Anzeige

Die GAFA-Kolumne

Amazon erlebt seinen Steve Jobs-Moment

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Ein Börsenkrimi für die Geschichtsbücher mit schlechtem Ausgang. GAFA-Quartalszahlen mit gutem Ausgang. Ein angekündigter CEO-Rückzug mit offenem Ausgang. Es ist viel passiert bei Big Tech in der letzten Woche!

Anzeige

Wen verbinden Sie mit dem Internet? Wenn ich an den Siegeszug des WWW und der Digitalökonomie denke, fallen mir schlagartig zwei Pioniere ein, ohne die es das digitale Leben, wie wir es heute führen, vermutlich nicht gegeben hätte: Steve Jobs und Jeff Bezos.

Steve Jobs ist vermutlich der Grund, warum ich Tech-Journalist geworden bin. Während meines Studiums kam ich zum Macintosh – und damit zu der Geschichte von Apple und Jobs selbst. Hemingway und F. Scott Fitzgerald zu lesen, war wunderbar, die Roaring 20’s aber am Ende weit weg. Für mich waren Typen wie Steve Jobs der neue Hemingway. Und die neuen Roaring 20’s die späten 90er-Jahre, in denen Gatsby-Stories an der Börse durch junge Internetunternehmen wahr zu werden schienen. Jeff Bezos war wiederum der Grund, warum ich Aktionär geworden bin – an einer Erfolgsgeschichte wie Amazon.com teilzuhaben, erschien mir 1999 wie die aufregendste Sache der Welt.

Der Rest ist Geschichte. Der Apple-Gründer erschuf mit iPod, iPad und natürlich dem iPhone jene Werkzeuge, die uns die Onlinewelt in die Westentasche, in die Hand und ins Ohr brachten. Der Amazon-Gründer wiederum machte die ganze Welt über das WWW zum Kaufhaus, in dem man mit ein paar Klicks alles, aber auch wirklich alles binnen ein paar Tagen vor die Haustür geliefert bekommt.

So kontrovers das Vermächtnis von Mark Zuckerberg und Facebook noch diskutiert werden wird – Steve Jobs und Jeff Bezos sind die prägendsten Köpfe der Digitalära, die vor rund 25 Jahren begann und mit Apple und Amazon zwei der dominierendsten Konzerne der Menschheitsgeschichte hervorbrachte.

Was macht es nun mit einem Multi-Billionen-Dollar-Konzern, wenn der Gründer von Bord geht? Im Falle von Apple führte es zu einer ruckeligen Übergangsperiode, die mit der öffentlich gewordenen Krankheitsgeschichte von Steve Jobs begann. Apple ohne Steve Jobs: Würde das gut gehen, wäre es noch dasselbe Unternehmen, fragten sich Apple-Fans seit den ersten Anzeichen 2008 bis nach seinem Tod 2011.

„Es wird keine Party sein, wenn ich unter dem Bus liegen werde“, erklärte Jobs selbst vorausschauend drei Jahre vor seinem Tod. Jobs sollte recht behalten: In den ersten ein, zwei Jahren nach Amtsübernahme von Tim Cook wirkte Apple verunsichert, führungslos, teilweise gelähmt. Nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten fand Cook schließlich seine Linie und machte Apple ab 2014 zu seinem Unternehmen.  

Jene Übergangsphase droht nun plötzlich auch dem wertvollsten Internetkonzern der Welt. Gestern nach Handelsschluss schlug die Bombe ein: Nach 27 Jahren als CEO wird Jeff Bezos Amazon ab Sommer nicht mehr die operativen Geschäfte führen – sondern eine neue Rolle als Aufsichtsratschef einnehmen, die ihm zudem mehr Freiheiten in der Produktentwicklung gibt.

Die Botschaft, die Amazon-CFO Brian Olsavsky in der Analystenkonferenz sendete, fiel überdeutlich aus: Jeff geht nirgendwo hin, er bleibt im Unternehmen, bekommt nur andere Aufgaben, alles easy. So fiel dann auch die Reaktion der Wall Street aus: Die Amazon-Aktie tendierte im nachbörslichen Handel kaum verändert – und wäre ohne die Personalie nach den Fabelergebnissen allerdings vermutlich nach oben explodiert. 

Das eigentliche Aha-Erlebnis steht Aktionären indes noch bevor: Amazon ohne den CEO Bezos, das ist nach 27 Jahren praktisch kaum vorstellbar. Das Argument, dass Bezos im Hintergrund an den nächsten Moonshots arbeitet, greift da recht kurz. (Es sei denn an seinen eigenen Moonshots mit seiner Weltraumfirma Blue Origin.)

Auch Microsoft-Gründer Bill Gates wurde 2000 oberster Produktentwickler, vermurkste die Stabübergabe aber grandios bei der Wahl seines Nachfolgers in Form von Steve Ballmer. (Es sollte quälend lange 14 Jahre dauern, bis der Fehler durch den neuen CEO Satya Nadella korrigiert wurde.) Amazon-Fans und -Aktionäre sollten sich nichts vormachen: Dies ist der Beginn des (langen) Amazon-Abschieds von Jeff Bezos. 

Nach 27 Jahren auf dem Kapitänsdeck hat Bezos nun seinen Wunschnachfolger benannt. Es ist Andy Jassy, der Chef der Cloudsparte Amazon Web Service (AWS), Amazons Goldgrube, die alleine für die Milliardengewinne der letzten Jahre verantwortlich ist. Jassy hat sich fraglos bewiesen, er ist seit 1997 im Unternehmen, er ist die Blaupause der Apple-Stabübergabe: Andy Jassy ist Jeff Bezos’ Tim Cook.    

Ob die Ausgangslage für Jassy tatsächlich eine günstigere ist als für Cook 2011 erscheint indes fraglich. Tim Cook muss Apple seit einer Dekade gegen den oft überlangen Schatten eines Gespensts führen. „Was würde Steve tun?“, hallte es seitdem unzählige Male durch die heiligen Hallen des Apple-Imperiums.

Auf diese hypothetische Frage könnte Andy Jassy indes ab September ganz reale Antworten zu hören bekommen, wenn bei Amazon die Wachstumsdynamik nachlässt. „Was würde Jeff tun?“. Ob Bezos dann wohl loslassen kann? Das Silicon Valley ist über Nacht um eine Multi-Billionen-Dollar-Frage reicher….    

+++ Die Woche, als Redditors die Wall Street überrannten – und dafür einen hohen Preis bezahlten +++

Was für ein Start in 2021 war der Januar – ein Monat wie ein Jahr! Das Coronavirus mutiert, der Mob stürmt das Kapitol, der Bitcoin fährt Achterbahn und Technologie-Aktien, die sonst nicht einmal mehr für eine Randnotiz dienen würden, stehlen Big Tech die Show.

Die Rede ist natürlich vom Computerspiele-Händler GameStop, dessen Aktien in der vergangenen Woche Kapriolen schlugen, als wäre die Wall Street ein Casino – und der zugrunde liegende Plot eine Netflix-Kultserie. 

Es ist der Stoff, aus dem Finanzklassiker wie „The Big Short“ oder „Billions“ sind. Natürlich ist der an sich fragwürdige Anlageansatz nicht neu: In einem Forum (Reddit) diskutieren (Klein-)Anleger verschiedene Aktien, um die ein oder andere entsteht ein Hype, Käufe befeuern neue Käufe, der Hype wird größer und erreicht irgendwann größere Aufmerksamkeit, die Kurse schießen in astronomische Höhen, bis das Kartenhaus bald wieder in sich zusammenbricht.    

So geschehen unzählige Male in der Börsenhistorie – die Älteren werden sich grau an die Exzesse des Neuen Marktes erinnern. Die wilden Ausschläge bei GameStop, die den Kurs seit Jahresbeginn von 17 Dollar auf in der Spitze knapp 500 Dollar nach oben befördert haben, bevor der absehbare Kollaps folgte, hatte etwas von einer Spekulationsblase wie der Tulpenzwiebelmanie im Zeitraffer.

Dabei lag der GameStop-Mania, die im Reddit-Forum „Wall Street Bets“ entstanden ist, eine nicht vollkommen abwegige Wette (die Betonung liegt allerdings auf Wette) zugrunde. Sie geht folgendermaßen: Die am meisten leerverkauften Aktien (Anteilsscheine, bei denen Anleger auf fallende Kurse setzen) zu identifizieren und einen sogenannten „Shortsqueeze“ zu erzwingen (das Glattstellen der „Shorts“).

Es ist, verkürzt dargestellt, der Versuch, Hedgefonds mit eigenen Waffen zu schlagen – ein hoch riskantes, spekulatives Unterfangen, das aber eine neue Qualität als Zockerei im Dunklen besitzt: nämlich die Macht von Social Media. Zählte „Wall Street Bets“ vor einer Woche noch gut zwei Millionen Mitglieder, sind es heute bereits acht Millionen, die Gewinne als „Tendies“ und hartgesottene Langzeitanleger als „Diamond Hands“ feiern.

GameStop ist das Symptom hinter einer möglichen Zeitenwende in der Finanzszene, die durch eine neue, junge Anlegergeneration, die kurzentschlossen am Smartphone tradet, vor der Disruption steht. Donald Trumps früherer Kommunikationsberater Anthony Scaramucci spricht bereits von der „französischen Revolution des Investierens“

Tatsächlich könnte die neue Macht der Redditors am Ende deutlich weitere Kreise ziehen als bei der nächsten hoch gezockten Aktie. Denn je mehr Shortsqueezes die neue Anlegergeneration provoziert, desto wackeliger droht das gesamte Finanzsystem zu werden. Hedgefonds, die sich auf der falschen Seite des Trades befinden, müssen ihre Positionen schließen – und ebenfalls jede Menge andere liquide Aktien verkaufen, um ihre Verluste zu begrenzen. An dieser Stelle kommt Big Tech ins Spiel.  

+++ Wie GameStop Big Tech in den Schatten stellte – für ein paar Tage +++ 

Wann gab es das zuletzt: Die vier GAFA-Konzerne veröffentlichten innerhalb von sechs Tagen ihre eigentlich mit Spannung erwarteten Geschäftsbilanzen und wurden dabei im Sog des GameStop-Wahnsinns teilweise ignoriert.

Dabei hätten die Zahlenwerke das hellste Bühnenlicht verdient gehabt: sowohl Apple (29 Milliarden Dollar Gewinn!) als auch Facebook (11 Milliarden Dollar Gewinn!) veröffentlichten letzte Woche Fabelbilanzen, während Amazon (7 Milliarden Dollar Gewinn!) und Alphabet (15 Milliarden Gewinn!) gestern nachzogen.

Die Reaktion der Börsen fiel jedoch bis auf Alphabet ziemlich reserviert aus. Der Grund dafür dürften tatsächlich zwei sein: „Sell on the News“. Die Erwartungen an Big Tech sind immer größer geworden – und oft genug in den Kursen im Vorfeld eingepreist. Tritt das erwartete (positive) Ergebnis ein, wird Kasse gemacht, wie bei vor allem bei Apple und Facebook zu beobachten.

Der andere Grund lässt nichts Gutes erahnen: GameStop könnte der Vorbote einer neuen Systemkrise sein, die diesmal Hedgefonds in Schieflage zu stürzen droht. Die Kettenreaktionen könnten wie bereits einmal zum viel zitierten Bankenbeben führen: Fonds müssen zwangsliquidieren – ein Szenario, das für den nächsten großen Crash taugt, wie Goldman Sachs skizziert.

So wenig Big Tech etwas mit den Spekulationen bei Wall Street Bets zu tun hat, so betroffen könnten die am höchsten bewerteten Unternehmen der Welt am Ende in einem Worstcase-Firesale-Szenario sein, weil sich Aktien der GAFA-Konzerne schließlich in so vielen Portfolios befinden. Bislang ist es allerdings nicht so weit: Die GameStop-Blase ist bei Kursverlusten von in der Spitze 80 Prozent geplatzt, ohne den Markt mit nach unten zu ziehen.  

+++ Short Tech Reads +++

Inc.com: „Tim Cook könnte das Ende von Facebook eingeleitet haben  

Es war das Big Tech-Thema der vergangenen Woche: die neue Feindschaft zwischen Apple und Facebook (ausführlich an dieser Stelle beschrieben), die in einer Klage gipfeln könnte. Das Wirtschaftsmagazin Inc.com geht unterdessen noch einen Schritt weiter und schreibt Apple die Fähigkeit zu, das Ende von Facebooks Dominanz zu besiegeln.    

CNBC: Elon Musk ändert Twitter-Bio zu #Bitcoin

Die Gerüchte brodelten schon länger, nun lüftet der reichste Mann der Welt sie via Twitter und Clubhouse offiziell. Ja, Elon Musk glaubt an die Kryptowährung Bitcoin, wie seine neue Bio auf dem 280 Zeichen-Dienst und ein Tweet verdeutlichen, der zum Instant Classic wurde: „Rückblickend war es unvermeidlich“

New York Magazine: Die kapitalistischen Gründe, um Twitter zu überholen

Scott Galloway haut wieder einen raus. Diesmal im Fokus des omnipräsenten Marketing-Professors: Twitter. Galloway fordert im „New York Magazine“ den Neuanfang: inklusive eines Abonnentenmodells, aber exklusive Jack Dorsey, den Galloway gefeuert wünscht.   

+++ One more Thing:  Taylor Lorenz ist der neue Star am Tech-Journalismus-Himmel +++

Full Disclosure: Ich habe seit jeher ein größeres Herz für US-Journalismus als deutschen – was nicht nur an der Qualität, sondern vielleicht auch am Auftritt liegt.  Das gilt besonders für den Technologie-Bereich. Walter Mossberg ist der Erste, der mir als Tech-Aficionado einfällt (auch wenn er sich bereits seit vier Jahren im Ruhestand befindet).

Kara Swisher, seine langjährige Mitstreiterin bei AllThingsD und re/code, ist Mossbergs würdige Nachfolgerin und die unangefochtene Reporter-Ikone des Valleys. Ihre „New York Times“-Kolumne ist der Must-read der Woche, ihr „Sway“-Podcast dazu das Audio-Äquivalent (allerdings sind Podcasts meine Sache nicht). 

Der jüngste Star am Tech-Reporter-Firmament heißt Taylor Lorenz, und ihr Erfolg wird groß sein. Lorenz covert Social Media, Popculture und Tech bei der NYT und hat in den vergangenen Wochen die klügsten Sätze zu GameStop, Clubhouse & Co. geschrieben und in Podcasts und TV-Aufritten gesagt. Must read, watch und follow. Way to go, Taylor!

Cheers + bis nächste Woche!

https://twitter.com/TaylorLorenz/status/1355246858189250560

Anzeige