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Rützels Scharmützel

First Dogs and Lame Ducks

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Wussten Sie, dass es im Weißen Haus mal einen Löwen namens Tax Reduction gab? Mit Biden wird jedenfalls der darbende Tierjournalismus wieder aufleben.

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Vielen Menschen gibt der designierte neue US-Präsident Joe Biden ja ein eher diffuses, allgemeines Gefühl von Hoffnung – schon seine wenigen öffentlichen Auftritte seit der Wahl wirkten im Kontrast zu seinem Amtsvorgänger wie eine wohltuende Wärmelampe, befeuert von ungewohnt komplexen Sätzen und genereller Zurechnungsfähigkeit. Meine an Biden gekoppelte Hoffnung und Erwartung ist deutlich konkreter: Ich erhoffe mir, dass der derzeit etwas kränkelnde, zuletzt empfindlich nahe an die Bedeutungslosigkeit abgerauschte Tierjournalismus durch Biden und vor allem durch seine beiden Hunde endlich neuen Auftrieb erhält.

Endlich wird es ab Januar nämlich wieder Haustiere im Weißen Haus geben, Donald Trump konnte mit Hunden, Katzen und anderen flauschigen Edelkreaturen natürlich nichts anfangen – es ist fast schon beleidigend, wie er jede stumpfe Annahme über ihn in deprimierender Vorhersehbarkeit geradezu überfüllt. Zum ersten Mal seit über 100 Jahren verzichtete ein US-Staatsoberhaupt damit auf tierischen Beistand. Biden jedenfalls knüpft endlich wieder an die präsidiale Tradition des First Dogs an, er bringt gleich zwei Staatscaniden mit, beides Deutsche Schäferhunde: den ersten, Champ, bekam Biden 2008 von seiner Ehefrau Jill geschenkt, die ihm diese Belohnung angeblich im Falle seiner erfolgreichen Wahl zum Vizepräsidenten versprochen hatte. Im Gegensatz zu all den Eltern, die ihrem Kind ein eigenes Pony in Aussicht stellen, wenn es seine Zahnspange fleißig anzieht, erfüllte sie ihr Versprechen und kaufte den Welpen bei einem Züchter.

Mit Bidens zweitem Hund Major wird zum ersten Mal ein Hund aus dem Tierschutz ins Weiße Haus einziehen: Die Bidens hatten den heimatlosen Welpen eigentlich nur vorübergehend zur Pflege aufgenommen, konnten sich dann aber nicht mehr von ihm trennen. Ich freue mich auf viele Dogdetails, die der von mir betriebenen, derzeit beschämend brachliegenden Tierpresseagentur (TPA) endlich neuen heißen Stoff liefern werden.

Schließlich war auch mein Durchbruch als Redakteurin bei der Financial Times Deutschland seinerzeit eng mit einem Präsidentenhund verbunden: Noch bei meiner Einstellung hatte man mir eingeschärft, Tiere hätten im Blatt nichts zu suchen, nur beim sogenannten Problembären Bruno habe man relevanzhalber eine Ausnahme gemacht. Ich mogelte trotzdem hier mal einen Alpakawolle-Anlagetipp, dort mal einen kleinen Dax/Dachsscherz in die Zeitung – und wusste, ich hatte alles erreicht, als mich mein Ressortleiter schließlich irgendwann mit dringlicher Emphase bat, doch rasch noch ein Porträt von Bo, Barack Obamas Portugiesischem Wasserhund, zu schreiben, denn der sei morgen ja 100 Tage als First Dog im Amt – es war mein schönster Arbeitstag.

Champ und Major wird es sicher prächtig gehen im Weißen Haus – wenn die mit der präsidialen Gartenarchitektur befasste Melania Trump in einer Trotzaktion nicht noch die ausgedehnten Parkanlagen betonieren lässt. Und die TPA wird schon bald einen bedeutungsvollen Essay dazu abwerfen, dass ja auch Präsident Franklin D. Roosevelt bereits einen Schäferhund namens Major hatte. Der war ein verrenteter Polizeihund und riss dem britischen Premierminister Ramsay MacDonald 1933 bei dessen Staatsbesuch direkt den Hosenboden auf, woraufhin eilig ein paar Ersatzhosen herangeschafft werden musste. Tiere, sie geben uns so viel zurück.

Falls Joe Biden sich neben den beiden Hunden noch ein paar Haustiere mehr anschaffen sollte, sollte er sich dringend vom 30. US-Präsidenten Calvin Coolidge inspirieren lassen. Erstens wegen der herausragenden Artendiversität – er hielt neben Hunden unter anderem auch Waschbären und einen Esel, und zweitens wegen der hochkreativen Namensgebung: Seine zwei Löwen nannte er Tax Reduction und Budget Bureau, Steuersenkung und Haushaltsausschuss.

Für eine lahme Ente namens Donald sollte also in Bidens Weißem Haus mindestens noch Platz sein.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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