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Kommentar

Let the music play, Warner

Drei aktuelle Beispiele, wie "Jerusalema" getanzt wird – Foto: Screenshots via TikTok

Wenn Warner Music an der Lizenzabgabe für „Jerusalema“ festhält, schadet das vor allem einem: Warner Music. Irgendwo pinseln die Social-Media-Aktivisten längst die Fahnen für den Boykottaufruf.

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Ich bin Urheber. Ich werde vom Urheberrecht geschützt. Meine Texte darf man nicht einfach so kopieren. Dem Gesetz nach haben sie Schöpfungshöhe, auch wenn ich selbst das nicht immer glaube. Und weil es das Gesetz gibt, bekomme ich zwei Mal im Jahr etwas Geld dazu von einer Institution namens VG Wort, kurz für Verwertungsgesellschaft Wort. Ich finde das richtig, obwohl ich nicht glaube, dass sich für mich etwas ändern würde, wenn es die VG Wort nicht gäbe. Schließlich werde ich von den Verlagen, für dich arbeite, für die Texte honoriert.

Für Master KG gilt das Gleiche. Er hat einen Vertrag mit dem Plattenlabel OpenMicProductions geschlossen und die wiederum haben ein Agreement mit Warner Music unterzeichnet. Warner Music ist also irgendwie die Gewerkschaft von Master KG und die treibt nun das Geld ein, das dem Urheber von „Jerusalema“ samt passenden Tanzschritten zusteht.

Wäre ich konsequent, sollte ich es also richtig finden, dass Warner Music der Feuerwehr Pusemukel eine Rechnung schickt, weil deren Personal aus Profilierungssucht zu „Jerusalema“ getanzt, das gefilmt und das Video auf seinen Instagram-Kanal hochgeladen hat. Alle 12 Follower haben es gesehen und sich gefreut.

Ich bin bei dieser Sache aber alles andere als konsequent, denn es gibt zwei entscheidende Unterschiede. Sie, lieber Leser, dürfen diesen Text nämlich doch ohne Weiteres kopieren, denn sie haben schon eine Urheberrechtsabgabe bezahlt. Mit dem Erwerb eines Kopierers oder Scanners. Das hat man sich damals so ausgedacht, weil man davon ausgeht, dass diese Geräte zumindest „auch“ dazu genutzt werden, urheberrechtlich geschütztes Material zu vervielfältigen. So einfach ist das: Pauschale einmal bezahlt und Sie dürfen kopieren bis Ihr Arzt Sie von der Glasscheibe zerrt.

Der zweite Unterschied ist der feine Grat zwischen Recht haben und Recht durchsetzen. Der urheberrechtliche Schutz von „Jerusalema“ ist unstrittig. Ihn aktiv anzuwenden, bei einem netten, aber eher harmlosen Song, der vor allem durch Social Media groß geworden ist, ist eine Idee, die vermutlich nicht am Schreibtisch von Eric Wong, dem CMO der Warner Music Group, entstanden ist. Ich kann für das Unternehmen nur hoffen, dass es ein Alleingang der Rechtsabteilung war, denn sonst müsste man Wong (der auch der Präsident ist) vorwerfen, er habe Social Media nicht verstanden.

Warner Music hat sich mit einem mächtigen Gegner angelegt, ist bereits nach wenigen Tagen eingeknickt und verspricht nun die Einzelfallprüfung mit gestaffelter Honorarnote. Warner verwendet als Begründung, dass sich Unternehmen und Institutionen mit dem Nachtanzen des Songs „profilieren“ wollen. Ach was. Auf Social Media? Verrückt. Willkommen im 21. Jahrhundert, Warner.

Was wäre, wenn nun alle Creator Songs aus dem reichhaltigen Portfolio von Warner Music meiden, damit ihnen nicht Ähnliches widerfährt?

Es gibt also zwei Verlierer in diesem Trauerspiel. Die Regulierungsbehörden sollen verdammt nochmal endlich einfache Pauschallösungen zur Lizensierung von urheberrechtlich geschütztem Material auf den Weg bringen. So wie die Urheberrechtsabgabe auf Kopierer. Dieses Geld ist von den Plattformen einzuziehen und die können dann ihre Creator unterstützen – was sie ja gerade so gerne mit großer Öffentlichkeit tun – und ihnen die Weitergabe der Gebühren erlassen. Das neue EU-Urheberrechtsgesetz öffnet dafür den Weg und nimmt die Plattformen in die Haftung.

Der zweite Verlierer ist die Marke Warner Music. Social Media pusht ja nicht nur aktuelle Songs, sondern verhilft auch Partituren aus der Resterampe wieder zu neuem Leben und somit zu neuen Einnahmen. Bestes Beispiel ist Fleetwood Mac mit dem 43 Jahre alten Hit „Dreams“, der viral steil ging unter dem Namen „The Ocean Spray“. Hat sich das Plattenlabel von Stevie Nicks und Mick Fleetwood damals aufgeregt? Natürlich nicht. Wer war das noch gleich? Oops: Warner Records.    

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