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Wochenrückblick

Wie TV-Sender Corona-Verharmlosern eine Bühne bieten

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Das Epos Steini vs. „Der Spiegel“ ging in dieser Woche in die zweite Runde. Ob eine weitere folgt, ist fraglich. MDR, HR und Servus TV bieten Corona-Skeptikern eine viel zu große Bühne. Und eine PR-Expertin weiß genau, was Laura Müller/Wendler/Norberg jetzt tun muss. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Vergangene Woche ging es an dieser Stelle schon mal um den bemerkenswerten Artikel aus dem Spiegel zu Gabor Steingarts Media-Pioneer-Firma und deren, laut Spiegel, „wankenden Geschäftsmodell“. Der Text ist nach wie vor lesenswert. Man muss die doch recht scharfe Abrechnung des Hamburger Magazins mit dem Hotshot aus Berlin freilich aber auch vor dem Hintergrund sehen, dass Steingart in seinem Morning Briefing in der Vergangenheit kaum eine Gelegenheit ausließ, gegen seinen Ex-Arbeitgeber Spiegel zu stänkern. Aber Motivation und Herkunft von Gift und Galle sind im Medienbiz ja erstmal egal, Hauptsache, die Fakten stimmen.

Steingart nahm die Unfreundlichkeit des ehemaligen Brötchengebers zum Anlass eine lange Replik auf das Spiegel-Stück zu veröffentlichen. Der Text aus dem Nachrichtenmagazin sei „eine Mischung aus Erfindungen, Gerüchten und Falschaussagen“ heißt es da. Statt Fakten gab es in dem Erwiderungstext aber auch reichlich Nebelkerzen. Steingart moniert u.a., dass die Springer-Anteile an seiner Firma falsch beziffert worden seien. Der Spiegel schreibt von rund 46%, die Springer hält, laut Steinhart sollen es 36% sein. Wobei hier der Teufel im Detail steckt: Die 36% sind wohl eine Zielgröße. So ist geplant, dass Springer 10% als Leseraktien abgibt. Steingart schreibt dazu, der Spiegel habe die Stelle nach Hinweis korrigiert. Laut Auskunft eines der Autoren des Spigel-Stücks, hat die Redaktion aber lediglich eine minimale Formulierungsänderung vorgenommen. Die Infografik mit den 46% und den 36% Zielvorgabe für den Springer-Anteil findet sich weiter auch in der Online-Version des Artikels. Man kann nur hoffen, dass Steingart mit Fakten in seinen 100%-Journalismus-Produkten transparenter vorgeht. (Korrektur-Hinweis: Auch ich hatte hier zunächst geschrieben, dass dem Spiegel hier ein Fakten-Fehler unterlaufen sei. Das war falsch und ich habe die Stelle korrigiert.)

Auch versucht der Text die Spiegel-Behauptung vom „ausbleibenden kommerziellen Erfolg“ u.a. mit der Position des Morning-Briefing-Podcasts in den Apple-Podcasts-Charts zu kontern. Das ist natürlich ein bisschen naja, weil die Position von irgendwelchen Podcast-Charts rein gar nichts über kommerziellen Erfolg aussagt. Und dann geht es auch noch um Wortklaubereien wie, ob Steingart nun bei einem gebuchten Event einer Privatbank auf seinem Redaktionsschiff eine Rede hielt – wie der Spiegel schreibt – oder er die Teilnehmer nur „freundlich begrüßte“, wie es bei Steingart heißt. Oder ob VW-Chef Herbert Diess bei der Jungfernfahrt nur „kurz vorbeigeschaut“ hat (Spiegel) oder er „für anderthalb Stunden an Bord war“ (Steingart). Im Gespräch mit MEEDIA (€) gab sich Steingart jetzt fast schon wieder versöhnlich. Das Leben sei zu kurz für Erbfeindschaften, sagte er und lud den Spiegel zum Wortlaut-Interview ein. Wäre interessant, wenn die Hamburger einschlagen. Aber Vorsicht: Sind die Fragen zu frech, dann holt Steini schon mal den Edding raus und schwärzt.

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Corona und kein Ende. Die Medien spielen bei der Vermittlung des Infektionsgeschehens eine wichtige Rolle, nicht immer werden sie dabei ihrer Verantwortung gerecht. Zwei Beispiele aus dieser Woche: Der einschlägig bekannte und vielfach widerlegte Corona-Verharmloser Sucharit Bhakdi dufte sich in den beiden öffentlich-rechtlichen Sendern MDR und HR ungebremst mit seinen Thesen ausbreiten. Der MDR führte ein Interview mit Bhakdi, der HR veröffentlichte einen HR Info Podcast mit ihm. Dabei wurde eine Falschbehauptung Bhakdis sogar als Überschrift gewählt („Corona: Es gibt keine erhöhte Zahl von Erkrankungen“). Beide Medien verwiesen nach einer Berichterstattung der Seite Volksverpetzer darauf, dass sie Faktenchecks zu Bhakdis Aussagen anstellen werden (HR), bzw. schon durchgeführt haben (MDR). Volksverpetzer weist mit Recht darauf hin, dass man Fakten besser vor Veröffentlichung von Falschaussagen checken sollte, bzw. dass es im Fall des MDR wenig bringt, wenn ein Faktencheck nicht direkt bei dem Interview mit den Falschaussagen steht.

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Der österreichische Sender Servus TV treibt es noch weiter. Dort wurde mit dem Corona Quartett quasi eine eigene Talk-Plattform für Corona-Skeptiker etabliert u.a. wieder mit Sucharit Bhakdi. DWDL.de hat darüber ausführlich geschrieben. Außerdem dabei sind der ebenfalls Corona-skeptische Finanzwissenschaftler Stefan Homburg, die ehemalige österreichische Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky sowie ein Gast. Getreu der Anordnung des Format-Vorbilds Das Literarische Quartett. Leider dominieren Bhakdi und Homburg mit ihren teils gefährlichen Aussagen und Polemiken das komplette Bild. Der in einer späteren Folge dazugenommene Moderator Michael Fleischhacker, der mal die Österreich-Redaktion der NZZ leitete, kommt da auch nicht gegen an. Jetzt ist Servus TV kein öffentlich finanzierter Sender, sondern gehört dem Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz. Ein minimales Maß an Verantwortungsbewusstsein sollte man aber auch als privater Medienunternehmer im Leib haben. Mit kritischer Berichterstattung oder dem Aufzeigen von anderen Sichtweisen haben die genannten Beispiele jedenfalls nichts zu tun. Es handelt sich hier um das verantwortungslose Verbreiten von gefährlichen Falschinformationen während einer globalen Pandemie. Das ist weit mehr als eine Stil- oder Geschmacksfrage.

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Bereits unter die Corona-Leugner gegangen ist bekanntlich Schlager-Barde Michael Wendler. Eine Frage, die Boulevard-Deutschland seither bewegt ist, wie es nun weitergeht mit seiner Beziehung zu seiner Laura. Gut, dass wir auch hier Experten haben! Zum Beispiel Janine Griffel von der Agentur „Griffel & Co Kommunikation”, die sich via Interview mit dem „Nachrichten“-Portal Watson in dieser Woche mit gewichtigen Einlassungen zur Causa Wendler-Beziehungsstatus meldete. Frau Griffel sieht für Laura Müller/Wendler/Norberg nur eine Möglichkeit: Sie muss sich vom Wendler trennen! Griffel: „Wird sie sich von Michael Wendler lösen, dann kann sie es vermutlich schaffen, noch ein paar Jahre als Influencerin Geld zu verdienen.”

Mehr kann man nun wirklich nicht verlangen.

Schönes Wochenende!

PS: Der Podcast „Die Medien-Woche“ ist diese Woche eine Solo-Ausgabe, denn Kollege Christian Meier von der Welt weilt im Urlaub (wohlverdient natürlich). Darum habe ich den Medienwisschenschaftler Prof. Christopher Buschow über Innovationen im Journalismus gesprochen. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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