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Genusssache Medien

Storytelling: Warum Purpose wichtiger ist als Entertainment

Sabine Trepte, Zeichnung: Bertil Brahm

Geschichten, die uns berühren, teilen wir lieber mit anderen als Geschichten, die wir lustig oder unterhaltsam finden. Purpose ist der kleine Kampf plus Mitgefühl.

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Warum schlagen Geschichten, die uns berühren, eher ein als witzige? Warum sind wir eher bereit, sie mit anderen zu teilen? In der Medienpsychologie beschäftigt sich eine Legion von Forschenden mit allen Fragen rund um Hedonismus versus Purpose. Erst einmal ist die Unterscheidung schon bahnbrechend. Lange Zeit war Priorität der medienpsychologischen Forschung das Entertainment. Geforscht hat man vor allem nach dem Gefühl der hedonistischen Unterhaltung, nach Amüsement und dem kurzen Gefühl der Euphorie. Dann stellte sich heraus, dass Menschen Medienunterhaltung erleben, wenn Geschichten sie traurig machen. Dieser Widerspruch wurde dann aufgeklärt: Neben den hedonistischen Motiven wurden die „eudaimonischen“ Motive entdeckt. „Eudaimonie“ hat Aristoteles verwendet, um die Suche nach Weisheit und Wahrheit zu beschreiben. Es geht also um sinnbringende Lebensziele, wenn man so will: Purpose.

Wie kommt es, dass wir berührende Geschichten eher mit anderen teilen als lustige? Erstens haben sie bestimmte Eigenschaften und zweitens machen sie etwas mit uns, lösen bestimmte Gefühle und Erfahrungen aus.

Zunächst mal zu den Eigenschaften der Geschichten. Berührende Geschichten zeichnen sich besonders dadurch aus, dass sie ein besonderes Ausmaß an Motivation und „Struggle“ zum Ausdruck bringen. Geschichten, die Menschen berühren, handeln von großer Zielstrebigkeit und Auseinandersetzung. Anders als erwartet, berührt nicht der große Wunsch irgendwohin zu kommen, sondern die Motivation, dieses Ziel zu erreichen und der innere Kampf auf dem Weg dorthin. Die Geschichte Pastels and Crayons der New Yorker Schülerin Aleeza Kazmi und andere Geschichten auf themoth.org machen das deutlich: Sie berichtet, wie ihre Kunst-Lehrerin beim Kolorieren ihres Selbstporträts die Farbe des Gesichts vorschrieb. Im Vordergrund steht hier nicht ein großes Ziel, sondern der innere Kampf. Geschichten wie diese lösen bei den Zuschauenden eine Selbst-Transzendenz aus: Sie fühlen sich mit anderen geradezu spirituell verbunden und als Teil einer größeren, universalen Gemeinschaft.

Wie kommt es dann im nächsten Schritt zur „Berührung“? Zunächst einmal sind nicht das Verstehen und nicht die Aufmerksamkeit bedeutsam. Das ist hier wichtig zu erwähnen, denn oft sind das in der Menge an Reizen und Informationen die beiden wichtigsten Paten von Unterhaltung. Dass Menschen sich berührt fühlen, wird jedoch vor allem von emotionalem Engagement begleitet. Die Voraussetzung liegt – ganz einfach – im Mitgefühl. Menschen teilen also Geschichten, die große Kraft ausstrahlen, die im nächsten Schritt ein Mitgefühl auslösen und sie aufgrund dessen berühren. Das macht die Überlegenheit von Purpose aus. Dieses Gefühl der Verbundenheit und Universalität, das geradezu spirituelle Wegdenken vom eigenen Ego und Hinschauen zu anderen. Und das ist nun per se transzendental, denn da sind wir ja auch beim Purpose von Medien überhaupt: dem Fenster zur Welt.

Quelle: Anne Hamby, Zared Shawver & Patrick Moreau (2020): How character goal pursuit “moves” audiences to share meaningful stories, Media Psychology, 23:3, 317-341, DOI: 10.1080/15213269.2019.1601569

„Berührendes Storytelling geht weg vom Ego, hin zu den Anderen“


Sabine Trepte ist Professorin für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim. Sie schreibt heute maßlos für meedia zum Thema Mediengenuss – basierend auf empirischen Ergebnissen aus der Medienpsychologie und Kommunika­tionswissenschaft.

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