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Gastbeitrag

Liebe Boomer, muss es in der Journalist*innen Bubble wirklich so laut sein?

Auch im Journalismus gibt es Menschen, die die Bühne scheuen, die es lieber leise mögen, eher introvertiert sind, schreibt Lena Wrba – Foto: Imago / Panthermedia

Bevor ich an die Journalistenschule gekommen bin, hatte ich keine Ahnung, wie wichtig Selbstdarstellung in diesem Beruf ist – und wie sehr das nervt, schreibt Lena Wrba in ihrem Brief an die Boomer.

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ist euch schon Mal aufgefallen, wie wahnsinnig laut es in der Journalist*innen-Bubble ist? Überall extrovertierte Menschen, die ihre Ideen in die Welt posaunen, scheinbar vor Selbstbewusstsein strotzende Persönlichkeiten und Zoom-Konferenzen, die erst beendet sind, wenn wirklich jede Meinung kundgetan wurde – gern auch doppelt, Hauptsache jede*r hat etwas gesagt.

Bevor ich an die Journalistenschule gekommen bin, hatte ich keine Ahnung wie wichtig Selbstdarstellung in diesem Beruf ist – und wie sehr das nervt.

Jetzt könntet ihr sagen, das war naiv von mir. Wer was zu sagen hat, will die Bühne – das gehört quasi zum Berufsbild. War schon immer so. 

Aber, liebe Boomer, dass ihr das glaubt, ist ein riesiges Problem. Denn dadurch geht eine Menge Potenzial verloren.

Auch im Journalismus gibt es Menschen, die die Bühne scheuen, die es lieber leise mögen, eher introvertiert sind. Natürlich auch einige von euch. Aber vielleicht erinnert ihr euch nicht gern daran, denn wer im Journalismus erfolgreich sein will, tut besser daran, seine leise Seite zu verstecken. 

Wir glauben „der Idealmensch sei gesellig, ein Alphatier und fühle sich im Rampenlicht wohl“. Das schreibt Susan Cain in ihrem Buch „Still – Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“. Und in unserer Bubble ist das besonders krass. Wer selbstsicher auftritt, wird als kompetent wahrgenommen – dabei gibt es objektiv keinen Zusammenhang zwischen diesen Eigenschaften. Eine schlechte Idee, die gut verkauft wird, hat bessere Chancen als eine erfolgsversprechende, aber zurückhaltend dargebrachte. Laute werden gehört, Leise gehen unter.

Natürlich sind nicht alle Ideen, die überzeugt vorgetragen werden, schlecht. Überhaupt nicht. Aber es gibt noch so viele mehr. 

Wahrscheinlich findet man sich mit der Zeit immer besser zurecht in diesem System, lernt, sich anzupassen. Aber ich will das nicht. Weil es kein Nachteil sein sollte, introvertiert zu sein. Viele Introvertierte durchdenken Dinge genau. Sie überlegen länger, ob ihr Beitrag wirklich wichtig ist, bevor sie sich an einer Diskussion beteiligen und sprechen Ideen lieber erst aus, wenn sie sicher sind, dass sie gut sind. Sie konzentrieren sich gern eingehend auf eine Aufgabe, schätzen Gespräche, die über Small Talk hinausgehen und können gut zuhören. 

Und ja, mit diesen positiven Eigenschaften geht eben oft auch einher, dass man öfter leise ist, seine Ideen nicht immer super selbstsicher vorträgt, sich stattdessen verhaspelt und auch mal einen ganzen Zoom-Call lang gar nichts sagt, statt die Gelegenheit zu nutzen, sich zu verkaufen. 

„Laute werden gehört, Leise gehen unter“

Während meines letzten Praktikums, sagte ich zu meiner Chefin, dass ich im Homeoffice einen schwierigen Start hatte, weil ich niemand bin, der gleich laut „Hier“ schreit, wenn er irgendwo neu ist. Ihre Antwort: „Oh. Das musst du aber lernen.“ 

Muss ich wirklich? Natürlich kann niemand erahnen, was in meinem Kopf vorgeht, wenn ich das nicht mitteile. Aber es sollte nicht an den Introvertierten allein liegen, sich anzupassen. 

Vielmehr sollten wir unsere Einstellungen überprüfen. Lasst den Gedanken zu, dass nachdenkliche Stille manchmal besser sein kann als der schnelle Kommentar. Überdenkt eure Grundhaltung, wenn ihr merkt, dass ihr eine Person negativ wahrnehmt, weil sie zurückhaltend ist oder unsicher wirkt. Und besonders, wenn diese Person Berufseinsteiger*in ist: Schreibt sie*ihn nicht gleich ab. Nehmt euch Zeit für Austausch unter vier Augen, fragt, was sie braucht, gebt ihr Zeit, um sich einzufinden und Sicherheit entstehen zu lassen. Vielleicht werdet ihr mit ganz neuen Ideen belohnt.

Und versteht mich nicht falsch: Die Lauten sind nicht schlechter, aber eben auch nicht toller als die Leisen. Vielfalt ist wichtig – auch hier. Leise und Laute könnten gegenseitig so viel besser voneinander profitieren, wenn sie das verstünden. 


Lena Wrba ist Journalistenschüler des 58. Lehrjahrgangs der Deutschen Journalistenschule in München.

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