Anzeige

Ok Boomer

Die Entwertung des Lobes

Die 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule – Illustration: Bertil Brahm

Warum wir Journalist*innen unbedingt aufhören sollten, uns bei Twitter so peinlich zu benehmen. Und warum wir trotzdem nicht anders können.

Anzeige

Teilen Sie diesen Text bei Twitter. Ich bin erst 24 Jahre alt und neu in diesem Job. Im Moment zähle ich ein bisschen mehr als 300 Follower, ich kann jeden einzelnen gebrauchen. Wenn Sie mir helfen wollen, ist hier eine Vorlage, die Sie sich kopieren können: „Der wunderbare Leopold Zaak hat in seiner Kolumne für MEEDIA klug aufgeschrieben, warum wir alle aufhören sollten, uns bei Twitter gegenseitig die Egos zu streicheln. #meisterstück.“

Twitter ist mittlerweile mehr als nur eine Plattform, auf der die Wichtigen der Welt ihre Meinung sagen, weshalb wir dort auch sein müssen. Es ist auch ein Ort, an dem sich Journalist*innen gegenseitig auf die Schulter klopfen und vergewissern, wie großartig sie sind. Es ist eine Bubble geworden, in der Lob über Texte, nicht die Ausnahme, sondern die Regel geworden ist und in der sich fremde Menschen einander derart inflationär „wunderbar“ nennen, dass man meinen könnte, die seien schon gemeinsam zelten gewesen. 

Natürlich darf man Texte loben. Man soll das sogar tun. Aber geht das nicht auch anders? Niemand muss journalistische Texte derart geschwollen bei Twitter abfeiern. Das fängt bei der Sprache an. „Klug“, „aufgeschrieben“, „Lektüre“. Niemand spricht so und niemand schreibt so. Kein*e Handwerker*in würde jemals schreiben: „Der wunderbare Thomas hat einen tollen Schrank aufgebaut. Ich habe gerne meine Jacke reingehängt.“

Die Leute, die sich da auf Twitter mit solchen Wörtern loben, würden das aus jedem Text rausredigieren. Das ist nicht nur ermüdend, es ist auch faul. Es ist quasi das digitale „Ich habe heute sehr gerne den Aufmacher gelesen.“ Eine Hülse, die man sagt, damit die Konferenz bloß nicht zu lang dauert. Das ist Lob, das niemand ernst nehmen kann. Nicht mal der oder die Gelobte. Was genau an dem Text ist denn klug? Was ist denn wunderbar und warum war das so eine große Lektüre? Darüber könnte man ja sprechen, anstatt bedeutungsloses Lob in die Welt zu blasen.

Natürlich, Sie werden sich jetzt denken: Dann meld‘ dich doch ab, wenn es dich so nervt. Es zwingt dich ja niemand. Aber so einfach ist es nicht. Journalist*innen bei Twitter sind Getriebene. Getrieben von den lausigen Perspektiven, die es in diesem Beruf gibt. Längst ist Twitter nämlich unser Lebenslauf und Arbeitszeugnis. Wer ein gutes Praktikum macht, wer ein*e gute*r Autor*in ist, darüber entscheidet nicht nur die eigene Arbeit, sondern eben auch, wie der Text bei Twitter läuft. An Journalistenschulen gibt es Kurse dazu, wie man möglichst viele Leute erreicht (Tipp: immer alle Leute verlinken, vielleicht folgt einem dann sogar Lars Weisbrod). Und man lernt, dass es wichtig ist, eine Twitter-Persönlichkeit aufzubauen, dass man dort auf sich aufmerksam machen soll und, dass man am besten noch lustig ist dabei. 

Und schon ist man mittendrin im unangenehmen „Wunderbar“-Bällebad.

Dabei ist dieses ganze Twitter-Gelobe ja nicht nur einfach nervig. Dieses Worthülsendreschen führt dazu, dass Texte für die Bubble geschrieben werden. 

Anstatt daran zu denken, dass man Texte für Leser*innen schreibt, die dann zu Abonnent*innen werden sollen, hofft man darauf, dass er von den Kolleg*innen beachtet wird. Diese fast schon aggressive Art, mit der wir uns gegenseitig bei Twitter loben, macht den Journalismus selbstreferenziell.

Mittendrin im unangenehmen „Wunderbar“-Bällebad

Zumindest den Print- und Onlinejournalismus. Es ist schon auffällig, dass vor allem die Schreibenden dazu neigen, Menschen, die recht schön schreiben können und die aber sonst keiner kennt, schnell auf den Status von Halbgöttern zu heben. Wozu solche Heiligsprechungen führen können, wissen sie beim „Spiegel“ sehr gut. Die Kolleg*innen vom Fernsehen oder dem Radio scheinen etwas entspannter mit sich selbst und der eigenen Arbeit umzugehen. Mit einem Rundfunk im Rücken muss man zwar nicht unbedingt twittern, aber ein bisschen davon täte den Print-und Onlinejournalist*innen sehr gut.  

Andererseits: Wie soll man sonst in so einem Job überleben, wenn nicht durch Aufmerksamkeit? In einem Job, in dem freie Journalist*innen besser verdienen würden, wenn sie kellnern gingen und in dem das Vermitteln von Job- und Zukunftsängsten integraler Bestandteil der Ausbildung ist. Solange Boomer*innen in den Verlagen sitzen und dort „Sparprogramme“ fahren, müssen wir das Spiel um die Aufmerksamkeit wohl leider mitspielen. Und solange Boomer*innen auf ihren alten Redakteursverträgen aus den Whiskey-Jahren sitzen, müssen wir darauf hoffen, dass es ausreicht, eine stabile Twitter-Persönlichkeit zu sein. Also daher: Teilen Sie diesen Text bei Twitter.


Die 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule schreibt in dieser Kolumne über ihre Perspektiven auf den Journalismus und ihre Visionen für seine Zukunft.

Anzeige