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Gastbeitrag

Fünf Dinge, die der deutsche Journalismus von jungen Medien lernen kann

Felix Dachsel – Foto: Vice

Das Corona-Jahr hat bei jungen Plattformen Verwüstungen hinterlassen. Ein Grund für Häme sollte das nicht sein, meint Vice-Chefredakteur Felix Dachsel in einem Gastbeitrag für MEEDIA. Er schreibt auf, was überalterte Redaktionen von jungen Medien lernen können.

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Wenn dieses Jahr für Medien ein schlechtes war, dann war es für junge Medien ein beschissenes. Das Ende von Bento, das Zurückstutzen von Zett, der Verkauf von Buzzfeed Deutschland und bei Vice war es auch eher turbulent.

Ich schreibe diesen Text nicht, um das Klischee vom jammernden Millennial zu erfüllen. Wenn ich dieses Vorurteil direkt nehmen darf: Ich habe unter jungen Journalistinnen und Journalisten recht wenig Larmoyanz erlebt in diesem Jahr. Im Gegenteil: Eher dominiert ein stabiler Realismus, der vielleicht auch damit zu tun hat, dass wir (leider) nie die goldenen Jahre erlebt haben, mit Helikopterflügen und Whiskey-Etat. 

Ich schreibe diesen Text, weil ich mich über die Schadenfreude wundere, mit der einige Kollegen unsere Turbulenzen kommentieren. Ich wundere mich, weil ich nicht verstehe, woher dieses Selbstvertrauen kommt. Als sei nicht überall Krise, Kurzarbeit, Anzeigenschwund. Als erkunde man täglich sprudelnde Geldquellen.

Man könnte eine gesamte Galerie des Gruselns ausstatten mit hämischen Tweets, die das Ende von Bento bejubelten. Es jubelten nicht irgendwelche Trolle, sondern Kollegen. Auch solche, die sich selbst wahrscheinlich als „namhaft“ bezeichnen würden. Diese Schadenfreude hat, das könnte diese Galerie zeigen, eine gewisse Tradition. Von Jan Böhmermann, der einst aus öffentlich-rechtlicher Halbdistanz sein Gift über das junge Spiegel-Portal kippte, bis zu Don Alphonso, dem neurechten Fahrrad-Hooligan, der sich mit dem Gedanken aus seiner Fahrradgarage wagte, Bento richtete sich doch nur an “Provinzstudierende eines beruflich komplett sinnlosen Faches”. Böhmermann, Don Alphonso: die Querfront der Häme.

Auch wenn das Klischee reizvoll ist und intellektuell entlasten mag (die berichten nur über Minderheiten, sind süchtig nach Gendersternchen, haben lustige Überschriften, machen Clickbait), es lohnt ein zweiter und dritter Blick: Warum gibt es junge Medien? Warum sollte es sie auch weiterhin geben? Und was können die alten, etablierten Medien von ihnen lernen? Um einem Klischee gerecht zu werden, präsentiere ich meine Gedanken als Liste.

Erstens: Seid still, hört zu!

Bento, um das Beispiel aufzugreifen, verabschiedete sich erhobenen Hauptes, mit einem Beitrag, an dem sich ein bewahrenswerter Ansatz zeigen lässt. Die Angehörigen der Hanau-Opfer erzählen in einer Serie über ihren Schmerz, ihren Verlust. Präsentiert sind diese Protokolle nüchtern und kahl, ohne schönschreiberisches Beiwerk, ohne hinzugefügte Stimme der Redaktion. Die Sensibilität, jene Momente zu erkennen, in denen man zuhört, das Gehörte notiert und girlandenfrei an den Leser weitergibt, ist vorbildlich. Hier geht es um mehr als ein Format. Es ist eine Frage des journalistischen Ethos: Wie und wo drängt man sich als Autor ins Bild? Hier geht es um Timing und Taktgefühl. Um das Gespür, wann man aufdreht und wann man dimmt. Bei Vice haben wir in unseren redaktionellen Grundsätzen ein Gebot festgehalten: Wir sind sehr laut, wir sind sehr leise. Protokolle sind ein edles Format. Protokolle gewinnen keine Journalistenpreise, stehen sie deshalb eher selten in Süddeutscher, FAZ, Spiegel und Zeit

Zweitens: Unterhaltung und Ernst gehören zusammen

Buzzfeed hat in diesem schwierigen Jahr bewiesen, dass sich Unterhaltung und Ernsthaftigkeit, Spaß und Investigation bedingen – und dass diese Mischung, um es mal managerhaft zu sagen, am Markt standhalten kann. Buzzfeed Deutschland überlebte die Loslösung vom Mutterunternehmen nicht nur unbeschadet, sondern bescherte seinem Käufer, der Ippen Gruppe, mit den “FinCen-Files” direkt einen investigativen Scoop. Mit dem Vorwurf konfrontiert, Buzzfeed betreibe doch nur Clickbait, reagierte Digital-Geschäftsführer Jan Ippen in einem Interview mit dem sehr richtigen Satz: Journalisten müssen schreiben, um ihr Publikum zu erreichen, sonst kann man es auch bleiben lassen. Damit hat Ippen mehr verstanden als mancher Printosaurier, der noch immer glaubt, das Internet sei ein teuflisches Phänomen, das man mit Schachtelsätzen und Langeweile vertreibt. 

Ich habe selten so viel investigative Coolness erlebt wie bei den Kolleginnen und Kollegen von Buzzfeed. So viel unbestechliche Klarheit und Ausdauer. Bei zwei großen Recherchen haben unsere Redaktionen kooperiert. Zusammen haben wir aufgedeckt, wie der Rapper Kollegah seine Fans abzockt und sind keinen Millimeter gewichen, als Kollegah haltloserweise seine Anwälte los schickte. Und zusammen verteidigen wir durch mehrere Instanzen vor Gericht eine gemeinsame #MeToo-Recherche, über die auch der Spiegel neulich berichtet hat. Der Witz, dass Buzzfeed nur für lustige Katzenvideos steht, ist ungefähr so alt wie Berlins älteste Katze. 

Drittens: Gebt jungen Menschen Macht!

Junge Medien machen etwas, das älteren Medien noch immer sehr schwer fällt: Sie legen die Zukunft in die Hände jener, die in dieser Zukunft (noch sehr lange) leben und arbeiten werden. Sie geben jungen Menschen Verantwortung. Etablierte Medien tun sich noch immer schwer mit der friedlichen Übergabe von Macht. Noch immer stößt man in deutschen Redaktionen stolz auf einen Generationenwechsel an, wenn ein “junger” Kollege Ressortleiter wird, der ungefähr so jung ist, dass er in den meisten Ländern dieser Welt zur älteren Hälfte der Bevölkerung gehören würde. 

Da ist ein Nicht-Geben-Können auf der einen und ein Nicht-Nehmen-Wollen auf der anderen Seite. Hier die Machtversessenheit der Älteren, teils aus Gemütlichkeit entstanden, teils aber auch aus dem sportlichen Ehrgeiz heraus, die wohlsituierte Position bis in den Ruhestand zu verteidigen. Dort die Machtvergessenheit der Jungen, die sich lieber als Autorinnen, Kolumnisten und Reporterinnen ausprobieren als sich in redaktionelle Machtkämpfe zu stürzen. Die Generationen haben sich psychosozial arrangiert. Was gefährlich ist, denn Medien, in denen junge Menschen Verantwortung konsequent fernbleiben, sind lebensbedroht. Die Überalterung an der Spitze ist kein theoretisches Problem der Repräsentation, sondern eine Überlebensfrage. 

Viertens: Beendet euren analogen Kampf!

In manchen Medienhäusern spricht man von der Digitalisierung noch immer wie von einem Kulturkampf. Was daran liegen mag, dass dieser Kampf wirklich ausgetragen wird, dass ihn tatsächlich noch manche kämpfen. Dabei ist der Kampf vorbei, die Realität hat ihn längst entschieden. Die Frage ist nur noch, wie viel Realitätsverweigerung sich Medienhäuser leisten wollen, wieviel grummelige Printosaurier sie aushalten, die einen Großteil ihrer Arbeitszeit darauf verwenden, alles Digitale abzulehnen. Ihre Ablehnung richtet sich gegen einen neuen Journalismus, der nicht mehr nur im selbstgefälligen Glauben sendet, es wird schon jemand interessieren da draußen, weil es hat ja immer irgendwen interessiert. Gegen einen Journalismus, der immer wieder aufs Neue versucht, die Distanz zu seinem Publikum zu überbrücken, neue Räume erkundet, sich auf Plattformen bewegt, auf dem sich sein Publikum alltäglich aufhält. 

Die Generationen Y bis Z waren in diesem Jahr, in dem uns die Pandemie zu mobilen und digitalen Arbeiten gezwungen hat, im alltäglichen Vorteil. Der Abschied vom papiernen Präsenzbetrieb bedeutete für junge Menschen die überfällige Ankunft in der Gegenwart. Junge Redaktionen, die sich innerhalb von Stunden sozial distanzieren und mobil kommunizieren konnten, können Vorbild für zeitgemäßes Arbeiten sein. 

Fünftens: Überwindet eure Ich-Allergie!

Ich habe nie verstanden – und man merkt, mit welchem Wort dieser Satz beginnt – woher die Ich-Allergie im deutschen Journalismus stammt. Junge Medien haben kein Problem, das verbotene Wort zu schreiben: Ich. Und das ist gut so. In alten, etablierten Medien hängt man noch teilweise der Illusion an, man könne durch das rhetorische Unterdrücken dieses Wortes, die Objektivität eines Textes herstellen, was in meinen Augen nicht mehr ist als ein Taschenspieler-Trick. Die eigene Rolle als Autorin oder Autor verschwindet nicht, indem man sie verschweigt. Veraltet erscheint mir ein Journalismus, der eine amtliche Fassade aufrecht erhalten will, der aus unpersönlicher Distanz zu seinem Publikum spricht, sich nicht angreifbar macht. Ein Journalismus, der dauernd vorgibt, Bescheid zu wissen. Das darf die Tagesschau, aber nur die Tagesschau.

Einer der Vice-Texte, die mir sehr ans Herz gewachsen ist, handelt von einem alten bayerischen Brauch. Geschrieben ist er von Marvin Xin Ku, einem unserer talentiertesten Autoren. Der Text trägt den Titel: “Was ich als Chinese beim bayerischen Chinesenfasching über Rassismus gelernt habe.” Er handelt vom Verdacht der kulturellen Aneignung und von der Lehre, dass man sich Dingen nähern muss, um sie zu verstehen. Wir hatten in der Redaktionskonferenz glücklicherweise den Gedanken verworfen, das Ereignis aus der Distanz zu kommentieren. 

Ein anderer unserer Vice-Grundsätze, einer der wichtigsten heißt: Wir glauben an das Ich. Und damit ist nicht ein vernagelter Journalismus der Selbstbespiegelung gemeint, der das eigene Empfinden absolut setzt. Das Ich muss sich natürlich bewegen, es muss sich auf Reisen begeben, auf innere oder äußere, Abenteuer erleben, und sich – unbedingt – in Frage stellen. 

Wir junge Medien hatten ein hartes Jahr, einige sind auf der Strecke geblieben. Wir können stolz sein, experimentiert zu haben. Wenn älteren Kollegen etwas gelegen ist an der Zukunft, dann verzichten sie auf Häme. Am Ende lösen wir das Rätsel, wie der Journalismus überleben kann, nur gemeinsam. 

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