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Umstrittene Titelgeschichte

Hans Leyendecker kritisiert „Spiegel“-Aufklärungskommission

Hans Leyendecker – Foto: Imago Images / Christian Spicker

Der „Spiegel“ hat die Titel-Geschichte „Der Todesschuss“ von 1993 aufgearbeitet. Hans Leyendecker, Autor der Geschichte, spricht von teils absurden Vorwürfen.

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Mit einer vor rund 27 Jahren erschienenen Titelgeschichte zu einem GSG-9-Einsatz gegen die terroristische Rote Armee Fraktion (RAF) in Bad Kleinen hat der Spiegel aus Sicht einer Aufklärungskommission einen Fehler gemacht (MEEDIA berichtete). Im Abschlussbericht, den das Nachrichtenmagazin am Donnerstag auf seiner Website veröffentlichte, heißt es: „Nach vielen Gesprächen mit damals Beteiligten – innerhalb und außerhalb der Redaktion – ist die Kommission zu der Überzeugung gelangt, dass der Spiegel mit der Berichterstattung über die Abläufe in Bad Kleinen auf Basis einer mangelhaft geprüften und falschen Aussage einen journalistischen Fehler begangen hat.“

Der Autor der damaligen Titelgeschichte („Der Todesschuss“) ist Hans Leyendecker. Er bezeichnete den Abschlussbericht gegenüber der Deutschen Presse-Agentur nun als „unredlich und unseriös“. In dem Artikel geht es um den pannenreichen Einsatz der Elite-Polizisten 1993 in der Kleinstadt Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern zur Festnahme von zwei RAF-Mitgliedern. Terrorist Wolfgang Grams sowie ein GSG-9-Beamter starben. Grams hatte sich laut einem Gutachten selbst umgebracht. Allerdings gab es Gerüchte, dass das RAF-Mitglied hingerichtet worden sei und auch Medienberichte wie den Spiegel-Artikel zu dieser Frage.

„Unstimmigkeiten bemerkt, aber nicht Alarm geschlagen“

In die Titelgeschichte von Leyendecker floss als Quelle auch ein anonymer Zeuge ein, der laut Artikel gesehen haben wollte, wie ein Polizist Grams erschoss. Im Beitrag zitiert Leyendecker die konkreten Schilderungen des Zeugen. Im Nachgang kamen allerdings Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Quelle auf. Die vom Spiegel beauftragte Kommission schreibt, dass es eine Quelle gegeben habe – zumindest eine anonyme. Zugleich wird an anderer Stelle im Bericht kritisiert: „Die redaktionellen Kontrollen und die Überprüfung durch die Dokumentation haben versagt; das Justiziariat hat zwar Unstimmigkeiten bemerkt, aber nicht Alarm geschlagen.“

Der Fehler, heißt es weiter, sei aber nicht nur Leyendecker anzulasten. Ganz zum Schluss des Berichtes heißt es: „Die Verantwortung dafür, eine nicht überprüfte, widersprüchliche Aussage dieser Tragweite zu einer Titelgeschichte zu machen, trug allerdings die Chefredaktion.“

Leyendecker, der seit 1997 für die Süddeutsche Zeitung arbeitet und zu den profiliertesten Journalisten im investigativen Bereich zählt, teilte der Deutschen Presse-Agentur mit: „Dass der Spiegel den Quellenschutz im Grunde nicht respektiert ist für jemanden, der fast zwanzig Jahre für dieses wichtige Blatt gearbeitet hat, nicht nachzuvollziehen. Die Frage der Kommission, ob ich einen Kontakt zu der damaligen Quelle herstellen könne, war eine Bankrotterklärung der heutigen Spiegel-Macher.“

„Der Spiegel schadet einer notwendigen Diskussion“

Leyendecker betonte auch: „Seit 27 Jahren entschuldige ich mich dafür, dass ich 1993 die Glaubwürdigkeit einer Quelle falsch eingeschätzt habe. Das war mein Fehler. Aber natürlich gab es diese Quelle.“ Dass der Spiegel nun hingehe und der damaligen Chefredaktion Fehler in der Sache vorwerfe, sei absurd: „Die damalige Chefredaktion hat alles Notwendige gemacht. Mit dieser Art Berichterstattung schadet der Spiegel der notwendigen Diskussion über Fehler im Journalismus.“

Der ganze Vorfall in Bad Kleinen samt den Gerüchten dazu hatte die damalige Bundesregierung und die Sicherheitsbehörden in eine Krise gestürzt. Es gab personelle Konsequenzen. Der damalige Generalbundesanwalt Alexander von Stahl musste seinen Posten räumen. Auch Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) trat ab.

Nach Spiegel-Angaben wendete sich von Stahl im Dezember 2018 an die damals als Folge aus der Causa Claas Relotius gegründete Aufklärungskommission, deren Aufgabe es ist, erschienene Artikel nach zu recherchieren. Der Spiegel-Reporter Relotius hatte nachweislich zahlreiche Interviewpartner und Szenen erfunden beziehungsweise Einzelheiten hinzu gedichtet. Den Skandal hatte das Magazin im Dezember 2018 selbst öffentlich gemacht, nachdem der Spiegel-Autor Juan Moreno seinem Kollegen auf die Schliche gekommen war.

dpa / bek

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