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Rützels Scharmützel

Die besten Influencer sitzen im Taxi

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Social Media – ja, na klar. Aber ist Ihnen schon mal bewusst geworden, dass die wahren Einflüsterer unseres Konsumlebens im real life auf uns warten? Sie fahren beigefarbene Autos.

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Ich habe mit der Illusion abgeschlossen, dass mir das Internet jemals noch einmal irgendetwas empfehlen wird, dass ich tatsächlich brauchen kann. Momentan empfehlen mir die Algorithmus-Anzeigen entweder ein Buch, das sich selbst geschrieben habe, das Heizkissen, das ich mir vergangene Woche online gekauft habe, und, wirklich extrem an meinem Käuferprofil vorbei: sinnloses Zubehör für Katzen. Letzteres kann ich mir nur so erklären, dass es sich unter Werbebots nun endlich herumgesprochen hat, dass ich sämtliches sinnloses Zubehör für Hunde bereits besitze. Ja, auch den Adventskalender. Ja, auch diesen Weihnachtshundepullover, in dem Juri so aussieht, als hätte eigentlich er die Rolle an der Seite von Nicole Kidman im Something Stupid-Musikvideo spielen sollen und nicht Robbie Williams.

Ich wähnte mich also unbeeinflussbar, als ich gestern ins Taxi stieg. 

Ich liebe Taxifahren und habe vor Jahren extra mal eine Kolumne erfunden, um meine häufigen Fahrten zu entschuldigen (Taxi für Rützel erschien in der Spex, in jeder Folge beschäftigte ich mich mit dem Song, der während der Fahrt im Radio lief). Seit Corona muss ich nun ja keine Ausreden erfinden, warum ich lieber in ein Einzelauto als in den Aerosolexpress der U-Bahn steige. Der Taxifahrer erklärte, er sei ein bisschen später dran, weil er gerade noch Eintopf bei seiner Schwester gegessen hätte, als er meinen Auftrag annahm. „Eintopf, mit richtigen Stücken“, präzisierte er und steigerte sich ansatzlos in einen feurigen Rant gegen die grassierende Pürierwut hinein. Nirgendwo nämlich könne man heutzutage mehr eine schöne Linsen- oder Kürbissuppe essen, ohne dass das köstliche Gericht im letzten Moment noch zu Babybreikonsistenz verbrampft würde. Ihn machte das wirklich zornig, das merkte ich, und unterbrach ihn darum nicht, als er mir dann, vielleicht als Übersprungshandlung, ein Fischsuppenrezept in die Handy-Notizapp diktierte. Dabei bin ich Vegetarierin. 

Mich beeindruckte seine Leidenschaft, mit der er seine Pro-Brocken-Position vertrat, und sein behändes Hüpfen von Thema zu Thema. Schon nach zehn Minuten Fahrt hatte er mir nach Abschluss des Pürier-Prangers auch die Themen drogensüchtige Elektro-DJs (schlecht), Demografie Neuköllns (interessant) und Kevin Kühnert (schlau) in lebendigen Kurzvorträgen nahegebracht, als er mir schließlich relativ ansatzlos erzählte, dass im Frühjahr sein Hund gestorben sei. Ich kondolierte und fragte nach, es war eine kleine, flauschige Rasse, was mich erstaunte und rührte, ich hätte dem Fahrer tatsächlich eher ein tendenziell kompakt-bollerköpfiges Tier zugetraut. Nach einem kurzen, wirklich sachkundigen Schlenker über die Schilddrüsenproblematik bei illegal importierten türkischen Kangal-Hütehunden bogen wir leider schon in meine Allee ein. 

Ich wäre gern noch ein Weilchen weitergefahren, weil der Themenmix der vergangenen 25 Minuten überraschend und lehrreich, die Vortragsweise meines Fahrers lebhaft und glaubwürdig war. Auf den letzten Metern vor meinem Haus empfahl er mir dann noch einen Hundefilm, den ich unbedingt sehen müsste: Die Dobermann-Bande von 1972, in der ein Tiertrainer sechs talentierte Hunde dazu abrichtet, eine Bank zu überfallen. „Er ist sehr gut, du musst ihn sehen“, sagte der Fahrer, ich zahlte, stieg aus, ging in meine Wohnung und bestellte, noch im Mantel und schalumwickelt, ohne weitere Recherchen die gar nicht mal so billige DVD des Hundefilms. Ich fühlte mich dabei ein bisschen wie ferngesteuert, aber gleichzeitig auch wohlig umsorgt. Und ich begriff: So muss es sich anfühlen, wenn man wahrhaftig und nach Strich und Faden geinfluenced wird.

Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.


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