Anzeige

Wochenrückblick

Impf-Berichterstattungs-Chaos – das „Handelsblatt“ und die Sache mit den 8 Prozent

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

„Handelsblatt“ und „Bild“ stifteten mit mindestens verwirrenden Berichten über den Impfstoff von AstraZeneca unnötig Verwirrung. Der „Stern“ will vom „Spiegel“ den Titel als Haifischbecken der Branche zurück. Und Prof. Drosten könnte bald auch noch Serien-Figur werden. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Selbst wohlmeinende Zeitgenossen können nicht behaupten, dass das mit dem Impfen hierzulande gerade rund läuft. Zusätzliche Aufregung gab es diese Woche wegen zweier Medienberichte zum AstraZeneca-Impfstoff. „Handelsblatt“ und „Bild“ berichteten, dass der kurz vor der Zulassung stehende Impfstoff laut Regierungskreisen in Deutschland vermutlich keine Zulassung für über 65-Jährige bekommen würde. Grund sei die mangelnde Wirksamkeit bei Älteren. „Bild“ schrieb (€), die Regierung rechne „mit einer Wirksamkeit des Impfstoffs bei Menschen über 65 Jahren von unter 10 Prozent“. Das „Handelsblatt“ wurde konkreter und schrieb, die Wirksamkeit bei über 65-Jährigen liege nur bei 8 Prozent. Die Zahl „8“ wurde dabei in der Berichterstattung prominent hervorgehoben. Das sorgte natürlich für einigen Wirbel. Es gab Dementis von AstraZeneca und dem Gesundheitsministerium. Das „Handelsblatt“ blieb bei seiner Berichterstattung. In den sozialen Medien prasselte viel Kritik und auch Häme vor allem auf das „Handelsblatt“ und die Autoren des Artikels ein. Viele machten sich die Lesart des Gesundheitsministeriums zu eigen, dass die Dösköppe von Journalisten da wohl die Zahl verwechselt hatten. Tatsächlich spielte die Zahl „8 Prozent“ in der Studie von AstraZeneca eine Rolle, der Anteil der über 65-jährigen Studienteilnehmer betrug nämlich 8 Prozent an der Gesamtteilnehmerzahl. Das ist aber natürlich etwas völlig anderes, als die Behauptung im Artikel, dass der Wirkstoff nur bei 8 Prozent der über 65-Jährigen wirksam sei.

Am heutigen Freitag nun steht fest, dass die Ständige Impfkommission den Astra-Stoff tatsächlich nur für unter 65-jährige zulässt. Aber nicht etwa, weil er nur bei 8 Prozent der über 65-Jährigen wirksam wäre, sondern weil man aus den AstraZeneca-Daten für diese Altersgruppe überhaupt keine Wirksamkeit herauslesen kann. Die Stichprobe war zu klein. Anders gesagt: Gut möglich, dass der Impfstoff bei über 65-Jährigen genauso wirkt, wie bei Jüngeren, die Studie gibt nur keine Datenbasis her, um das zu belegen. Also erhält der Stoff vorerst keine Zulassung für Ältere. Die 8 Prozent über 65-Jährige aus der Studie entsprechen 341 geimpften Personen, von denen sich aber nur eine mit dem Virus infizierte. Und nur auf Basis einer Person, lässt sich eben keine Aussage für die Allgemeinheit treffen.

Das „Handelsblatt“ hatte zwar in seinem Bericht auch deutlich auf die wackelige Datenbasis der Studie hingewiesen, das prominente Hervorstellen der Zahl „8 Prozent“ erweckte aber einen falschen Eindruck und säte unnötig Unsicherheit in einer ohnehin an Unsicherheiten nicht armen Situation. Zumal die Kernaussage der ursprünglichen Artikel von „Handelsblatt“ und „Bild“, dass der AstraZeneca-Impfstoff bei nur einem ganz geringen Teil der Älteren wirksam ist, aktuell nicht belegt ist. Das „Handelsblatt“ hat seine Berichterstattung zwischenzeitlich angepasst.

+++

In jüngerer Zeit hatte der „Spiegel“ dem „Stern“ seinen früheren Ruf als Haifischbecken streitig gemacht. Was der „Spiegel“ an Intrigen, Lästereien und internen Querelen darbot, suchte in der Branche seinesgleichen. Jetzt erwacht in der „Stern“-Redaktion das Revoluzzer-Gen zum Leben. Die aktuellen Pläne, die Ressorts Politik und Wirtschaft aus Hamburg abzuziehen und in Berlin mit „Capital“ und „Business Punk“ zu verdrahten, stoßen auf erbitterten Widerstand. Noch ist nicht klar, wie die Geschichte ausgehen wird. Ein interessanter Kommentar zur Sache kommt vom ehemaligen „Stern“-Chefredakteur Dominik Wichmann, der mittlerweile mit der Looping Group erfolgreich als Unternehmer tätig ist. Er schreibt auf Facebook:

„Es ist übrigens ratsam, als Chefredakteur*in den Forderungen einer stets weitblickenden Verlagsleitung nicht zu widersprechen. Zum Beispiel auch dann, wenn das Hauptstadtbüro eines Wochenmagazins enthauptet werden soll. Es soll ja schon Fälle von Kollegen gegeben haben, die wegen Ihrer Weigerung, das zu tun, gefeuert wurden.“

Wichmann ist einer, der es wissen sollte.

+++

Aber keine Bange, auch beim „Spiegel“ gibt es natürlich wieder massig Ärger. Die sich anbahnende Demission von Co-Chefredakteurin Barbara Hans stößt Teilen der Redaktion sauer auf. In einem harschen Brief zeigt man sich „erschüttert, entsetzt, traurig und wütend“, wie mit Hans umgesprungen wird. Dass eine verdiente Führungskraft, die gerade aus dem Mutterschutz zurückgekehrt ist, absägen zu wollen, das wäre wirklich nicht die feine englische Art. Nicht einmal nach „Spiegel“-Maßstäben. Die Unterzeichner fordern nun eine öffentliche „Ehrenerklärung“ für Barbara Hans. Bevor das passiert, friert vermutlich eher die Hölle zu.

+++

Die jüngste Staffel der Krankenhaus-Saga „Charité“ im Ersten war wieder ein großer Publikumserfolg. Klar, dass es da eine Fortsetzung geben wird. Und welche prominente Persönlichkeit soll dabei eine Rolle spielen? Star-Virologe Professor Christian Drosten? Oder der russische Oppositionelle Alexei Nawalny, dem nach einem Gift-Anschlag in der Charité das Leben gerettet wurde? Die Antwort: beide! Es soll tatsächlich Pläne geben, eine künftige Staffel „Charité“ in der Zukunft spielen zu lassen (im Jahr 2046) mit Drosten UND Nawalny als Figuren. Ist diese Idee so bescheuert, wie sie sich anhört? Ich meine: ja.

Schönes Wochenende!

PS:

Im Podcast „Die Medien-Woche“ spreche ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ auch über die Impf-Berichterstattung der Medien und den Mega-Ärger bei „Stern“ und „Spiegel“. Außerdem gibt es ein paar abschließende Worte zu Bodo Ramelows Entgleisungen bei Clubhouse und verstörende Nachrichten vom US-„Rolling Stone“. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

Anzeige