Anzeige

#trending Nummer 805 - Montag, 18. Januar 2021

„Zwang“, Clubhouse, nochmal die 90-Jährige und die Verantwortung der Medien

Jens Schröder – Illustration: Bertil Brahm

Guten Morgen! Gestern war der Tag im Jahr, in dem in Düsseldorf einen halben Tag lang Schnee lag. Ja. Einer der Nachteile an der schönen Stadt am Rhein. Schneemangel. Aber immerhin: einen halben Tag lang konnten wir nun einen Schneemann bauen und Schneebälle werfen. Besser als nix.

Anzeige

#trending // „Zwang“

Drei Artikel mit dem Wortbestandteil „Zwang“ standen am Sonntag an der Spitze der Liste deutscher journalistischer Artikel mit den meisten Facebook- und Twitter-Interaktionen. Ganz vorn: „Focus Online“ mit „Flüchtlingsunterkunft, Klinik, Knast? – Mehrere Bundesländer wollen Quarantänebrecher zwangseinweisen“ und 31.200 Reaktionen. Dahinter folgen zwei Texte der „Welt“: „Länder planen Zwangseinweisungen für Corona-Quarantänebrecher“ und „Wirtschaftsministerium plant Zwangs-Ladepausen für Elektroautos“ mit 23.100 und 22.700 Likes & Co.

Bei den Artikeln mit den „Zwangseinweisungen“ geht es um eine Recherche der „Welt am Sonntag“, laut der „mehrere Bundesländer“ schärfer gegen „hartnäckige Quarantäneverweigerer vorgehen“ wollen. So gebe es auch die Möglichkeit zur „Zwangseinweisung“ in kontrollierten Gebäuden wie Kliniken. Allerdings komme es dazu nur „im Extremfall“ bei „wiederholtem Verstoß“ und „aufgrund richterlichen Beschlusses“.

Die Aufregung der Headline-Leser in den sozialen Netzwerken [der „Welt“-Artikel steckt hinter der Bezahlschranke, wird also nur vom einem Bruchteil der Interagierenden gelesen worden sein] war groß, vielerorts war wieder „Geschrei“ von „Lagern“ und „Faschismus“ zu lesen.

Die „Zwangs-Ladepausen für Elektroautos“ beziehen sich auf Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums, Stromanbietern die Möglichkeit einzuräumen, „große Verbraucher wie Elektroautos und Wärmepumpen zeitweise ferngesteuert vom Netz zu nehmen“ – für bis zu zwei Stunden pro Tag. Ziel: verbesserte Stabilität des Stromnetzes.

#trending // Clubhouse

In den vergangenen Tagen tauchte in verschiedenen sozialen Netzwerken der Name einer neuen App auf, die einen kleinen Hype auslöste, bzw. den kleinen Hype nun auch nach Deutschland bringt: „Clubhouse“. Ich empfehle dazu den Text meines Kollegen Tobias Singer auf MEEDIA – und den „t3n“-Artikel, der ebenfalls ganz gut erklärt, worum es geht: „Einfach gesagt: Clubhouse ist eine Audio-only-App, bei der du Gesprächen wie bei einem Live-Podcast lauschen oder dich aktiv an Diskussionen beteiligen kannst. Keine Kommentare, keine Likes, keine eingeschaltete Kamera, aber auch keine einfache Teilnahme: Denn wer mitmachen will, benötigt eine Einladung!“

Genau diese Einladung ist auch der Grund dafür, dass ich keine eigenen Erfahrungen zu „Clubhouse“ aufschreiben kann. Denn: Derzeit gibt es die App nur für Apple-Smartphones, nicht für welche mit dem Android-System. Laut Daten von Talkwalker begann der Hype übrigens Anfang Dezember in den USA, seitdem gibt es auf Twitter beispielsweise in jeder Woche weltweit mehr als 100.000 Tweets mit „Clubhouse“ im Inhalt. Was allerdings noch keine extreme Zahl ist. Daher: ein kleiner Hype, noch kein großer.

Kritisch an „Clubhouse“ ist auch einiges. Dennis Horn schreibt beim „WDR“ beispielsweise: „Die Einladungspolitik wirft gleichzeitig Fragen auf. Denn wer eine andere Person zu Clubhouse einladen möchte, muss der App dafür zunächst den Zugriff aufs Adressbuch gestatten – und so landen bei den Machern der Plattform nicht nur Daten über Menschen, die eingeladen werden, sondern auch über deren Umfeld.

Und wer Clubhouse für sensiblere Gespräche nutzt, sollte wissen, dass sämtliche Gesprächsrunden mitgeschnitten werden – laut Clubhouse, um Verstöße gegen die Community Guidelines untersuchen zu können. Die Mitschnitte würden gespeichert, sobald während eines Gesprächs auch nur einmal ein Verstoß gemeldet werde.“

#trending // nochmal die 90-Jährige und die Verantwortung der Medien

Am Freitag schrieb ich an dieser Stelle über die 90-jährige Frau aus dem Landkreis Diepholz, die laut Medienberichten „kurz nach einer Corona-Impfung“ verstorben war. Ich kritisierte Headlines von „Bild“, „Weser-Kurier“ und „buten un binnen“ wie „“89-Jährige verstirbt rund eine Stunde nach Corona-Impfung„, die zu zigtausenden Social-Media-Reaktionen führten.

Meine Meinung, die ich aufschrieb: „So lang nicht geklärt ist, ob es einen Zusammenhang zwischen einer Impfung und dem Tod einer 89- oder 90-jährigen Frau gibt, sollten sich Medien zurückhalten mit solchen rein spekulativen Meldungen. Schließlich berichtet auch niemand: ’89-Jährige verstirbt rund eine Stunde nach dem Essen von Bratkartoffeln‘.“

Inzwischen liegt das Obduktionsergebnis vor, u.a. „RTL.de“ berichtete mit der Headline „Seniorin aus Weyhe stirbt nach Corona-Impfung: Kein Zusammenhang!“ Laut Staatsanwalt Verden habe der Tod der 90-Jährigen „nichts mit einer vorherigen Corona-Impfung zu tun“, die Rechtsmedizin „habe keinen Zusammenhang festgestellt“.

Was die oben genannten kritisierten Medien mit ihren klickgierigen Headlines Ende der Woche losgetreten haben, lässt sich auf Facebook auch unter dem neuen „RTL.de“-Artikel beobachten. Kommentare dort lauten u.a.: „Das war doch vollkommen klar… alle sterben an Corona, aber wenn die Impfung schief geht waren es Vorerkrankungen…“ oder „Natürlich kein Zusammenhang, wäre ja auch schon blöd dazu zu stehen. Es sind schon mehrere Fälle bekannt davon. Unmöglich, die da oben sollte man alle weg sperren“ oder „Das wird nie an die Öffentlichkeit gelangen“.

Statt einer weiteren eigenen Meinung zitiere ich einen weiteren Kommentar auf der Facebook-Seite, dem ich vollkommen zustimme: „Interessant ist hierbei wieder zu sehen, dass Menschen, die jedem, der bei YouTube und sonstwo das Wort ergreift alles glauben, wenn es nur ihrer Philosophie entspricht, jetzt hier, nachdem das Obduktionsergebnis offiziell vorliegt dieses anzweifeln und dabei behaupten, „die da oben“ würden es sich drehen, wie es passt. Das ist wohl biblisch zu begründen: den Splitter im Auge des Gegenübers zu bemerken, aber den Balken im eigenen Auge zu ignorieren.“

#trending // Deutsche Tops des Tages

Story nach Social-Media-Interaktionen: „Focus Online“ – „Flüchtlingsunterkunft, Klinik, Knast? – Mehrere Bundesländer wollen Quarantänebrecher zwangseinweisen (31.200 Interaktionen bei Facebook und Twitter)

Story nach Likes & Shares bei Twitter: „Welt“ – „Wirtschaftsministerium plant Zwangs-Ladepausen für Elektroautos“ (6.000 Likes und Shares)

Podcast (Apple Podcasts): „Das Coronavirus-Update von NDR Info“ – „(71) Mehr Licht am Ende des Tunnels

Google-SuchbegriffFC Bayern gegen Freiburg (500.000+ Suchen)

Wikipedia-SeiteArmin Laschet (246.100 Abrufe am Samstag)

Youtube-Video: „Mexify“ – „Die HUNDE WELPEN sind da!

Serie (Netflix): „Lupin

Song (Spotify): Kasimir1441, badmómzjay, Wildbwoys – „Ohne Dich“ (841.400 Stream-Abrufe aus Deutschland am Samstag)

Musik (Amazon): Die drei ??? – „208/Kelch des Schicksals“ (Audio CD)

DVD/Blu-ray (Amazon): „Harry Potter: The Complete Collection“ (DVD)

Game (Amazon) [ohne Gutscheinkarten und Hardware]: „Mario Kart 8 Deluxe“ (Nintendo Switch)

Buch (Amazon): Sven Voelpel – „Die Jungbrunnen-Formel: Wie wir bis ins hohe Alter gesund bleiben“ (Broschiert)

#trending // Feedback

Anmerkung: Alle in #trending genannten Zahlen beziehen sich wenn nicht anders vermerkt auf den Vortag der Newsletter-Veröffentlichung (Stand: 24 Uhr)

Was finden Sie gut an #trending? Was schlecht? Was fehlt Ihnen? Schreiben Sie mir!

Anzeige