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Leitartikel

Verkaufen Sie, Herr Friedrich!

Holger Friedrich – Foto: Imago / Reiner Zensen

Der Verleger Holger Friedrich löst mit diversen Maßnahmen neue Unruhe beim Berliner Verlag aus. Für das Haus wäre es das Beste, würde
er seinen Ausflug in die Medienwelt beenden.

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Als Holger Friedrich vor einem Jahr die Berliner Zeitung übernahm, wurde er zunächst als Superstar gefeiert: Ein Geschäftsmann, der von Tageszeitungen keine blasse Ahnung hat, erwirbt das frühere Flaggschiff des Kölner Medienhauses DuMont in der Bundeshauptstadt! Ein mutiger Schritt, den die Branche zunächst bejubelte. Schnell jedoch wurden Öffentlichkeit und Belegschaft auf den Boden den Tatsachen zurückgeholt. Auf merkwürdige Aktionen (verquaste Editorials, ungekennzeichnete Berichterstattung über eigene Firmen, fragwürdige Auftritte) folgte die Enthüllung der Stasi-Vergangenheit des neuen Eigentümers durch die Welt am Sonntag

Holger Friedrich sollte seinen Ausflug in die Medienwelt beenden, meint
Gregory Lipinski

Das löste nicht nur in der Führungsetage Entsetzen aus. Viele Spitzenkräfte kehrten dem Printhaus an der Spree den Rücken. Erst verließen die Chefredakteure Jochen Arnzt und Elmer Jehn das Unternehmen, später gab der frühere Stern-Chefredakteur Michael Maier seinen Posten als Geschäftsführer auf. Und Jetzt sorgt Friedrich mit neuen Maßnahmen wieder für Unruhe. Sie nähren erneut Zweifel, ob der Mann mit dem markanten Vollbart wirklich der richtige Eigentümer für das Unternehmen ist. 

Da ist etwa seine jüngste Entscheidung, den Hauptstadttitel aus der IVW zu nehmen – vor allem für die Vermarktung des Blattes eine Katastrophe. Denn die neutrale Auflagenzählung ist für die Werbetreibenden ein wichtiger Gradmesser. Sie dient dazu, um die Reichweite des gedruckten Produkts festzustellen. Legt die Geschäftsführung hier aber nicht mehr die Karten bei den Kunden auf den Tisch, wird ein Anzeigenverkauf zum Vabanguespiel. Dadurch droht dem Unternehmen, eine wesentliche Ertragssäule vollends wegzubrechen. 

Viel schwerer wiegen aber Friedrichs neuesten Ambitionen, den früheren Condé-Nast-Verlagschef Bernd Runge um Rat und Tat zu bitten. Denn der gebürtige Rostocker war wie Friedrich ein Zuträger der Stasi. Egal, ob Runge ein erfahrener Magazin- und Verlagsprofi ist – die Personalie wirbt in der Belegschaft nicht gerade für Vertrauen, um die Ressentiments gegen den Neu-Verleger aufzuweichen. Im Gegenteil: Sie schürt erneut das Misstrauen der Mitarbeiter gegen ihren Arbeitgeber. Das macht es nicht leichter, eine hochmotivierte Mannschaft aufzubauen.
Er sollte Daher endlich einsehen, dass er der Aufgabe als Verleger nicht gewachsen ist und seinem Ausflug in die Medienwelt endlich ein Ende bereiten. Für das Blatt wäre es das Beste.

Natürlich, ein Verkauf der Zeitung würde nicht leicht werden. Eine Veräußerung an einen Konkurrenten dürfte am Kartellamt scheitern. Sollte sich jedoch kein Käufer melden, wäre eine neutrale Stiftung womöglich eine gute Lösung: Friedrich hätte so keine Möglichkeit mehr, sich in die Belange des Unternehmens einzumischen. Das wäre eine Chance, um es in eine sichere Zukunft zu steuern. Ansonsten besteht die Gefahr, dass eine weitere wichtige publizistische Stimme verstummt. Dass Friedrich aber gerade Verkaufsanfragen eine Abfuhr erteilt hat, rückt dieses Szenario wohl eher in Richtung Wunschdenken.

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