Anzeige

Rützels Scharmützel

Michael Wendler: Ein Ring uns zu knechten

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Nervt Sie die Penetranzpräsenz vom Wendler auch so? Ich fürchte, ich bin daran schuld: Wahrscheinlich habe ich ihn in unsere Dimension gebannt. Mit einem Imitat seines Verlobungsrings.

Anzeige

Fast alles, was ich so lese oder selbst schreibe, habe ich im nächsten Moment schon wieder vergessen, weil: alt, abgewrackt, alliterationsverstopft. Ich sehe das längst nicht mehr als belastendes Indiz meiner geistigen Verschwammung, sondern als Gnade. Nur ganz selten bleiben mir einzelne Sätze wirklich lange im Gedächtnis. Einer davon ist ein herrliches Exponat aus dem Genre Popkritik, er heißt „Der Junge mit der Gitarre soll weggehen“, geschrieben hat ihn (glaube ich) Max Scharnigg im (eventuell) Musikexpress, und er behandelt das nicht vollumfänglich geschätzte Schaffen des (ganz sicher) so genannten Jungen mit der Gitarre, eines nicht sonderlich gut gelittenen Klampfofanten der frühen Nullerjahre. Für mich ist der Satz, obwohl jetzt schon bald 20 Jahre alt, immer noch eine zeitlose Vermählung aus entschiedenem Cancel-Wunsch mit softlauniger Bussibärchenfreundlichkeit, er wird uns alle überdauern.

Ich musste jetzt wieder an ihn denken, als ich mich über den neuen Werbespot von Michael Wendler echauffierte, mit dem er Reklame für Kaufland macht. Der Kern des Spots ist eine Verballhornung des Wendler-Liedes „Egal“, dessen Refrain in der Werbung zu „Regal“ wird, zum Kaufland-Regal nämlich, in dem der Wendler alles findet, was er an Lebensmitteln so schmatzifatzo findet. Mir missfielen zwei Dinge: Zum ersten machte mich ein Pet Peeve rasend, das mich schon seit meiner Kindheit wütend macht: Da weinte ich jedes Mal vor Zorn, wenn das Lied Goethe war gut von Rudi Carell im Fernsehen kam, dessen überschaubarer Scherz auf der absichtlichen Vermeidung von offensichtlichen Reimwörtern bestand („Und was sie versprach, fand er nett/Sie war bestimmt einsame Spitze im Kochen“, hieß es da zum Beispiel). Nun reimt sich zwar freilich Egal tadellos auf Regal – wäre es nicht aber deutlich eleganter gewesen, der Wendler hätte mit dem Egal-Derivat von vornherein nicht für Kaufland, sondern für Real geworben? Jetzt bitte nicht kleinlich darauf rumharken, wer eventuell bald wen übernimmt, die Poesie hat ihre eigenen Gesetze.

(Anm.d.Red.: Das Kaufland hat die Zusammenarbeit mit Michael Wendler schon wieder beendet, nachdem der auf Instagram Verschwörungstheorien zur Corona-Pandemie verbreitet hatte.)

Der zweite Aspekt, der mir an der Wendlerschen Penetranzpräsenz nicht gefällt: Ich glaube inzwischen, dass ich daran schuld bin. Das klingt erfrischend egoman, aber auch reichlich unrealistisch, was andererseits aber auch für Trumps komplettes Coronagebaren der vergangene Woche gilt, könnte also sein. Ich fürchte also, der Wendler wird uns nie mehr verlassen, ständig in neuen TV-Shows für Unruhe sorgen (wie jetzt bei seinen noch nicht ganz geklärten No- Show-Moves in seiner Eigenschaft als neuer Juror bei Deutschland sucht den Superstar, weil er drostenhaft wohl Besseres zu tun hatte) und nun also auch Werbespots auftreten. Weil ich ihn in unsere Dimension gebannt habe. Und zwar mit dem seinerzeitigen Kauf meines nachgebildeten Wendler-Verlobungsring, den seine kindliche Braut damals in vergünstigter Kreti-und-Pleti-Variante in ihrer Instagram-Story zum Kauf anbot (ich konnte wirklich nicht anders). Nun weiß ich all die wenigen Dinge, die ich über Beschwörungen und wunderliche Wesen kenne, exklusiv aus meiner geliebten Serie Buffy, the Vampire Slayer, mit dem Fantasy-Genre kann ich ansonsten so viel anfangen wie der Junge mit seiner Gitarre. Vorsichtshalber habe ich es also schon mal mit dem nahestliegenden Gedanken probiert und mit ernsthaftem Gepränge „Der Wendler und die Laura sollen weggehen“ gemurmelt, während ich den Ring an meinem Zeigefinger auf- und abschraubte.

Es brachte nichts ein, und nun fürchte ich, ich brauche ein Hämmerchen, um den Ring zu zerdeppern und alle zu erlösen: Uns und ja irgendwie auch den Wendler, dem diese Rolle doch sicher auch schon lange zu den Ohren rauskommt. Schaut man übrigens in einem Online-Verslexikon nach, was sich sonst noch so auf „egal“ reimt, haben dort 147 Menschen das Wort „Wendler“ vorgeschlagen. Ach komm, geh weg.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

Anzeige