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Gastbeitrag

Die deutsche Filmindustrie muss sich neu aufstellen

Leerer Kinosaal während Corona – Foto: Imago Images

Der katalytische Effekt der Pandemie steht ausser Frage. Aber auch schon lange vor Corona war die Verwertungskette der Filmindustrie nicht mehr reißfest. Doch es gibt Wege aus dem Dilemma. Ein Gastbeitrag von Matt Mermer, Gründer von Cinehood.

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James Bond lässt sich immer noch nicht blicken. Denn wieder wurde der Kinostart verschoben. Diesmal jedoch muss der Geheimagent nicht nur gegen Bösewichte kämpfen, sondern wurde darüber hinaus auch noch auserkoren, weltweit die Kinos aus dem Dornröschenschlaf wach zu küssen. Der mögliche Release von „Keine Zeit zu Sterben“ wird deshalb wie kein anderer herbeigesehnt.

Tatsächlich steht der katalytische Effekt der Pandemie außer Frage. Was in Diskussionen um die Zukunft der Filmindustrie derzeit aber häufig vergessen wird, ist dies: Schon lange vor Corona war die Verwertungskette nicht mehr reißfest. Es ist daher höchste Zeit, dass sich die deutsche Filmindustrie neu aufstellt.

Kino hat bei den Youngsters keine Relevanz

Das Kino hat schon seit längerem an Strahlkraft eingebüßt. Bei den Zielgruppen der Youngsters hat es jetzt schon absolut keine Relevanz mehr. Hier konkurriert es nicht nur mit Games und kostenpflichtigen Streaming-Diensten, sondern auch mit Social-Media-Kanälen wie YouTube, WhatsApp, Instagram und TikTok. Gerade die Usability und das einfache Produzieren von User-Generated-Content sorgen für exponentielles Wachstum des Contents.

Laut Medienberichten erklärte MGM, dass es nicht geplant sei, den neuen Bond an einen Streaming-Dienst zu geben. Denn Gerüchten zufolge war keiner der Dienste wie Netflix, Prime Video oder Apple + bereit, 600 Millionen US-Dollar zu zahlen. WarnerMedia hingegen geht hier einen ganz anderen Weg. Im US-amerikanischen Markt wird das gesamte LineUp 2021 nämlich zeitgleich zum Kinostart im hauseigenen Streaming-Dienst HBO zur Verfügung stehen. Der Dienst soll zudem dieses Jahr noch in Europa gelauncht werden.

Fünf Empfehlungen aus dem Dilemma

In Deutschland wiederum geschieht wenig Innovatives, obwohl sich die Umsatzzahlen in den deutschen Kinos seit Jahren um den Durchschnittswert von einer Milliarde Euro eingependelt haben. Im Vergleich dazu war der Streaming-Umsatz im Jahr 2019 mehr als dreimal so hoch, nämlich 3,6 Milliarden Euro und im vergangenen Jahr betrug er sogar 4,3 Milliarden Euro. Im Folgenden deshalb fünf Empfehlungen, um sich aus diesem Dilemma zu befreien.

Matt Mermer ist Marketing- und Digitalexperte Content sowie Gründer von Cinehood

1. Zum linearen off-line Kino-LineUp eine Film-Auswahl on-demand online anbieten: entweder auf einer zentralen deutschen Streaming-Page, wo das Kino in deiner Hood/ deinem Viertel anteilig mitverdient oder auf der eigenen Homepage des Kinos in deiner Hood, im Sinne von „Filme, kuratiert vom Kino deines Vertrauens“.

2. Mobile-Marketing direkt mit Ticket-Sales verknüpfen, sowohl für Eintrittskarten ins Kino als auch zum Streamen der Filme zuhause im Home-Cinema

3. Die Kinos sollten sich vielmehr mit dem Einsatz von Online-Tools und über die unterschiedlichen Social Media Kanäle um ihre Audience kümmern – und mit ihr kommunizieren. Und zwar punktgenau: passend für die Zielgruppe und themenspezifisch. Dazu gilt es im ersten Schritt eine verlässliche Data-Base als Fundament aufzubauen, auszuwerten und kontinuierlich zu optimieren. Nur so können die Interessen der Kunden entsprechend den Vorlieben bedient werden. 

4. Ausschliesslich Filme im Kino zeigen, die dort eine besondere Strahlkraft entwickeln. Also Streifen, bei denen der Top-Kino-Sound und der megagroße Screen unerlässlich für das Film-Erlebnis sind und dieses Equipment in dieser Dimension schon allein aus Platzgründen im Privaten nicht vorzufinden wären – außer, man ist zufällig Oligarch oder Scheich. 

5. Zum Kino-Ticket einen zusätzlichen Benefit liefern, den Netflix & Co nicht haben: Das könnten zielgruppen- und filmbezogene Aktionen sein, zum Beispiel „Star-Shuttle“ ins Kino oder Kiss-Kamera im Saal.

Denn nur, wenn sich die Filmindustrie neu aufstellt und wir Kino neu denken, machen wir es zukunftssicher. Ganz unabhängig vom neuen James Bond übrigens. Wann immer der auch kommen mag.

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