Anzeige

Wochenrückblick

Warum sich die „SZ“ im Fall Levit für das Falsche entschuldigt hat

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Die „SZ“ entschuldigt sich für einen Artikel über den Star-Pianisten Igor Levit. Der S. Fischer Verlag will mit seiner Autorin Monika Maron nix mehr am Hut haben. „Der Spiegel“ stellt Star-Virologin Sandra Ciesek freche Fragen. Und die „Taz“ macht bessere Satire als die „Titanic“. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Der SZ-Autor Helmut Mauró hat ein Stück über den jüdischen Star-Pianisten und Twitter-Virtuosen Igor Levit geschrieben. Essenz des Artikels: Mauró ist der Meinung, dass Daniil Trifonov ein besserer Pianist ist als Levit. Außerdem meint Mauró, dass Levit auf Twitter ein bisschen zu sehr die Klappe aufreißt. Ich paraphrasiere hier grob. Das kann man meinen oder auch nicht. Problematisch wird der Text Maurós, weil er Begriffe wie „Opferanspruchsideologie“ und „opfermoralisch“ verwendet und Levits Engagement gegen Rechtsextremismus als „lustiges Hobby“ herabwürdigt. Die „Opfer“-Terminologie ist in dem Text zwar nicht direkt auf Levit gemünzt, aber allein dass diese Begriffe auftauchen und auf Levit bezogen werden können, ist problematisch, weil antisemitisch. Der Text sorgte für einen Sturm der Entrüstung bei Lesern, Twitterern, Levit-Fans und – wie zu hören ist – auch bei SZ-Redakteuren. Gegenüber Levit soll Chefredakteur Wolfgang Krach den Text zunächst noch verteidigt haben. Eine Linie, die bei einer sich weiter aufbauenden Empörungswelle offensichtlich nicht zu halten war. Schließlich veröffentlichten Krach und Co-Chefredakteurin Judith Wittwer eine Entschuldigung mit der bezeichnenden Formulierung:

Viele unserer Leserinnen und Leser kritisieren diese Veröffentlichung scharf und sind empört. Manche empfinden den Text als antisemitisch, etliche sehen Levit als Künstler und Menschen herabgewürdigt. Auch er selbst sieht das so. Das tut uns leid, und deswegen bitten wir Igor Levit persönlich wie auch unsere Leserinnen und Leser um Entschuldigung.

Man entschuldigt sich also nicht für den Text, bzw. die antisemitischen Untertöne darin, sondern dafür, dass manche ihn als antisemitisch empfinden. Das klingt freilich so, als sei dies nur eine vorgeschobene Bitte um Vergebung und insgeheim bleibe man bei seiner Meinung, nämlich der, dass der Text schon ganz OK war. Dass sich ein Künstler durch eine Kritik herabgewürdigt und verletzt fühlt, kann man bisweilen nicht vermeiden. Hier geht es aber konkret darum, ob der Mauró-Text antisemitisch ist, bzw. antisemitische Untertöne enthält. Dass sich die SZ-Chefredaktion entschuldigt, ist prinzipiell ehrenwert. Sie tut es nur aus falschen Gründen.

In diesem Zusammenhang ist auch diese Betrachtung aus der Jüdischen Allgemeinen lesenswert, die einige antisemitische – wie soll man das nennen – Vorfälle aus der SZ sammelt.

+++

Der Tagesspiegel sieht Parallelen zwischen dem Fall Levit und der Trennung des S.Fischer Verlags von der Autorin Monika Maron. Der Verlag wirft der Autorin vor, dass sie einen Essay-Band über das Buchhaus Loschwitz vertreiben lässt, das zum Umfeld von Götz Kubitscheks Antaios-Verlag gehört. Kubitschek ist als eine Art Galionsfigur der neuen Rechten in Deutschland. Mit dessen „völkischen und rassistischen Diskursen“ will Fischer nicht assoziiert werden, „auch nicht mittelbar“, teilt der Verlag mit und beteuert zugleich, die Trennung nach 40 Jahren Zusammenarbeit habe nichts mit Marons politischen Ansichten zu tun. Das kann man so glauben oder nicht. Die in der DDR geborene Schriftstellerin wandte sich gerade in jüngerer Zeit gegen eine, wie sie meint, falsche Toleranz gegenüber Islam und Islamismus, sie äußerte sich gegen Gender-Sprache und übertriebene Political Correctness. Lassen sich die beiden Vorgänge aber wirklich vergleichen? Bei beiden Fällen geht es um Künstler, die sich auch politisch äußern, was in beiden Fällen für Probleme sorgt. Bei Levit ist es aber „nur“ ein Musikkritiker, der sich aufregt und einen polemischen Text schreibt. Bei Maron ist es die Trennung von einem Verlag. Das Un-Wort von der Cancel Culture grüßt aus gar nicht so weiter Ferne. Wobei es Monika Maron vermutlich nicht schwer fallen dürfte, einen neuen Verlag zu finden.

Beide Fälle belegen aber vor allem die große Unsicherheit, die heute in der Gesellschaft herrscht, was Bestandteil einer meinungsfreudigen Debatte sein darf und was gar nicht mehr geht. Wir leben in einer verunsicherten Gesellschaft.

+++

Dagegen ist der nächste „Fall“ geradezu eine Petitesse: Der Spiegel hat die Virologin Sandra Ciesek befragt. Ciesek wechselt sich seit der Sommerpause beim Coronavirus Update Podcast mit Christian Drosten ab. Ihre fachliche Qualifikation ist über jeden Zweifel erhaben, sie leitet das Institut für Medizinische Virologie in Frankfurt. Nun bezeichneten die Interviewerinnen des Spiegel Frau Ciesek gleich in der ersten Frage als „Quotenfrau“. In der zweiten Frage wurde nachgelegt: „Christian Drosten hat sich im Laufe der letzten Monate zu einem Popstar entwickelt, dem jetzt auch noch das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen wurde. Sie hingegen gelten als ‚die Neue an Drostens Seite‘; so haben jedenfalls Bild-Zeitung und Berliner Zeitung Sie bezeichnet.“ Sandra Ciesek parierte die Provo-Einstiegsfragen souverän und charmant, das Interview ging danach seinen normalen Gang. In Artikeln und natürlich auf Twitter wurde aufgeregt gefragt: Dürfen die das? Also so fragen? Ja, dürfen sie. Provokante Einstiegsfragen sind beim Spiegel und anderswo nun wirklich nichts Neues. Man kann es ein bisschen too much finden, dass die Spiegel-Frauen auf dem Frauen-Thema und dem Drosten-Vergleich mehrfach herumgeritten sind, aber mei. So ist halt der Spiegel.

+++

Die Taz ist bekannt für ihre häufig witzigen Titelbilder, bzw. Schlagzeilen. Diese Woche gelang den Kollegen aus Berlin wieder ein besonders gelungenes Exemplar anlässlich des eher traurigen Negativ-Rekords an Corona-Infektionen im Landkreis Berchtesgaden:

Dem hauptamtlichen Satire-Blatt Titanic fiel dazu hingegen Folgendes ein:

Ich würde sagen: 1:0 für die Taz

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast Die Medien-Woche diskutiere ich mit Christian Meier von der Welt auch über Igor Levit und die Süddeutsche. Außerdem reden wir übers Streaming, drohende Beschränkungen für USA-Korrespondenten und –shocking – Das Sommerhaus der Stars. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

Anzeige