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Rützels Scharmützel

Clubhouse: FOMO oder JOMO?

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Nach einem stolzen Auftritt in einer ersten Gesprächsrunde wurde ich auf Clubhouse an der Thommytür abgewiesen.

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Vor ein paar Tagen hätte ich mich fast zusammen mit Thomas Gottschalk in einen Raum gequetscht. Natürlich nur in einen virtuellen, da wir ja doch in sehr unterschiedlichen Kreisen verkehren und man sich außerdem momentan und bis auf Weiteres generell nirgendwo reinquetschen sollte, wo noch andere Menschen sind. 

Der Fast-Kontakt fand natürlich bei Clubhouse statt, dieser Public-Plauder-App, auf der momentan, dem plustrigen allgemeinen Gewese nach, alles, nach meiner eigenen Erfahrung nach aber eigentlich nichts passiert. Einmal nahm ich dort an einer Gesprächsrunde über Jochen Distelmeyer teil, den Sänger der Band Blumfeld. Ich zählte, als die Frage danach aufkam, aus dem Gedächtnis alle 13 Apfelsorten, die im Refrain seines Liedes „Der Apfelmann“ vorkommen, in der richtigen Reihenfolge auf und spürte gleich danach: Einen stolzeren Auftritt werde ich in diesem sozialen Schwätzwerk vermutlich nie mehr haben, vorsichtshalber sollte ich eigentlich sofort wieder austreten.

Jedenfalls, Gottschalk. Nachdem in den ersten paar Tagen immer wieder aufgeregte Berichte von Clubhäuslern zu hören gewesen waren, sie hätten sich gerade in einem Gesprächsraum ganz zufällig, aber total nett mit Bayern-München-Staksebein Thomas Müller unterhalten oder ihr Profil-Avatar sei in der Zuhörerliste zufällig neben Joko Winterscheidt gesessen, warteten also ein paar tausend Menschen darauf, dass sich der als Speaker angekündigte Thomas Gottschalk zeigen würde. Seine Ankunft verzögerte sich ein Weilchen, und ich versuchte derweil nebenbei, meinen Eltern, bei denen ich gerade für ein paar Wochen wohne und die ziemlich genau in Gottschalks Alter sind, die Funktionsweise und den Sinn von Clubhouse zu erklären. Wir hätten dazu vielleicht einen Room öffnen sollen, aber das fiel mir erst zu spät ein.

Irgendwann wurde ich dann zu ungeduldig und schaute mit Gottschalk im Fernsehen an, denn parallel lief ja ohnehin die neue Joko-Show, bei der er mit im Rateteam sitzt. Zwischendurch schaute ich nochmal bei Clubhouse rein, inzwischen schien auch Gottschalk eingetroffen und technisch aufgeschirrt zu sein, denn sein Gesprächsraum war inzwischen so voll, dass ich nicht mehr eingelassen wurde. Angeblich soll eine der Hauptantriebsreflexe, warum Menschen sich bei Clubhouse anmelden, ja in der so genannte FOMO begründet liegen, der Fear of Missing Out, zu deutsch also Verpassungsangst. Als ich an der Thommytür abgewiesen wurde, verspürte ich dagegen grundzufriedene JOMO, das entgegengesetzte Gefühl des Joy of Missing Out, auch wenn mir dort anwesende Freunde anderntags abermals aufgeregt davon erzählten, was ich alles verpasst hatte. Ich wunderte mich erstens über ihre generelle Bereitschaft, sich teeniemäßig auch nur von der digitalen Präsent derart starstruck in Wallung versetzen zu lassen, und wunderte mich zweitens darüber, dass dieser Reflex tatsächlich immer noch von verhältnismäßig klassischen Prominenten ausgelöst werden kann, nicht nur von aktuellen Hypebeastern. Wie ich mich aber ja auch jedes Mal wundere, wenn Menschen sich mit fast religiösem Sehnen die Wiederkehr von Stefan Raab auf die Showbühne wünschen, mir graut schon vor den entsprechenden hoffnungsvollen Quiekereien, sollte sich unter den verkleideten Tierchen der bald anlaufenden neuen Staffel von „The Masked Singer“ ein leicht hüftweiches Wesen mit ungefähr passender Stimme befinden.

Wie immer gilt aber natürlich: Die größten Kritiker der Elche sind in Wahrheit selber welche. Während ich nämlich noch darüber lachte, welche Fanreflexe Clubhouse-Promis auslösen können, quietsche ich selbst diddlmäßig auf: Gary Barlow, der von mir hochverehrte Take-That-Veteran, hatte höchstselbst einen Tweet von mir gelikt, in dem ich eine aktuelle Shanty-Interpretation von ihm lobte. Was soll ich mir also vormachen, sagte ich zu mir: Willkommen im Club.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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