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Gute Nacht, Clubhouse

Clubhouse Aufmacher Imago

Clubhouse Aufmacher cr imago Frank Puscher meint: "Clubhouse ist ein gutes Schlafmittel" - Bild © imago

Es ist alles gesagt. Clubhouse ist hip, Clubhouse ist der Datenschutz-Supergau, Clubhouse ist authentisch, Clubhouse ist Öffentlichkeit, die sich privat anfühlt. Es ist alles gesagt. Gehen wir wieder zum Tagesgeschäft über.

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Es ist alles gesagt. Clubhouse ist hip, Clubhouse ist der Datenschutz-Supergau, Clubhouse ist authentisch, Clubhouse ist Öffentlichkeit, die sich privat anfühlt. Auf Clubhouse muss man sein, auch wenn man gar kein iPhone hat. Kollegen freuen sich darüber, dass sie die Zugangsbeschränkung von Clubhouse gehackt haben und den Drop-In-Audioservice mit einem iPad benutzen, dessen Adressbuch leer ist. Marken und Medien feiern sich dafür, die ersten gewesen zu sein, die den AGB zum Trotz einen Firmen-Account auf dem Dienst eröffnet haben, und dort nun wöchentlich Gesprächsrunden abhalten, denen ein paar Hundert Zuhörer lauschen.

Wobei: Ob sie lauschen oder nicht, lässt sich schwer feststellen. Es ist viel zu bequem, sich das iPhone in die Hose und die Kopfhörer in die Ohren zu stecken, damit man dann nebenher noch etwas Produktives tun kann. Staubsaugen, seine Kinder beim Homeschooling drangsalieren, Fußball schauen oder Artikel schreiben. Das hat uns das Corona-Jahr gelehrt. Sind Mikro und Kamera beim Zoom-Meeting offen, hören die Geschäftspartner jeden familiären Wutausbruch mit. Sind beide abgeschaltet, kann man machen was man will. Bei Zoom muss man dann noch eine schlaue Frage im Köcher haben, damit man den Anschluss ans Gespräch wieder findet. Bei Clubhouse nicht mal das.

Mir ist alles passiert. Stunden, nachdem ich einen Clubraum betreten habe, stellte ich plötzlich irritiert fest, dass das verbale Grundrauschen in meinem Kopfhörer immer noch läuft, ich aber keinen der letzten 1000 gesagten Sätze wiederholen könnte. Und zwar, obwohl ich ein sehr neugieriger Mensch bin. Ich hatte die erste VR-Brille in der Familie, obwohl meine Söhne mit 18 und 21 im besten VR-Alter sind. Ich cruise mit 55 auf einem E-Skateboard durchs Dorf und ich bastele gerade an meinem Avatar, den ich zur Arbeit schicken kann, während ich keine Zeit oder keine Lust habe. Ich lasse mich gerne von neuen Säuen durch Dörfer treiben.

Und ich bin der erste in meiner Blase, der Clubhouse wieder gelöscht hat. Es langweilt. Die Navigation und Themenfindung sind schon Graus genug, aber noch schlimmer ist, dass selbst in spannend besetzten Diskussionen so viel Plattitüden vorgetragen, so viele Startups gepitched und so viel Selbst-Beweihräucherung betrieben wird, dass die wirklich spannenden Inhalte nur dann zu finden wären, wenn man dem ganzen Talk aufmerksam lauschen würde. Aber das gelingt mir nicht (siehe oben). Mein Arbeitstag hat halt nur 16 Stunden.

Es wäre die Aufgabe der Initiatoren, die kommunikative Agenda vorzugeben, so dass man sich konkret an einzelnen Themen abarbeiten kann. Und es wäre Aufgabe der Moderatoren, das auf die akustische Einbahnstraße zu bringen. Sie müssen nicht nur spannende Fragen stellen, sondern nachhaken, unterbrechen, kritisieren, herausfordern. Ich moderiere seit 20 Jahren Podiumsdiskussionen auf Marketing- und Tech-Events und weiß, dass das verdammt schwer ist, ebenso wie das Kuratieren eines kontrovers besetzten Panels. Kein Wunder also, dass das auf Clubhouse so selten passiert. Clubhouse ist ja so schön einfach. Da „dropped man in“ und los geht’s. Dass das nur für die Zuhörer und nicht für die Macher gelten sollte, hat sich noch nicht rumgesprochen.

Es ist das gleiche traurige Bild wie bei Podcasts. Weil virtuell ein unbegrenzter Raum zur Verfügung steht, wird der Talk strukturlos, belanglos und ermüdend. Und es wird noch schlimmer. Landauf, landab wetzen die PR-Abteilungen die Messer, um aus den Clubräumen die Filetstücke rauszuschneiden. Unternehmensweite Schulungen „how to Clubhouse“ sind längst geplant. Die Promis haben ihren Pressesprecher beim Talken auf dem Schoß.

Das alles wird dazu führen, dass Clubhouse-Talks noch langweiliger werden. Und das wird dazu führen, dass Zoom, Facebook, Apple oder sonst wer Drop-In-Audio einfach als Feature in ihre jeweilige Software integrieren, denn das Format kann ja richtig spannend sein. Aber dafür braucht keiner eine eigene Plattform.

Ich persönlich habe mich letzte Woche mental von Clubhouse verabschiedet, als ich nachts aufwachte und feststellte, dass der Talk über New Mobility, immer noch lief. Was da gesagt wurde? Keine Ahnung. Ist mir auch egal.

Bye bye Zoom-Fatigue, welcome Clubhouse-Lethargy.

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