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Rützels Scharmützel

„Das ist ja Claße(n)“: Der schlechteste Podcast der Welt

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Bibi und Julian Claßen schaffen es, sagenhafte Tristesse zu zaubern – voll gurgelnder Ödwitze und faden Spießertums. Immerhin: Einen Vorteil hat das Ganze.

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Vielleicht habe ich eben schlimmsten Podcast der Welt gehört. Er steht auf Platz 1 der iTunes Charts und heißt Das ist ja Claße(n). Zumindest steht er mit diesem Namen in der Top-Liste und im Podcastplayer, die Podcastbesitzer Julian und Bianca „Bibi“ Claßen, nebenbei auch Betreiberin eines florierenden Beautysalons auf Youtube, nennen ihr eigenes Werk (wie der Wendler das Produkt nennen würde) in der ersten Folge allerdings beharrlich „Das ist doch Claße(n)„, was keinen großen Unterschied macht, aber typisch ist für die komplett aufwandslose Zusammengeschmökeltheit der ganzen Unternehmung. „Das ist doch Claße(n)„, sagt Julian, „so heißt doch der Podcast, ne?“, und seine Frau Bianca erzählt stolz, das sei ihre Idee gewesen, ein „megagroßes Brainstorming“ hätten sie gemacht, und man hätte schon gern gewusst, ob Claß wie Kloßbrühe und Claßenerhalt zumindest in der engeren Wahl waren.

Unter dem Vermarktungsdach der ProSiebenSat.1-Tochter Starwatch Podcast Factory plappert nun also auch das Youtube-Paar-Powerhouse ins Mikro, und das Ergebnis ist bestürzend simpel – oder „sehr sehr crazy“, wie Bibi es formuliert. Es gibt mehrere Indizien dafür, dass die beiden als Zuhörer bislang bestenfalls mal eine Podcastfolge durchgeskippt haben: Immer dann, wenn sie von ihrem sterbenslangweiligen Thema („Wie wir mal in Siegen studierten, aber nur kurz“, „Wie wir mal eine Managerin bekamen“, „Wie wir noch einen anderen Manager bekamen und der beim Kennenlerntermin einfach die Sonnenbrille aufbehielt, aber naja, die Sonne schien ja auch ziemlich stark“) kurz in eine Seitenstraße abbiegen, also in jene munter gurgelnden Belanglosigkeits-Bachläufe purzeln, die jeden Laber-Podcast erst lebendig und lustig machen, ermahnen sie sich gegenseitig zu mehr vorgegaukelter Stringenz: „Wir driften schon wieder ab!“ Dass sie sich über ihr Briefing hinaus nicht weiter mit dem Genre Podcast befasst haben, legt auch ihre Mutmaßung nahe, vor einem Jahr hätte es ja eigentlich noch keinen großen Podcast gegeben, das sei ja jetzt alles ein recht neuer Trend. Schnauf.

Bibi erzählt dann einen Witz, den sie selbst wahnsinnig lustig findet: „Wie nennt man Tage, an denen man plant, eine Banane zu essen? Bananenplantage!“, dann fragt sie Julian in einer Gesprächsflaute, ob er noch etwas loswerden will, und er sagt, „ja, meine alte Winterjacke“, und beide kriegen sich schier nicht mehr ein – es ist kaum zu glauben, dass sie inzwischen 27 Jahre alt sind und ja auch längst zwei Kinder haben. Fast freut man sich, als endlich die beiden Werbeblöcke kommen, die immerhin so etwas wie Inhalt haben, es geht um eine Taxi-App und um eine Versicherungs-App, was nicht unbedingt für die Schminki- und Prank-Zielgruppe der Claßschen Youtube-Kanäle interessant sein dürfte. „Vielleicht kriegen wir hier eine ganz neue Zuhörerschaft?“ orakelte Bibi schon am Anfang, aber es ist schwer zu sagen, wer – außer den Die-Hard-Fans – sich dafür interessieren sollte, wenn beide ausführlich besprechen, welche Dinge sie in den „40m Einbauschränken“ (so auch der Titel der Premierenfolge) ihres „sehr großen neuen Hauses“ verbergen: Im Keller zum Beispiel Wasserkästen, aber auch zwölf Flaschen Schokosoße, die Sorte, die man über Speiseeis kippt, denn die gab es nur im Zwölferpack.

„Wenn man Stauraum hat, dann befüllt man ihn auch“, sagt Julian, und Bibi shamed öffentlich ihre Eltern, deren Garage total vollgeramscht sei. Ordnung sei ihm ja wahnsinnig wichtig, sagt wieder Julian, und nach einer Dreiviertelstunde sagenhafter Tristesse fühlt man sich zwar wahnsinnig müde, aber auch durchaus befriedigt. Weil Bibi und Julian (und mit ihnen wahrscheinlich auch all die anderen Großyoutuber ihrer Generation) endlich über den Turning Point gekippt sind: Jahrelang hat man sich wahnsinnig alt gefühlt, wenn man mal bei ihnen reingezappt hat. Jetzt aber, da sie alle erwachsene, fade Spießer geworden sind, kommt man sich im Kontrast so jung vor wie lange nicht.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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