Anzeige

27 Jahre nach Erscheinen

„Spiegel“: „Der Todesschuss“ war ein „journalistischer Fehler“

"Spiegel"-Titelgeschichte "Der Todesschuss" aus dem Jahr 1993, Foto: Der Spiegel

Der „Spiegel“ hat die umstrittene Titelgeschichte „Der Todesschuss“ aus dem Jahr 1993 aufgearbeitet. Geschrieben wurde sie von Hans Leyendecker, der selbige später als seinen verheerendsten Fehler bezeichnete.

Anzeige

„Im Augenblick der Festnahme, sagt der Zeuge, der seinen Namen vorerst nicht veröffentlicht sehen will, ‚hat Grams keinerlei Gegenwehr mehr geleistet‘. Er ging erkennbar davon aus, daß alles vorbei ist. Über den Augenblick des Todesschusses berichtet der Beamte: ‚Nach etwa ewig langen 20 Sekunden ist dann der tödliche Schuß gefallen. Ein Kollege von der GSG 9 hat aus einer Entfernung von Maximum fünf Zentimetern gefeuert.'“

Es ist die entscheidende Passage in einer Spiegel-Titelgeschichte des damaligen Spiegel-Reporters Hans Leyendecker aus dem Jahr 1993. Der Vorwurf von „Der Todesschuss“, so die Zeile auf dem Cover: Der RAF-Terrorist Wolfang Grams sei bei einem Einsatz von der GSG9 hingerichtet worden. 27 Jahre nach Erscheinen des damals schon bald umstrittenen Artikels, stellt das Hamburger Nachrichtenmagazin nun fest: „Der Spiegel hat mit der Berichterstattung auf Basis einer mangelhaft geprüften und falschen Aussage einen journalistischen Fehler begangen“.

Zwei Quellen, die sich nicht verifizieren ließen

Es war ein „journalistischer Fehler“ mit Folgen: Bundesinnenminister Rudolf Seiters trat zurück und Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde in den einstweiligen Ruhestand geschickt. Außerdem wurde gegen zwei GSG-9-Beamte wegen vorsätzlicher Tötung ermittelt. Dass der Spiegel den Fehler heute offiziell eingesteht, geht auf ein Gutachten einer vom Spiegel beauftragten Kommission zurück, die sich mit dem Text und den Hintergründen, wie es zu der Behauptung vom Mord am RAF-Mann kommen konnte, beschäftigt hat. Die Aufklärungskommission war 2018, nach dem Fall Claas Relotius, gegründet worden.

Angestoßen wurde die Aufarbeitung des Todesschuss-Artikels von Ex-Generalbundeswalt von Stahl in einem Brief an das Nachrichtenmagazin im Dezember 2018. Hans Leyendecker, der verantwortliche Reporter und Autor der Geschichte, der 1997 zur Süddeutschen Zeitung wechselte, hatte den Artikel später als seinen „verheerendsten Fehler“ bezeichnet, da sich die beiden Quellen, auf die er seine Behauptung von 1993 gestützt hatte, nicht ausreichend verifizieren ließen.

Anzeige