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Wochenrückblick

„Rassistisch“, „menschenverachtend“, „widerlich“ – macht Gerd Dudenhöffer jetzt den Dieter Nuhr?

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Die Blockade der Erhöhung des Rundfunkbeitrags durch Sachsen-Anhalt gab der Debatte um Sinn und Ausgestaltung des ÖR neuen Zunder. Wieder ein prominenter Abgang bei Gabor Steingarts Media Pioneer. Gerd Dudenhöffer eckt mit seiner „Heinz Becker“-Figur an. Und zwischen Axel Springer und der „Berliner Zeitung“ ist von Advents-Frieden nix zu spüren. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Der Taschenspielertrick (Vertrag-Verschwindibus) von Sachen-Anhalts MP Reiner Haseloff, mit dem er die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrags um 86 fürs Erste (und Zweite) scheitern ließ, soll hier nicht weiter interessieren. Interessant fand ich aber, wie der Showdown in Magdeburg einmal mehr Freunde und Gegner des öffentlichen Rundfunks zu publizistischen Höchstformen auflaufen ließ. Von den hohen Intendanten-Gehältern über die teuren Fußball-Rechte bis zum Wildwuchs bei den Digital-Kanälen wurden sattsam bekannte Argumente der Kritiker aufgebrüht. Die Freunde des ÖR machen es sich stellenweise aber auch ein bisschen zu einfach, wenn sie ARD und ZDF wie mediale Allheilmittel verkaufen. Die Zeitungen siechen, die Digitalmedien ächzen, das Privat-TV kämpft mit Streaming-Giganten – alles nicht so schlimm, wir haben ja den ÖR, der für eine angeblich so ausgewogene Berichterstattung und Grundversorgung sorgt. Ist das so? Mir fällt kein profiliertes Gesicht aus ARD und ZDF ein, das eine dezidiert konservative Weltsicht vertreten würde. So eine Art Pendant zu Georg Restle. Ihnen?

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Wieder ein Weggang bei Gabor Steingarts Truppe. Marina Weisband, die bislang neben Chefredakteur Michael Bröker den Podcast „Überstunde“ moderierte, ist von Bord gegangen. Statt ihr präsentiert künftig die Publizistin Jagoda Marinić die „Überstunde“, die es künftig auch als Videoformat geben soll. Auch die Journalisten Richard Gutjahr und Daniel Fiene haben das Journalismus-Projekt jüngst verlassen.

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Macht Gerd Dudenhöffer jetzt den Dieter Nuhr? In einem Artikel des Münchner „Merkur“ über einen Auftritt Dudenhöffers als „Heinz Becker“ heißt es schon im Vorspann, er schramme „hart an der Grenze zu rechtem Gedankengut entlang“. Schock! Offenbar hat „Heinz Becker“ sich im Programm abfällig über Homosexuelle, Flüchtlinge und Schwarze geäußert. Wörtlich ist im „Merkur“ zu lesen:

„Doch dann überschritt Dudenhöffer immer häufiger die Grenzen des guten Geschmacks. So sprach er über Schwule, die Schleifchen tragen, was ja gut sei ‚dass man die markiert‘. Am besten lege man noch Knoblauch gegen sie aus. ‚Neger‘ sollen nicht wie angeblich so oft Wolfgang heißen, sondern Lumumba. Flüchtlinge sind ‚Zeugs‘, die möglichst nur mit Abitur kommen sollten. Deutschland sei zwar ein Auffangbecken für Flüchtlinge, aber bitte mit Abfluss. Sein Nachbar bekam ein Hakenkreuz auf die Garage gemalt, erzählt Becker, und habe dieses dann sofort wegschrubbt – aber nur, weil es falsch gezeichnet war. Wäre es korrekt gemalt gewesen, hätte er es dran gelassen.“

Laut Autor sind solche Einlassungen „rassistisch“, „menschenverachtend“, „widerlich“. Nun soll es ja schon vorgekommen sein, dass der Begriff der „Kunstfigur“ hier und da schon mal als Ausrede für gewisse Entgleisungen verwendet wurde. Aber hier ist es ja so, dass der Kabarettist Dudenhöffer sogar namentlich und mit Verkleidung als jemand anderes auftritt, als Oberspießer „Heinz Becker“ nämlich. Dass diese „Heinz-Becker-Figur“ schon immer eine gewisse Distanz zum Feingeistigen hatte, kann man wissen, wenn man sich in den vergangenen Jahren auch nur eine Folge „Familie Heinz Becker“ angeschaut hat. Vielleicht hat Dudenhöffer schon mal bessere „Heinz Becker“-Witze gemacht. Das festzuhalten wäre Recht und Pflicht eines jeden Rezensenten. Man muss wegen ein paar vergurkter oder geschmackloser Witze aber auch nicht die ganz große Empörungs-Bazooka auspacken. Was will der Mann denn schreiben, wenn es mal wirklich „widerlich“ wird?

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Die „Berliner Zeitung“ unter Holger Friedrich und der Axel-Springer-Konzern werden in diesem leben vermutlich keine Freunde mehr. Spätestens seit Springers „Welt am Sonntag“ die Stasi-Vergangenheit von Holger Friedrich aufgedeckt hat, ist man sich in gegenseitiger Abneigung zugetan. Jüngst berichtete der Medienredakteur der „Berliner Zeitung“, Kai-Hinrich Renner, davon, dass Springer bei „Bild TV“ den Geldhahn zudrehe und eine Millionen-Investition verweigere. Schon in der Meldung stand ein Dementi von Springer, aber dabei blieb es nicht. Noch am Tag der Veröffentlichung posaunte Springer heraus, dass man im Gegenteil 22 Mio. Euro in das Bewegtbild-Angebot von „Bild“ investiere und neue Leute einstelle. Dann wurde noch ein so genanntes „Presserechtliches Informationsschreiben“ der Kanzlei Raue verschickt, in der gewarnt wurde, die „unwahren Behauptungen“ der „Berliner Zeitung“ zu verbreiten. Offensichtlich ging Springer auch gegen die „Berliner Zeitung“ direkt vor, denn die veröffentlichte in der Print-Ausgabe eine Korrektur des Renner-Artikels. Dabei ging es nicht nur um die Investition in „Bild TV“, sondern auch um die Zuschauerzahl bei der Übertragung des Axel Springer Award an Elon Musk. Im Artikel seien die Quoten der Verleihung des Axel-Springer-Awards bei „Bild Live“ mit denen eines Musk-Interviews im Vorfeld der Verleihung verwechselt worden.

Die schöne, alte Tradition, sich gegenseitig in Medien-Kolumnen anzugiften – hier lebt sie fort.

Ein besinnliches Advents-Wochenende!

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