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Offener Brief

„Menschlich und strategisch fatal“: „Spiegel“-Redakteure kritisieren Umgang mit Barbara Hans

"Spiegel"-Verlagsgebäude an der Ericusspitze in Hamburg – Foto: Imago

„Mobbing“, „menschlich fatal“, „zerstörerischer Umgang“. Ein Teil der „Spiegel“-Mitarbeiter*innen kritisiert in einem Brief den Umgang mit Chefredakteurin Barbara Hans massiv. Hans soll das Haus angeblich verlassen, weil sie mit Chefredakteur Steffen Klusmann nicht zurechtkomme.

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Zunächst hatte das Branchenblatt „Horizont“ in der Vorwoche berichtet, dass Chefredakteurin Barbara Hans ihren Posten und wohl auch das Medienhaus an der Ericusspitze verlassen soll. Damit würde sich die „Spiegel“-Chefredaktion auf den Ex-„FTD“-Journalisten Steffen Klusmann und Clemens Höges verkleinern. Nun haben sich knapp über 130 „Spiegel“-Redakteur*innen in einem Brief, der MEEDIA vorliegt, an die Geschäftsführung um Thomas Hass und Stefan Ottlitz sowie die Chefredaktion gewendet.

Dort heißt es: „Eine Woche ist es her, dass in anderen Medien von offenkundig vorhandenen Schwierigkeiten in der ‚Spiegel‘ -Chefredaktion berichtet wurde – in einer Art und Weise, die manche von uns an Mobbing erinnerten und bei der eine in der Redaktion geachtete Chefredakteurin, die jahrelang ausgezeichnete inhaltliche und strategische Arbeit geleistet hat, mit teils ehrabschneidenden Darstellungen überzogen wurde. Das hat uns erschüttert, entsetzt, traurig und wütend gemacht.“ Nicht nur weil Interna nach außen gelangt sind, sondern ob des Umgangs mit Hans und, so der Vorwurf, „wegen des dröhnenden Schweigens nach innen und außen, das anschließend vonseiten der Chefredaktion und des Verlags folgte.“

„Die Kultur des Umgangs miteinander, die so in den vergangenen Tagen öffentlich wurde, halten wir für fatal: menschlich, kommunikativ und strategisch“, heißt es in dem Brief. Wie denn der aufklärerische Anspruch der Marke und der Umgang mit der einzigen Frau im Chefredaktions-Trio zusammenpassten, sei eine von mehreren Fragen gewesen, auf die viele Redakteur*innen angesprochen worden seien. Oder auch, ob der „Spiegel“ ernsthaft die Darstellung und Deutung unkommentiert stehen lassen wolle, dass die Elternzeit von Hans Auslöser für die aktuelle Krise sei. Bei allen Fragen schwinge mit, was das für ein Arbeitgeber und für ein Verlag seien, „die den zerstörerischen Umgang mit einer ihrer besten Führungskräfte einfach so passieren lassen.“

Forderung des Briefs: ein neues Miteinander muss sofort her

Hans hatte lange Zeit als Chefin des inzwischen mit dem Print-Produkt fusionierten Digitalablegers „Spiegel Online“ gearbeitet. Ende 2018 ging sie in den Mutterschutz, bevor der Verlag die beiden Sparten zusammenlegte, kehrte 2019 zunächst schrittweise wieder in die Redaktion zurück und ist hier seit Sommer 2020 wieder voll im Einsatz. Seitdem habe sie ihre Rolle in der neu ausgerichteten Redaktion nicht gefunden, wird kolportiert (MEEDIA berichtete).

Ein neues Miteinander im Verlag und in der Redaktion, so die Forderung, müsse jetzt und besonders in der Krise deutlich und sichtbar werden, nicht erst irgendwann in der Zukunft. „Mit einer längst überfälligen öffentlichen Ehrenerklärung für Barbara, mit einem fairen Umgang untereinander auch bei Differenzen, mit strukturellen Lösungen, bei denen sich die gesamte Redaktion mitgenommen fühlt und nicht bei einer Gruppe das Gefühl entsteht, in der Chefredaktion nicht mehr vertreten zu sein.“ Viel deutlicher könnten die Worte an die Chefredaktion und die Geschäftsführung nicht ausfallen. Man wünsche sich eine Lösung mit Chefredakteurin Hans, da sie in der Redaktion „großen Rückhalt“ genieße. Sollte das aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich sein, fordern die Unterzeichner*innen von der Führungsspitze schnelle und konkrete Vorschläge, wie es weitergehen soll.

Die „Spiegel“-Gruppe wollte sich auf MEEDIA-Nachfrage nicht zu dem Schreiben äußern.

Nachrichtenmagazin hat mit Folgen der Pandemie zu kämpfen

Bei der „Spiegel“-Gruppe ist derzeit ohnehin viel in Bewegung, da das Haus – wie so viele Unternehmen – mit den Auswirkungen der Corona-Krise zu kämpfen hat. Geschäftsführer Thomas Hass hat einen Sparkurs verordnet. Wegen der Folgen der Pandemie rechnete die Gruppe im Frühjahr des Vorjahres mit einem Vermarktungsminus von 20 Millionen Euro. Und der Befürchtung, dass nach der Pandemie nur noch die Hälfte dieser verlorenen Werbeerlöse zurückkehre (MEEDIA berichtete).

Zu den Einsparungen soll nun überwiegend die Redaktion beitragen. Von zwei Dritteln des anvisierten Sparziels ist die Rede. Auch bei den Sachkosten soll gekürzt werden. Geplant ist, mehrere Etagen im Haupthaus an der Ericusspitze unterzuvermieten. Verlagschef Hass hat im Dezember 2020 mit dem Betriebsrat zudem eine Vorruhestandsregelung vereinbart.

Zuletzt teilte eine Sprecherin mit, dass das voraussichtliche Ergebnis der „Spiegel“-Gruppe für 2020 gedämpft ausfallen werde, aber nicht so schlimm, wie anfangs befürchtet wurde. „Weil wir in der Krise zugleich Kosten gespart haben, konnten wir trotz aller Herausforderungen die finanzielle Stabilität der ‚Spiegel‘-Gruppe erhalten.“

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