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Menschen und Marken

Führungskräfte, die glauben, sie seien für Zahlen verantwortlich, liegen falsch!

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Zahlen sind abstrakte Wesen. Wer mit ihrer Hilfe die Welt regieren will, vergisst die entscheidende Variable: den Menschen.

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Update vom 3. Februar: Olaf Peters-Kim, der Co-Gründer von Welect und langjährige CEO von WPP ist der Meinung, dass Frank Dopheide falsch liegt.

Kaum sind wir im neuen Jahr zurück am Schreibtisch müssen wir zu unserem großen Schrecken erkennen, dass sich die alten Themen und die Wiedervorlagemappe nicht in Luft aufgelöst haben. 2021 ist noch frisch und die nagelneuen Planzahlen liegen vor uns auf dem Tisch. Wir beginnen das neue Jahr energiegeladen und krempeln die Ärmel hoch. Wir sind entschlossen, die Zahlen und das neue Jahr ins Positive zu drehen und stehen dabei auf verlorenem Posten.

Denn mit den Zahlen ist das so eine Geschichte. Es gibt Menschen, die lieben Zahlen. Wir wissen nicht, wer die Zahlen erfunden hat, aber die Sumerer aus dem alten Mesopotamien haben sie zuerst aufgeschrieben. (Die Erfindung der Null kam im Übrigen sehr viel später.) Seit über fünftausend Jahren helfen Zahlen in jeglicher Form uns dabei, das Denken und die Welt zu organisieren. Zahlen sind abstrakte Wesen. Es gibt sie heute in jeder denkbaren Ausprägung: natürliche Zahlen, abstrakte Zahlen, illusorische Zahlen, reelle Zahlen, negative Zahlen, positive Zahlen, unvorstellbar kleine Zahlen, unkalkulierbar große Zahlen. Und es gibt unendlich viele. Die Entwicklungssprünge der Welt sind ohne die Zahlen undenkbar. Um sie zu beherrschen, brauchen wir wahre Meister. Darum krönte die Schule die Mathematik zur Königsdisziplin. Sie wurde zum Fach aller Fächer. Im ewigen Schulfach-Ranking führt sie weit vor Sprachen und Lichtjahre vor Musik, Sport und Kunst. Wer gut rechnen kann, ist intelligent. Ein „Gut“ in Mathe ist schon mal die halbe Miete, obwohl statistisch betrachtet nur eine Note. Als Vater von drei Kindern habe ich im Laufe der Jahre ein paar Monatsgehälter für Nachhilfe ausgegeben – aber nie einen Cent für Religion oder Handarbeit.

Zahlen regieren die Welt. Das allerdings ist ein Rechenfehler. Denn er hat die entscheidende Variable nicht einkalkuliert – den Menschen. 

Jede Führungskraft der Welt glaubt, sie ist verantwortlich für die Zahlen. Falsch gedacht. Sie ist verantwortlich für die Menschen, die die Zahlen liefern. Doch dabei bringen uns die Taschenrechner und Kalkulationsprogramme auf dem Weg in die Zukunft nicht weiter. Wie soll man Ideenreichtum, Durchhaltewillen und Unternehmergeist mit einrechnen? 

Die menschlichen Fähigkeiten sind das unternehmerische Kapital, das es zu aktivieren gilt. Das innere Vermögen des Unternehmens. Vorsicht: Anders als der Zahlenliebhaber glauben, haben Zahlen keine verbindende Kraft. Sie stiften keinen Sinn, wecken keine Energie und man kann nach Feierabend nicht fesselnd davon erzählen. Die Pirahas, ein Indianervolk am Amazonas, gelten als das glücklichste Volk unseres Planeten. Ihre Sprache kennt übrigens keine einzige Zahl – nur „viel“ und „wenig“. Schon die ersten Höhlenmalereien der Menschheit, 30.000 Jahre alt, sind interessanterweise Bilder, keine numerischen Merkzettel. Und das übrigens in allen Höhlen rund um den Planeten: Frankreich, Russland, Afrika, Südamerika, Asien. Zahlen sind das, was sie immer schon waren: eine abstrakte Größe. 

Zahlen sind nicht mehr als eine abstrakte Größe

Mit ihrer Hilfe die Welt, die Organisation und den Menschen zur Zusammenarbeit bringen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Für das menschliche Vermögen hat nicht mal Adam Riese eine Formel. Wenn Zahlen Ihnen nicht weiterhelfen, machen Sie die Mitarbeiter Ihres Teams zum Teil einer gemeinsamen, großen Geschichte. Worte sind in Buchstaben gegossene Energie. Je interessanter, berührender und vorstellbarer das Bild der Zukunft, desto größer die aktivierende Kraft. Jetzt wäre ein guter Moment, um damit zu beginnen.


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim „Handelsblatt“. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

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