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Rützels Scharmützel

Frau Rützel und ihre Adventskalender

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Ich weiß aus leidvoller Erfahrung: Adventskalender sind die Quintessenz kapitalistischer Kerndisziplinen. Aber in einem versagen sie kolossal.

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Es ist noch nicht Dezember, und ich habe meinen Adventskalender schon zwei Mal aufgegessen – es waren akute Notlagen, es ging wirklich nicht anders. Seit Jahren nämlich kommt für mich nur der 24-Türer meiner bevorzugten Schnapspralinenmarke in Frage, die mir theoretisch jeden Tag homöopathisch ein Alko-Teilchen verabreichen würde, aber es leuchtet sicher ein, dass es gerade genügend Gelegenheiten gibt, bei denen es angemessener erscheint, so einen Schnapskalender einfach auf einen Sitz aufzufressen.

Bevor ich nun losging, um das dritte Exemplar zu kaufen, informierte ich mich auf einschlägigen Adventskalendervergleichsportalen über mögliche, eventuell ja haltbarere Alternativen. Ich las mich ein paar Minuten in die Thematik ein, scrollte und scrollte und scrollte durch das überbordende Angebot aus Tee-, Gin-, Gewürz- und Nagellackkalendern und war, das kommt selten vor, sehr traurig darüber, dass ich mein Soziologiestudium seinerzeit dann doch abgebrochen hatte, weil mir die Erlangung der vorgeschriebenen Statistik-Scheine zu unkommod erschien. Wäre ich nämlich Soziologin geworden, könnte ich jetzt wissenschaftlich fundiert erforschen, warum sich das Adventskalender-Sortiment in den vergangenen Jahren so souffléhaft aufplustern konnte. Ich fand allein fünf verschiedene Werkzeug-Adventskalender, mit rätselhaften Inhalten wie „8008 A Zyklop Mini 3 Knarre mit 1/4“-Antrieb“ und natürlich dummbatzig „für Männer“ etikettiert, das triggerte mich vermutlich final.

Leider kann ich mir die Blähung der Blase aber nur laienhaft zusammenreimen. Womöglich beobachten wir hier ein Zusammenspiel diverser kapitalistischer Kerndisziplinen: Die beständig geförderte Infantilisierung mit ihrem kindischen Habenwollen-Reflex, das Anschüren der eingebildeten Begehrlichkeiten durch beständige Social-Media-Beballerung mit dieser Produktgruppe (all die schlimmen Insta-Storys mit den diversen Sexzubehör-Kalendern, brrr!), schließlich die Zermürbung durch das perfid-kleinteiligst ausdifferenzierte Angebot. Es ist tatsächlich nicht ganz einfach, die ganze diesjährige Adventskalenderproduktpalette zu sichten, ohne mindestens einen zu finden, der einen fast so anmutet, als habe ihn keine kalte Firma, sondern ein tatsächlich liebender Mensch für einen bestückt.

Natürlich knickte auch ich ein, ich bin in Shoppingbelangen bekanntlich ein schwacher Mensch. Und kaufte also einen Adventskalender, der jeden Tag mit einer neuen Trainings- oder Spielidee aufwarten wird, die man zusammen mit seinem Hund ausprobieren kann. Ja, ich bin konsumseitig wahrscheinlich so simpel berechenbar, dass Algorithmen sich beleidigt fühlen, wenn sie mich und meine Kaufneigungen ausspähen sollen, weil man dafür wirklich nur einen mäßig motivierten Schimpansen mit Rechenschieber braucht. Für den Fall, dass sich die Kalendertipps als doof erweisen würden, kaufte ich meinem Hund vorsorglich noch eine andere Hunde-Version, gefüllt mit Leckerli, und mir einen neuen Schnapspralinenkalender.

Wahrscheinlich war es nur meine Neurose, die mir einredete, dass die Kassiererin in meinem Nachbarschaftssupermarkt sich an die vorausgegangenen zwei Kalenderkäufe erinnerte, und ich verwickelte sie völlig unnötig in eine kleine Rechtfertigungsstammelei. Sie tröstete mich und meinte, es käme durchaus öfter vor, dass Kalender nachgekauft werden müssten, und zwar nicht etwa wegen naschsüchtiger Kinder, sondern vor allem für unbeherrschte Erwachsene. Was mich auf eine hervorragende Geschäftsidee für nächstes Jahr brachte: ein Adventskalender, in dem jeden Tag ein anderer Adventskalender steckt. Das dürfte auch die größten Gierhälse stopfen. Zuhause googelte ich flüchtig und fand nichts dergleichen. Das war mal wieder typisch. Auch, wenn einem der Kapitalismus ständig was anderes einreden will: Alles muss man selber machen.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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