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Wochenrückblick

Altkanzler Gerhard Schröder verteidigt Helmut Newtons Brüste bei Linkedin

Altkanzler Gerd Schröder staunte nicht schlecht, als er von Linkedin wegen eines kulturell wertvollen Videos zum Thema Helmut Newton angepflaumt wurde. „Focus“-Print Redakteure werden immer noch fuchsig, wenn man sie mit Onlinern verwechselt. Warum müssen Gerichte eigentlich Pressemitteilungen verschicken, ohne dass es ein Urteil gibt? Und – Überraschung – es gibt hier und da noch Presserabatte, man sollte sie aber nicht in Anspruch nehmen. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Der Terminkalender eines Altkanzlers kann ganz schön voll sein. Am einen Tag Meisenknödel aufhängen, dann ein Video zum 100. Geburtstag Helmut Newtons für das Berliner Museum der Fotografie aufnehmen und sich anschließend mit einer us-amerikanischen Internet-Plattform wegen Zensur rumärgern. Die Rede ist natürlich von Gerhard Schröder. In der „Süddeutschen Zeitung“ lese ich, dass ein Video von ihm, in dem er sich an Helmut Newton erinnert, von der Business-Plattform LinkedIn zensiert wurde. Im Video waren/sind nämlich einige der berühmten Fotografien Newtons zu sehen, die bekannterweise häufig nackte Frauen zeigen. Too much für die zugeknöpften Business-People von LinkedIn. Der Altkanzler wurde aufgefordert derlei Schweinekram zu unterlassen, Kultur hin oder her. Community-Richtlinien, Sie wissen schon. Der Gerd hat sich gebeugt und auf LinkedIn eine entschärfte Version des Videos hochgeladen, ganz ohne nackte Weiber und so. Doll findet er das aber nicht. Die Fotografien seien doch „für mein Verständnis: Kunst, die man auch öffentlich präsentieren darf. Aber liege ich falsch?“ Nein, Gerd, da liegst Du ganz richtig. Ungeschnitten kann man das Interview noch auf YouTube sehen (aber auch da nur mit Altersbeschränkung, uiuiui). Wer weiß, wie lange noch. YouTube-Mutterkonzern Alphabet hat gerade das Satire-Magazin „Titanic“ aus dem Google-Playstore geschmissen, weil das eine „obszöne“ Jesus-Karikatur auf dem Cover hatte. Helmut-Newton-Fotografien zeigen nackte Frauen, die „Titanic“ hat eine obszöne Karikatur auf dem Cover – Business as usual möchte man meinen. Nicht aber für die Sittenwächter aus Übersee.

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Man kann Redakteure des geruckten „Focus“ vermutlich nicht ärger beleidigen, als wenn man ihr edles Magazin mit dem – sagen wir mal – klick-affinen Online-Ableger „Focus Online“ verwechselt. Beide Medien gehören zum Hause Burda, haben traditionell aber so. gar nix miteinander zu tun. Außer dass sie halt beide das Wort „Focus“ im Namen tragen. Schon vor Jahren konnte man gestandene „Focus“-Print-Redakteure richtig in Wallung bringen, wenn man sagte, dass diese oder jene „Focus“-Geschichte vielleicht doch ein bisserl an den Haaren herbeigezogen war … dabei stand das ja bei „Focus Online“! Diese Zeiten sind immer noch nicht vorbei. In einem Artikel zum Urheberrechtsstreit rund um das Internet-Phänomen „Jerusalema“ schrieb MEEDIA zunächst grottenfalsch, dass der „Focus“ darüber berichtet habe. Dabei war es „Focus Online“. Zack, kam die erboste Mail aus der „Focus“-Print-Redaktion („Unterschied sollte ihnen bekannt sein“, „umgehen richtigstellen“ usw). Ja, ja. Haben wir gemacht. Sorry, soll nicht wieder vorkommen, ehrlich. Aber mal im Vertrauen: Wenn man eine solche Panik schiebt, mit dem namensgleichen Online-Angebot aus dem eigenen Haus verwechselt zu werden … läuft dann nicht irgendetwas gehörig schief bei der Markenführung?

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Das Düsseldorfer Amtsgericht musste auf Geheiß des Oberverwaltungsgerichts eine Pressemitteilung über den ehemaligen Fußballer Christoph Metzelder vom September 2020 löschen. Dem ehemaligen Nationalspieler wird der Besitz kinderpornografischer Schriften vorgeworfen, der Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Im „Spiegel“ (€) sagt nun ein Experte für die Ausbildung von Justizpressesprechern, dass das Gericht den Namen und die Tatvorwürfe habe nennen dürfen. Bei der Pressemitteilungen seien indes einige andere Fehler gemacht worden, u.a. seien die Anwälte Metzelders nicht gehört und ein Tatvorwurf falsch beschrieben worden. Mag sein. Ich frage mich: Warum müssen Staatsanwaltschaften und Gerichte überhaupt Pressemitteilungen zu Anklageerhebungen und laufenden Verfahren veröffentlichen? Es gibt natürlich an manchen Fällen ein öffentliches Interesse, aber wäre dem nicht genüge getan, wenn man eine Pressemitteilung nach einer Verurteilung verschicken würde?

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Im neuen „Spiegel“ steht, dass Reiseveranstalter wie Tui oder FTI Journalisten trotz grassierender Corona-Krise immer noch satte Presserabatte zwischen acht und zwölf Prozent gewähren. Presserabatte? Das war doch mal in den 90ern irgendwie ein Ding. Mittlerweile haben sich die meisten Unternehmen zum Glück überlegt, dass es ein bisschen fishy ist, den Presseausweis-Inhabern Prozente hinterherzuschmeißen. Auf der anderen Seite sollte es Angehörigen unseres Berufsstandes peinlich sein, so etwas überhaupt noch einzufordern oder anzunehmen. Presserabatte passen definitiv nicht mehr in die Zeit. Haben sie, wenn man ehrlich ist, auch noch nie.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ spreche ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ über den eskalierten Streit zwischen Facebook und den Medien in Australien. Außerdem geht es um Spar-Androhungen vom ZDF, die „Titanic“-Zensur im Playstore und einen gewissen Lars Bogenius. Ich freue mich, wenn sie reinhören.

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