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Menschen und Marken

Künstliche Intelligenz produziert auch Schwachsinn

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Die Performancepflicht ist eine Hightech-Daumenschraube. Wir sollten uns darauf einstellen: Es wird wehtun.

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Die neue Idee der Führungsetage heißt „liquid workforce“. Wir kennen sie noch unter ihrem alten Namen: Leiharbeiter. In volatilen Zeiten  sind feste, manchmal unauflösbare Arbeitsverträge der reinste Horror. Brechen die Märkte ein, kannst du kein Personal abbauen. Werden die Märkte dynamisch, kommst du nicht schnell genug an qualifizierte Kräfte. Die Zeit läuft immer gegen dich. Das Optimierungsfeld ist gewaltig, finanziell und emotional. Ein neuer Anbietermarkt entsteht: Recruitment Process Outsourcing (RPO), eine mobile Reservetruppe ist stets am Start, die Gig Economy, in der jeder Mitarbeiter nur noch für Gastauftritte als Kleindarsteller gebucht wird, hat sich etabliert. 

Die globalen Vorreiter aus dem Silikon Valley sind auch hier ganz vorne mit dabei. Google beschäftigt mehr „liquid and temporary workforce“ (130.000) als feste Mitarbeiter (123.000), wie uns die New York Times 2020 wissen ließ. Mit dem Versprechen von Freiheit und Abenteuer gelingt es, junge und gut ausgebildete Gig Worker zu finden, auf lange Sicht werden sie damit aufs Abstellgleis geführt. Das Extreme Outsourcing beflügelt die Fantasie der Börse und der Unternehmensstrategen. Die Zukunft wird schön gerechnet. Was die Börse nicht sieht, ist die Lage vor Ort. In guten Zeiten ist immer alles gut. Aber mit den schwierigen Tagen kommen all die Dinge zum Tragen, die die Rechenkünstler nicht auf dem Bildschirm hatten. Verbundenheit, Kampfgeist, Teamspirit. Wer eine Zweiklassengesellschaft im Unternehmen hat, hat schon mal keine Einheit. Wie hoch ist die Loyalität, wenn ich dem Unternehmen keinen Original-Arbeitsvertrag wert bin, sondern nur die Sparversion? Wenn wie bei Google mehr als die Hälfte der „intellectual property“ in fremden Händen liegt, sprudeln auch die Fehlerquellen. Der Erfahrungsschatz bringt im Laufe der Zeit nicht Zinsen, sondern ist stets auf dem Absprung.

Womit wir zur neuen Lieblingsvokabel der Chefetage kommen, der künstlichen Intelligenz. Ideenmangel wird durch Aufrüstung der Rechenkünste kompensiert. Künstliche Intelligenz und ihr kleiner Bruder, das „machine learning“, sind die Hoffnungsträger der nächsten Führungsgeneration für neue Erlösmodelle und hohe Profitmargen. Das Programm wirkt auf Knopfdruck. Es bedient den natürlichen Einsparreflex und erspart die lästigen Personaldiskussionen. Die Fakten und die Maschine sprechen für sich. KI ist per Wortwahl ein Zukunftsprogramm. Wie müssen wir uns KI und Führung vorstellen? Die vielleicht beste KI-Maschine der Welt ist Amazon, sie nimmt die Zügel in die Hand. Der feste oder fest-freie Angestellte im Lager hat idealtypische Handlungsabläufe rechneroptimiert durchzuführen. Alles, was der Mitarbeiter tut und wie er es tut wird realtime getrackt, ist er zu langsam oder hält sich nicht an die Prozesse, gibt es eine Warnung (an ihn und den Chef). Bei drei Warnungen wird es ernst. Eine subtile Form von Elektroschocker. Dieser KI-Mechanismus wird sich Corona-beschleunigt über alle Branchen verbreiten.

Wer sich als Denkarbeiter auf der sicheren Seite fühlt, dem gönnen wir nun einen kurzen Moment des Erschreckens: im Rechner ist die Kamera schon eingebaut, die Outlook Kalender schon installiert, die Aktivitätsrate per Tastatur schon jetzt auf die Millisekunde messbar. Und je weiter weg vom Büro wir demnächst im Homeoffice arbeiten, desto eher wird der technologische Drill-Instruktor kommen. „Tattleware“ heißt die Software, für die Covid 19 wie ein Sechser im Lotto war. Sie sieht und trackt alles, was auf dem Computer passiert, sekundengenau. Die Führung ersetzt die Präsenzpflicht durch Performance-Pflicht. Du kannst arbeiten wo und wie du willst – Hauptsache, die Leistung stimmt und die wird kontinuierlich gemessen. Eine Hightech-Daumenschraube, an der die nächsten Jahre gedreht wird. Wir sollten uns darauf einstellen, es wird wehtun. Wir tauschen räumliche Freiheit gegen technologische Fesseln. Die Berater- und Programmier-Industrie wittert Geschäft. Die Lücken zu detektieren und konsequent zu schließen, wird zum Milliarden-Dollar-Business. Au weia.

Kampfgeist und Teamspirit


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim Handelsblatt. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimitied gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

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