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Ärger in der Redaktion

Der Niedergang des „Stern“

Der "Stern" hat mit Auflagen- und Bedeutungsverlust zu kämpfen – Foto: Imago

Der Streit um die Ressorts Politik und Wirtschaft ist nur das nächste unschöne Kapitel beim „Stern“. Das Prinzip Wundertüte hat ausgedient.

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Beim „Stern“ in Hamburg brennt die Luft. Grund ist der Plan der Verlagsführung, das Politik- und Wirtschaftsressort in Hamburg dichtzumachen und in Berlin als Gemeinschaftsressort mit „Capital“ und „Business Punk“ neu zu eröffnen. „Capital“-Chefredakteur Horst von Buttlar soll dafür in die „Stern“-Chefredaktion einziehen.

Gegen diesen Plan laufen der „Stern“-Beirat und -Betriebsrat allerdings Sturm. Die Arbeitnehmervertreter fürchten um Arbeitsplätze und Image, der Beirat fordert die Führung sogar ultimativ auf, die Ressort-Fusionspläne wieder ad acta zu legen. Der „Stern“, so seine Sicht, braucht eigene Politik- und Wirtschaftsredakteure. Das kann man verstehen, vorausgesetzt natürlich, man hat die Marke „Stern“ noch nicht ganz aufgeben. 

Die Verantwortlichen bei G+J müssten sich darüber klar werden, wofür der „Stern“ heute stehen soll, meint Stefan Winterbauer

Der Ärger kommt nicht von ungefähr. Schon lange befindet sich der „Stern“ im Sinkflug, was Auflage und Bedeutung betrifft. Im 4. Quartal des vergangenen Jahres meldete das Magazin noch 245.354 Exemplare bei Einzelverkauf und Abo an die IVW. Zuletzt blieb der „Stern“ im Einzelhandel vier Wochen am Stück unter der 100.000er-Marke. Bitter.

Ex-Chefredakteur Christian Krug versuchte, mit immer mehr Reise-Titeln („Mallorca“, „Sylt“ „Deutschland“) den Schwund einzudämmen. Die aktuelle Chefredaktion – Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless – versucht wiederum, mit gesteigertem Aktivismus („Klima“, „Pflege“, „Frauenquote“) ein Stück der alten Bedeutung zurückzugewinnen. Beides klappt nicht wirklich. Auch digital spielt die Marke keine herausragende Rolle; man hat nie den Anschluss etwa an den digitalen „Spiegel“ oder die „Bild“ gefunden.

Damit sich das ändert, müsste den Verantwortlichen bei G+J klar werden, was der „Stern“ in der neuen Zeit eigentlich sein soll, sein will, sein kann. Das Prinzip Wundertüte hat ausgedient. Wofür steht der „Stern“ heute? Für Journalismus, Fotos, Reportagen, Interviews, Aktivismus? Für irgendwie alles? Oder doch eher für nichts? Außer Sparen und Zusammenlegen ist kein Konzept erkennbar. 

Das Chefredakteurs-Duo wird in der aktuellen Lage auf beispiellose Weise vorgeführt. Entweder die beiden machen das Spiel mit und installieren das neue Gemeinschaftsressort in Berlin – dann ist klar, dass sie praktisch nur die Erfüllungsgehilfen der Spar-Vorgaben aus dem Management sind. Oder sie stellen sich gegen die Führung und riskieren ihre eigene Demission. So oder so – verloren haben sie schon jetzt.

Dass der Verlag nicht in der Lage ist, seine Reformvorhaben (gesetzt den Fall, es gibt tatsächlich langfristige Pläne) ordentlich zu kommunizieren, steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Stück für Stück tröpfeln in diesen Tagen die Hiobsbotschaften aus der frustrierten Redaktion nach außen. Verlagsmitteilungen gehen über die übliche PR-Prosa nicht hinaus, bei Nachfragen heißt es „kein Kommentar“. Es gab mal eine Zeit, da konnte man mit G+J-Pressesprechern vertraulich auch mal Tacheles reden. Hier gilt dasselbe wie für die Bedeutung des „Stern“: ist lange her.

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