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Massiver Stellenabbau

Wie Tele 5 seine Seele verliert

Tele5 entlässt die Hälfte seiner Mitarbeiter, eine Bankrotterklärung. Bild: Imago/ Collage MEEDIA

Der Stellenabbau beim Privatsender Tele 5 ist nicht nur radikal, sondern auch seelenlos. Dimension und Zeitpunkt bedrohen direkt den Markenkern des Unternehmens. Was vom alten Sender bleiben wird, ist damit fraglich. Eine Analyse

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In der Krise, sagt man, zeigt sich der wahre Charakter. Werden angebliche Werte unter Stress und Druck über Bord geworfen – oder werden sie gerade in einem Moment der Prüfung als Richtschnur des eigenen Handelns genommen? Dieser Gretchenfrage mögen sich Menschen stellen müssen, aber Unternehmen genauso. Und in dieser Hinsicht fällt Tele 5 gerade durch den Charaktertest.

Der Sender nimmt eine Krise, die Wirtschaftskrise da draußen nämlich, als Vorwand für ein Sparprogramm sondergleichen. Eine Krise allerdings, die es so bei Tele 5 gar nicht gibt. Nach einem glänzenden Geschäftsjahr und keine vier Wochen vor Weihnachten verordnet sich Tele 5 ein Sparprogramm, das an Radikalität schwer zu übertreffen ist. Und leider auch an Seelenlosigkeit.

Ja, Einschnitte waren zu erwarten: Wenn ein Unternehmen ein anderes kauft, werden Synergien gehoben, das ist ökonomisch sinnvoll und legitim. Und nachdem Discovery jüngst mitteilen ließ, in Europa die eigenen Strukturen straffen zu wollen, waren schmerzhafte Neuigkeiten eine Frage des Wann, nicht des Ob. Das ist der Lauf der Dinge.

Eine simple Wahrheit: Man wirft vor Weihnachten keine Leute raus

Rund die Hälfte der Mitarbeiter muss nun also gehen, Verkauf und die Sendeplanung etwa sollen Insidern zufolge komplett aufgelöst werden, in der Verwaltung nur noch eine Buchhalterstelle übrig bleiben. Der seit September amtierende Geschäftsführer Alberto Horta hat die Stellenstreichungen gegenüber MEEDIA wie folgt begründet: „Es ist richtig, dass wir bei Tele 5 im Augenblick wie viele andere Unternehmen auch aktuell verschiedene Maßnahmen umsetzen, um in Zeiten von Unsicherheiten das Geschäft von Tele 5 wirtschaftlich nachhaltig für die Zukunft aufzustellen.“ Ein Satz aus dem Wörterbuch toter Konzern-PR, der es in seiner beinahe zeitlosen Allgemeingültigkeit leider verpasst, echte Erklärungen zu geben. Und der Tele 5 nicht so ganz richtig in die Nähe von Corona-gebeutelten Unternehmen rückt – der Sender soll dem Vernehmen nach 2020 sein bestes Geschäftsjahr seit Bestehen feiern. Durchaus auch pandemiebedingt: Die Leute schauen halt einfach öfter fern.

Wahrheiten gibt es indes in diesem Fall zwei: eine universelle und eine, die speziell für Tele 5 gilt.

Die universelle Wahrheit ist die: Man trennt sich vier Wochen vor Weihnachten nicht von Mitarbeitern. Macht man einfach nicht. Schon gar nicht, wenn es dafür keine akute Notlage, keine drohende Pleite oder dergleichen gibt. Das ist wirklich ganz simpel.

Die speziell für Tele 5 geltende Wahrheit: Die Maßnahme bedroht in Dimension und Zeitpunkt den Markenkern des Senders. Denn wenn dort eines verankert ist, dann ist das, ja, tatsächlich – Liebe. Man kann nicht über die Positionierung von Tele 5 sprechen, ohne diesen Begriff zu erwähnen. Liebe zum Film, zu Unterhaltung abseits des Mainstreams, zu den Menschen, die diese Unterhaltung entweder genießen oder ermöglichen, die Liebe zum Detail. Das mag für ein Unternehmen ungewöhnlich sein (und natürlich wird der Begriff wie alles beim Sender ironisch überhöht verstanden), aber was an Tele 5 ist das nicht?

Liebe? Durchaus. Aber nicht mehr für die Belegschaft

„Ideen werden bei Tele 5 mit Liebe umgesetzt“, heißt es auf der Website, und das ist nun einmal wirklich mehr als PR. Tele 5 hat nicht nur Zuschauer, Tele 5 hat Fans, hat es auf in Deutschland einzigartige Weise geschafft, einen Sender als wirkliche Love Brand aufzubauen. Um das nach außen zu schaffen, ist nach innen Empathie nötig, Herzblut und Wertschätzung.

Der massive Stellenabbau und die Art, wie er sich ankündigt, setzen dem nun vorerst ein Ende, vielleicht endgültig. Die Belegschaft, so ist zu hören, fühlt sich von neuen, fremden Herren brüskiert und geringschätzt und erkennt ihre berufliche Heimat nicht mehr wieder. Und wenn nach den Maßnahmen ein deutlich kleineres Tele 5 in der Bavaria Filmstadt stehen wird, ist fraglich, ob in einem derart entkernten Haus noch jenes Feuer zu finden ist, dass es erst zu dem gemacht hat, was es heute ist.

Liebe zu den Mitarbeitern, das jedenfalls ist seit gestern klar, gehört nicht mehr zur Positionierung von Tele 5. Eher die der Profitmaximierung. Das mag in Zeiten, in denen Purpose und damit der Charakter von Unternehmen am liebsten in Großbuchstaben geschrieben wird, etwas vormodern und noch kälter klingen, als es ohnehin schon ist. In einem marktwirtschaftlichen System allerdings muss das eine letztlich gültige Entscheidung sein und bleiben.

Nur mit dem Tele 5, das es einmal gegeben hat, hat das dann nichts mehr gemeinsam.

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