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Die GAFA-Kolumne

Wie Paris Hilton Podcasts (noch) sexier machen und Social Media neu erfinden will

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Ein unerwarteter Hoffnungsträger erfreut sich von Jahr zu Jahr immer größerer Beliebtheit: Podcasts. Spotify investiert wie wild, Amazon ebenfalls, und auch Apple will seine Bemühungen intensivieren. Markiert ein neues Format von einem Glamour Girl nun das „Peak Podcast“-Zeitalter?

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Ich habe heute zwei Geständnisse zu manchen – eins zu Podcasts, das andere zu Paris Hilton (dazu später mehr). Das erste geht so: Ich kann mit Podcasts nichts anfangen. Ich weiß, was Sie jetzt denken, und vermutlich haben Sie recht: Wie kann das sein – ein Journalist, dessen Themenschwerpunkte von Technologie über Wirtschaft bis zu Medien reichen, der sich dem Hype-Format der letzten Jahre verweigert?

Dabei gibt es ja jede Menge tollen Content: Etwa den „Pivot“-Podcast von Marketing-Guru Scott Galloway und Tech-Reporter-Ikone Kara Swisher. Oder Swishers eigenen Podcast bei der „New York Times“, „Sway“. Beziehungsweise Galloways eigenen Podcast, „The Prof. G Show“. Oder die OMR-Interviews von Philipp Westermeyer. Und nicht zu vergessen natürlich: unsere MEEDIA-eigene „Medien-Woche„.  

Es gäbe eigentlich so viel zu hören, doch damit fängt das Problem an: nur wann? In meiner Content-Aufmerksamkeits-Pyramide gibt es schlicht (fast) keinen Usecase für gesprochenes Audio. Zunächst einmal lese ich für mein Leben gerne. Ich würde schätzen: Am Tag bestimmt 50 Seiten News auf iPhone, iPad und dem Mac. Bleibt vom Tag etwas über, kommt die Visualität ins Spiel: Netflix, Prime – und seit vergangener Woche natürlich die Australian Open bei Eurosport im Hintergrund in der Dauerschleife. (Habe ich erwähnt, dass ich seit dem Kindesalter Tennis liebe?)

An dritter Stelle käme nun der Audio-Konsum, der jedoch ebenfalls maximal im Hintergrund eine Rolle spielt: In Form von Musik als Beschallung zum Schreiben. Nebenbei kann ich jedoch keinen Podcast hören (schließlich sollte man schon zuhören, sonst ist man gleich wieder draußen), weil es dieses ‚Nebenbei‘ in meinem Alltag nicht gibt, schon gar nicht in der Corona-Zeit. Ich pendele nicht ins Büro, ich gehe kaum alleine spazieren, sondern mit der Familie – und wenn es ein freies Zeitfenster gibt, will ich ein Gesicht zur Stimme, Netflix gewinnt also immer. Ergo: Podcasts haben bei mir eigentlich keine Chance. (Und falls das jemanden interessieren sollte: Clubhouse natürlich erst recht nicht.) 

Damit stehe ich angesichts des Podcast-Booms der vergangenen Jahre wohl ziemlich alleine dar. Mit einigem Erstaunen habe ich den Hype der vergangenen Jahre beobachtet, der am Ende eine Milliardenindustrie geschaffen hat. Sage und schreibe eine halbe Milliarde Dollar hat Musik-Streaming-Pionier Spotify in den vergangenen drei Jahren in den Zukauf von Podcast-Plattformen und -Formaten (Gimlet Media, Anchor, The Ringer, „The Joe Rogan Experience“) investiert.

Amazon hat nicht nur in seine Audio-Tochter Audible investiert, sondern gönnte sich zum Jahreswechsel für 300 Millionen Dollar das Podcast-Netzwerk Wondery. Apple, eigentlich Pionier mit der iTunes-Software, hat sich über ein  Jahrzehnt lang den wachsenden Boom angeschaut, will nun aber offenbar kräftig investieren und möglicherweise gar einen neuen kostenpflichtigen Abodienst anbieten oder den Dienst als Mehrwert in das Bundle Apple One integrieren. 

Ob es sich auszahlt: fraglich. Ob ich deswegen mehr Podcasts höre: noch fraglicher. Vielleicht jedoch ändert sich das nächste Woche, denn am 22. Februar wird ein neuer Podcast debütieren – der von Paris Hilton. Womit wir bei Beichte Nummer zwei wären. Während die Hotelerbin, die heute tatsächlich ihren 40. Geburtstag feiert, immer wieder gern als Barbie des 21. Jahrhunderts unterschätzt wird, hege ich eine gewisse Sympathie für den letzten Weltstar der Vor-Social-Media-Ära – zumindest mehr als für ihren früheren Sidekick Kim Kardashian, die in der Folge irgendwie ihre Lorbeeren einheimste.

Das mag vielleicht am Sommer-Hitchen „Stars are blind“ (aus dem WM-Sommermärchen 2006!) und damit an nostalgischer Verklärung, vermutlich zuletzt aber an der Doku „This is Paris“ liegen, die im vergangenen Herbst auf YouTube erschien und dort bislang 20 Millionen Mal gesehen wurde. (Beste Szene: Nach jedem neuen Freund wechselt Paris ihr MacBook aus – und kommt entsprechend auf eine zweistellige Sammlung.)  

Vermutlich ist der ikonischen Selbstdarstellerin dabei aufgefallen, dass eine neue Nische zwischen Instagram-Posts und Longform-YouTube-Videos durchaus möglich ist. Deswegen verlängert Hilton „This is Paris“ nun als Podcast-Format, das nächste Woche unter dem gleichen Namen bei iHeartMedia startet.      

Ihr Ansatz ist durchaus anders – Hilton nennt es “PodPosts”, die zwischen einer und drei Minuten lang und wie ein Audio-Kommentar ihres Lebens oder popkulturelle Geschehnisse sein sollen. „Ich glaube wirklich, dass es eine andere Form von Social Media ist“, sieht sich die wahrscheinlich erste Influencerin überhaupt gegenüber der „New York Times“ schon als neue Trendsetterin. Geht die Rechnung auf, scheint es nur eine Frage der Zeit, bis auch Big Tech auf (noch mehr) Original Podcast-Content mit VIP-Popstars setzen dürfte. That’s hot!

+++ Short Tech Reads +++

Forbes: Bumble-Gründerin Whitney Wolfe Herd ist jüngste Selfmade-Milliardärin

Es ist die Female Founder-Story schlechthin: Die erst 31-jährige Whitney Wolfe Herd ist über Nacht Internet-Milliardärin geworden und gleichzeitig die jüngste CEO, der das Kunststück gelungen ist. Möglich gemacht hat den plötzlichen Reichtum das IPO der Dating-App Bumble. Die weibliche Tinder-Variante, bei der stets Frauen den ersten Schritt machen, debütierte vergangenen Donnerstag mit 63 Prozent Kursausschlag an der Nasdaq. Die Erfolgsstory von Gründerin und CEO Whitney Wolfe Herd hat das Wirtschaftsmagazin Forbes nacherzählt.  

Insider: Ist Tesla der nächste ‚Big Short?‘

Der Film ist längst ein Klassiker: „The Big Short“. Im Zentrum steht der Hedgefondsmanager Michael Burry, der den großen Crash am Immobilienmarkt voraussah und aggressive Wetten einging. Nun hat Burry es wieder getan und dabei Big Tech-Star Tesla ins Visier genommen. Burrys Hypothese: Der Elektroautopionier ist an der Wall Street hoffnungslos überbewertet und könnte 90 Prozent an Wert verlieren. Starker Tobak.  

Apple 3.0: Apple spielt das Auto-Dating-Game

Kommt das Apple-Auto oder nicht. Und wenn ja: Wann – und mit wem? Das sind die großen Fragen, die Apple-Fans seit Jahren bewegen und die seit einigen Wochen bei der Suche nach einem Fertigungspartner an neuer Dynamik gewonnen  haben. Technologiejournalist Philip Elmer-DeWitt zitiert in seinem Blog Apple 3.0 den renommierten Wedbush-Analysten Daniel Ives, der davon ausgeht, dass der wertvollste Konzern der Welt einen Partner bis Ende des Jahres benennen wird.  

+++ One more thing: Elon Musk, der Mem-Troll #1? +++

Man mag es kaum so formulieren, doch ich mache es trotzdem: Etwas fehlt seit der Twitter-Verbannung des früheren US-Präsidenten Donald Trump auf dem 280-Zeichen-Dienst – der Entertainment-Faktor. Es sieht fast so aus, als würde sich für die Rolle des prominenten Twitter-Trolls der reichste Mann der Welt bewerben – freilich ohne maligne politische Botschaften.

Dass Musk mit Twitter seit jeher eine kontroverse Wechselbeziehung pflegt, ist seit seinem öffentlichen Zusammenbruch 2018 bekannt, der ihn fast sein Lebenswerk kostete. Musk hat einen Deal mit der Börsenaufsicht SEC geschlossen, nichts mehr über Tesla zu twittern, aber hat er am Ende auch wirklich aus seinen Eskapaden gelernt? 

Seine Tweets in jüngster Vergangenheit lassen einige Zweifel aufkommen, denn er bewegt wieder einmal Kurse – nur eben nicht unmittelbar die seiner eigenen Unternehmen. Seit Jahresbeginn befindet sich Musk auf beschleunigtem Trollkurs und tobt sich in der Kryptowelt aus. Dabei gibt er inzwischen fast immer die Rolle des wohlmeinenden Paten, der mal Bitcoin adelt (und immerhin später dann auch 1,5 Milliarden Dollar von Teslas Cashreserven investiert), zuletzt aber auch über Nonsens-Kryptowährungen wie zuletzt Dogecoin twittert – und dabei durch die bloße Verbreitung für eine Vervielfachung des Kurses sorgt. 

Ob sich Musk damit einen Gefallen tut oder wieder neuen regulatorischen Ärger einhandelt – eines scheint festzustehen: Auch der reichste Mann der Welt wird vor seinem Smartphone wieder zum Kind, das dem Reiz der Meme erliegt. Oh Boy…  

Cheers + bis nächste Woche!

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