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Wochenrückblick

Grüner wird’s nicht – das Filterbubble-Problem der ARD

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Eine Umfrage bescheinigt den Volontären der ARD eine sehr, sehr starke Affinität zu den politischen Farben grün und rot. US-Star-Reporter Glenn Greenwald verließ das von ihm mitgegründete Medium „The Intercept“ im Streit. Jan Böhmermann kehrt ins TV zurück und bei der CNN-Wahlberichterstattung wurde aus der „Magic Wall“ für einen Augenblick eine „Porno Wall“. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Ein veritables Aufregerle diese Woche war eine Umfrage unter ARD-Volontären. Die von der DJV-Zeitschrift Journalist aufgearbeitete Umfrage förderte einiges über Ansichten und Herkünfte des journalistischen ARD-Nachwuchses zutage. An interessantesten war die Frage, wen die Volos bei der nächsten Bundestagswahl wählen würden. Da ergab sich folgendes Bild:

Quelle: Journalist

Und hier zum Abgleich die Sonntagsfrage außerhalb der ARD-Volo-Bubble:

Quelle: Journalist

57,1 Prozent für die Grünen und, fast noch erstaunlicher, 23,4 Prozent für die Linke! Das muss man erst mal sacken lassen. Die Umfrage wird für viele ARD-Kritiker nun womöglich auf Jahre hinaus ein Beleg für die Vergrünung der ARD sein. Was die Umfrage auf jeden Fall ist: Ein weiterer Beleg dafür, dass die Medien-Kaste politisch mit Schlagseite tickt. Wenn wir davon ausgehen, dass die Volontäre von heute die Entscheidungsträger von morgen sind, wird sich das Filterbubble-Problem der Medien wohl so bald nicht in Luft auflösen.

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Bereits vergangene Woche hat der US-Star-Reporter Glenn Greenwald bei The Intercept hingeschmissen. Greenwald war einer derjenigen, die beim Guardian die NSA-Enthüllungen von Edward Snowden publizistisch begleitet haben und er gehörte zu den Gründern von The Intercept. Das ist ein eher linksliberale Online-Medium, das von dem US-Milliardär und Ebay-Gründer Pierre Omidyar finanziert wird. Aufgehört hat Greenwald dort, weil die Redaktionsleitung von The Intercept einen Artikel von ihm nicht veröffentlichen wollte, in dem er sich mit den Korruptionsvorwürfen gegen die Biden-Familie auseinandersetzte. Greenwald zog die Konsequenzen und macht sich nun mit einem Newsletter komplett selbstständig. Er wirft der Intercept-Redaktion vor, kritische Berichte zu Joe Biden unterdrücken zu wollen. Die Redaktion wirft Greenwald ihrerseits vor, sich professionellen Redaktionsprozessen zu verweigern. Interessant fand ich ein Interview, das Greenwald zu dem Thema einem Youtube-Format gegeben hat. Darin behauptet er, dass The Intercept keinerlei Interesse an kritischer Berichterstattung über Biden habe, um seine Wahl zum nächsten US-Präsidenten nicht zu gefährden. Ein schwerwiegender Vorwurf. Er sagt außerdem, dass US-Kabel-TV-Sender alle eigene Agendas verfolgen nach denen sie zum Beispiel auch auswählen, welche Experten sie auf Sendung zu Wort kommen lassen. Das Thema ist auch hierzulande präsent. Erinnert sei z.B, auch an die Diskussion in internen Bild-Chats, in denen sich Teile der Redaktion gegen eine zu einseitige Pro-Trump-Berichterstattung auflehnten (MEEDIA hatte die Chat-Protokolle in Auszügen veröffentlicht). Für die einen ist es eine Haltung, für andere eine Agenda. Die Medien müssten ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft einmal grundsätzlich neu definieren.

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Er ist wieder da. Jan Böhmermann startet heute abend um 20 Uhr in der ZDF-Mediathek seine neue/alte Show ZDF Magin Royale. In den vergangenen Tagen hat er schon fleißig die Werbetrommel in der ihm eigenen Art gerührt, etwa indem er in Wendler-Manier scheinbar zu Telegram „übergelaufen“ ist.

Interessant wird sein, ob und wie sich Böhmermann und seine Show nach seiner Pause verändert haben. Die Quoten sind auf dem 23-Uhr-Sendeplatz im lineare TV erstmal zweitrangig. Für ihn sind die Reichweiten über die Mediathek und Social Media viel entscheidender. Insofern ist Böhmermann durchaus ein TV-Star neuen Typs. Seine Fans sind ihm jedenfalls nach wie vor treu ergeben. Bei der Süddeutschen war aktuell über ihn zu lesen:

Böhmermanns kalkuliert wirren Telegramme erinnern an die Pittura metafisica, an die metaphysische Malerei von Giorgio de Chirico. Sie erinnern an die geniale Idee, Rätsel aufzugeben, für die es keine Lösungen gibt. De Chiricio arbeitete mit verzerrten Proportionen, verschiedenen Fluchtpunkten, irrlichternden Schatten. Böhmermann arbeitet mit vagem Quatsch. Für beides gilt: Wer bei der Betrachtung nicht souverän und denkend bleibt, den kann das Enigmatische in den Wahnsinn treiben.

Man kann es auch übertreiben.

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War noch was? Auch ja, diese Wahl. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Kolumne ist immer noch nicht sicher, wer nächster US-Präsident wird. Da kann man sich in der Zwischenzeit mit einigen Fundstücken ablenken. Viel Gewese wurde z.B. um die „Magic Wall“ des Senders CNN gemacht, auf der wie von Zauberhand andauernd neue Daten zum Wahlgeschehen erscheinen und wieder verschwinden. Allerdings kann da unter Umständen auch mal etwas ganz anderes auftauchen, zum Beispiel ein Verweis auf die Porno-Webseite „Pornhub“ …

Momente, die bleiben. Und sei es nur im Gif-Schrank.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast Die Medien-Woche diskutiere ich mit Kollege Christian Meier von der Welt auch über die ARD-Volo-Umfrage und die Rolle der Medien bei der US-Wahl. Ich freue mich, wenn Sie reinhören!

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