratis hören, vorausgesetzt, die Werbung stört mich nicht. Aus Nutzersicht finde ich das Angebot weiterhin eines der spektakulärsten im Internet (man stelle sich vor, Netflix gäbe es gratis, bezahlt mit ein bisschen Werbung zwischendurch), als Aktionär hätte ich an dieser Stelle allerdings meine Einwände. Die Wall Street scheint meine grundsätzliche Skepsis zu teilen (wenn auch vielleicht aus anderen Gründen) und schickte die Spotify-Aktie seit Montag zweistellig nach unten.      

Cheers + bis nächste Woche!

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