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#JerusalemaDanceChallenge

„Jerusalema“: Warner Music mitten im Lizenz-Shitstorm

Jerusalema Warner

Warner Music geht gegen "Jerusalema"-Tänzer vor – Foto: Screenshot

„Focus Online“ hatte am Freitag berichtet, dass der Musikkonzern Warner Music von unterschiedlichen Unternehmen und Verbänden , Lizenzgebühren für die Nutzung des Songs „Jerusalema“ von Master KG verlangt. Mit der formal berechtigten Forderung, stellt sich das Unternehmen moralisch ins Abseits, zumal der Song bisher als Hoffnungsmacher unter Corona-Helfern galt.

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Was für ein Social Media Erfolg. Master KG erzielte mit seinem Song „Jerusalema“ in etwas mehr als einem Jahr fast 339 Mio. Abrufe auf YouTube. Vor dem Video wird Werbung eingeblendet. 45 Prozent der Einnahmen daraus bleiben bei Google, der Rest geht an den Betreiber des jeweiligen Kanals. Konrad Tempel, der Betreiber der Website Dertuber, schätzt, dass pro 1.000 Views etwa ein Euro an Einnahmen beim YouTuber hängen bleibt. Das sind also im Falle „Jerusalema“ rund 340.000 Euro.

Open Mic Productions aus Südafrika könnten sich freuen. Sie haben das Album produziert und auf YouTube hochgeladen. Sie haben allerdings auch einen Vermarktungsvertrag mit Warner Music geschlossen. Deren französische Tochter Elektra France ist der Inhaber fast aller globaler Rechte an dem Stück.

Und das bekam zuerst Open Mic Productions zu spüren. Anfang August 2020 wurde das Video plötzlich von YouTube gesperrt. „Ein technischer Fehler“, behaupteten der Künstler und Open Mic Productions unisono. Der Fehler war mutmaßlich eher ein ökonomischer und die Verteilung der Werbeeinnahmen zwischen der Produktionsgesellschaft und der Vermarktungsgesellschaft nicht hinreichend geklärt.

Die nachträgliche Abschaltung eines YouTube-Videos kommt einer mittleren Katastrophe gleich. Da viele Influencer, Blogger oder auch Medien über den  Song berichtet und den Link zum Video in die eigene Seite eingebaut hatten, zeigten all diese Referenzseiten plötzlich Fehlermeldungen.  Das virale Potenzial des Hits war jäh gestoppt.

Eigentlich wollen Marken mit Challenges genau das Gegenteil erreichen. Wem es gelingt, die Menschen im Netz dazu zu animieren, eigene Antwortvideos zu produzieren, der steigert die Reichweite exponentiell. Der Cup Song, der Gangnam Style, die Ice Bucket Challenge oder letztes Jahr Ocean Spray und jüngst #nowaynorway sind Meilensteine dieser Königsdisziplin in Social Media.

Eine Woche später war das technische (oder ökonomische) Problem behoben, das Video wieder da, und dann ging es erst richtig los.  Von 70 Mio. Abrufen im August schoss der Hit durch die Decke auf 338 Mio.. Open Mic Productions hatte im Juli das optimistische Ziel ausgegeben, 100 Mio. Views zu erreichen. Denkste.

Befeuert wurde das Video durch den Hashtag #jerusalemadancechallenge. Der wurde bereits im Februar 2020 von der Tanztruppe der Fenomenos do Semba aus Angola losgetreten. Seitdem entwickelte sich der Song zunächst zur inoffiziellen Hymne des afrikanischen Kontinents und dann zur Ode an die Freude in Sachen Kampf gegen Corona. Auffällig viele Gruppen aus „Helferberufen“ fanden sich für einen kurzen Moment der Fröhlichkeit in diesen schwierigen Zeiten zusammen. Feuerwehren, Krankenhäuser, Klöster und natürlich jede Menge Unterstützer, die ihre Solidarität mit den Hilfskräften zum Ausdruck bringen wollten.

So wie zuletzt die Bank Austria. Letzten Dienstag setze die Großbank diesen Tweet ab: „Mit unserer Teilnahme an der Jerusalema Challenge wollen wir zeigen, wie wichtig es gerade in schwierigen Zeiten ist, gemeinsam etwas Positives zu schaffen und optimistisch in die Zukunft zu schauen“.

Der Satz dürfte dem Social Media Team dieses Wochenende im Halse stecken geblieben sein. Warner Music – in Deutschland unterwegs mit dem Claim: Creating Culture together – entschied sich, von Organisationen, die sich mit dem Song „profilieren“ wollen, eine Lizenzgebühr fürs Covering zu verlangen.

Der Feind, den sich Warner Music da gewählt hat, könnte größer kaum sein. Auch wenn die Anwälte des Labels mutmaßlich in den meisten Ländern Recht bekommen würden, ist es mehr als ungeschickt, sich nicht nur mit dem Teil der Bevölkerung anzulegen, der ohnehin gegen den Urheberrechtsschutz im Internet opponiert. Jetzt geht es auch noch gegen eine schier unendliche Zahl von Menschen, die mit Corona-Helfern sympathisiert.      

Zu den Unternehmen, die sich mit dem Song illegal „profilieren wollten“ gehören auch Eurowings, der Züricher und der Stuttgarter Flughafen, die Polizei NRW, deren Innenminister die fälligen Lizenzgebühren laut „Focus Onlinebereits bezahlt hat, die Birchmeier Gruppe, die Irische Polizei, Hilti in Frankreich, Ikea, KLM und und und.

Übrigens: Wer das Original-YouTube-Video in einem Online-Artikel oder auf seinen Social Media Kanälen einbindet hilft dem darbenden Musikgiganten (Umsatz 2020: 4,5 Mrd. Euro laut Statista).

Korrekturhinweis: In einer früheren Version war zu lesen, der „Focus“ habe berichtet. Tatsächlich hat „Focus Online“ über den Streit rund um „Jerusalema“ berichtet. Außerdem hat Warner Music keine „Abmahnbriefe“ verschickt, sondern lediglich Lizenzgebühren eingefordert. Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen.

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