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Wochenrückblick

Hier haste ’ne Milliarde, kauf Dir mal was Schönes!

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Was für eine Medienwoche! Erbtanten hergehört: Friede Springer schenkt ihrem Mathias mal eben Aktien im Wert von einer Milliarde Euro. Beim „Stern“ überlassen sie den Leuten von Fridays for Future das Blatt. Und Roland Tichy ist seinen Job bei der Ludwig-Erhard-Stiftung los. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Rudolf Augstein schenkte seinen Mitarbeitern einst 50,5 Prozent am Unternehmen und erschuf die Spiegel Mitarbeiter KG. Ob er das noch einmal so machen würde? Man weiß es nicht. Friede Springer macht es anders und schenkt ihrem Vorstandsvorsitzenden Mathis Döpfner 15 Prozent der Aktien an der Axel Springer SE. Die an Döpfner verschenkten Aktien sind roundabout eine Milliarde Euro wert. Das ist mal ein Präsent, das schwer zu toppen ist. Da dürfte es Döpfner nicht wirklich schwer Fallen, die Finanzierung für jene 4,1 Prozent der Aktien zu stemmen, die er noch zusätzlich käuflich erwerben muss, bzw. darf. Das war übrigens eine, nun ja, interessante Frage im dpa-Interview mit Friede Springer und Döpfner, warum, er sich mit dem Kauf der 4,1 Prozent „derart engagiert“. Wenn man gerade eine Milliarde geschenkt bekommt, kann man sich ja wohl schon ein bisschen engagieren, oder etwa nicht? Zusammen mit den knapp 3 Prozent, die er schon hatte, hält der Verleger-CEO nach Vollzug mit 22 Prozent genauso viele Anteile am Unternehmen wie die Witwe Springer und bekommt ihre Stimmrechte noch obendrauf. Damit dürfte sich die hier und da mal gelesene Spekulation über angebliche Zerwürfnisse zwischen der Friede und dem Mathias final erledigt haben. Ebenso wie Spekulationen, ob Döpfner nach dem KKR-Einstieg nicht doch seinen Abgang vorbereitet. Springer ist jetzt Döpfner (und KKR).

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Die Frage, ob das noch Journalismus ist oder schon Aktivismus, lässt sich mit Blick auf die aktuelle Ausgabe des Stern recht eindeutig beantworten. Die Redaktion hat das Heft diese Woche gemeinsam mit den Klima-Aktivisten von Fridays for Future gestaltet. Dabei macht sich das G+J-Magazin auch das FFF-Motto „Kein Grad weiter“ zu eigen.

Die Social-Media-Kanäle des Stern wurden am gestrigen Donnerstag im Rahmen eines „Takeover“ (O-Ton Pressemitteilung) von den Aktivisten gleich ganz übernommen. Klar, Klimaschutz ist wichtig. Ist die Quasi-Übergabe der redaktionellen Hoheit an Aktivisten einer Umweltschutzorganisation aber der richtige Weg? Und wer profitiert hier eigentlich von wem? Hat FFF nicht längst eine mediale Durchschlagskraft, wie sie der Stern gerne noch hätte aber nicht mehr hat? In einer anderen Medien-Zeit, konnte das Magazin aus Hamburg noch gesellschaftliche Debatten anstoßen und gestalten. Das berühmteste Beispiel ist wohl der Titel „Wir haben abgetrieben!“ aus dem Jahr 1971. 374 Frauen, prominente und nicht-prominente, outeten sich damals im Stern, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch haben durchführen lassen. Abtreibung war damals noch illegal. War das damals auch Aktivismus? Die Trennlinie ist nicht immer ganz leicht zu ziehen und sofort reflexhaft das Hajo-Friedrichs-Zitat aus der Schublade zu holen (Sie wissen schon), hilft auch nicht immer weiter. Im aktuellen Fall des Stern, scheint mir die Grenze aber doch ein Stück zu weit in Richtung Aktivismus geschoben worden zu sein. Die Taz hat was ganz ähnliches gemacht, bei dem dezidiert linken Medium hat Aktivismus aber schon immer Tradition, weswegen es eigentlich niemanden mehr juckt. Merke: Aktivismus im Journalismus gab es schon immer. Es wird nur aktuell mehr, jedenfalls gefühlt.

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Da passt thematisch ganz gut ein Text, den Christian Maertin neulich bei Linkedin veröffentlichte. Der ist Head of Corporate Communications bei Bayer und insofern in gewisser Weise auch aktivistisch unterwegs. Im Zeichen der Company. Er beklagt sich darüber, dass politische TV-Magazine häufig einseitig ein verzerrtes Bild der Wirtschaft als „gierig bis korrupt“ zeichnen würden. Maertin sieht hier natürlich in erster Linie seinen Arbeitgeber an den Pranger gestellt, der wegen des umstrittenen „Unkrautvernichters“, bzw. „Pflanzenschutzmittels“ (je nachdem, wen man fragt) Glyphosat in den vergangenen Jahren besonders heftig im Feuer stand. In einem Punkt hat Maertin aber sicherlich recht: Der Skandal ist der Daseinszweck von investigativen journalistischen Formaten. Und hier und da mögen die Macher auch der Versuchung erliegen, bei der Skandalisierung die Drama-Schrauben ein bisschen zu sehr anzuziehen. Außerdem beklagt sich Maertin, dass seine schönen Stellungnahmen von TV-Teams häufig auf einen oder gar einen halben Satz zusammengekürzt würden.

Die einen bekommen einen halben Satz, die anderen ein ganzes Heft.

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Keinen guten Lauf in dieser Woche hatte Roland Tichy. In seinem Monatsmagazin Tichys Einblick beleidigte der Kolumnist Stephan Paetow die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) auf unangemessene Weise unter der Gürtellinie in seinem „etwas anderen Monatsrückblick“. Chebli machte den Ausschnitt auf Twitter öffentlich und bekam neben einigen dummen Sprüchen viel Solidarität.

Auch von Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU), die wissen wollte, wo denn so ein „widerlicher Dreck“ und „Müll“ stehe. Auf Twitter wurde ihr mitgeteilt, der „Müll“ stehe im Magazin des Vorsitzenden der Ludwig-Erhard-Stiftung, in der sie selbst auch Mitglied ist. Kurz darauf verkündete Bär ihren Austritt aus der Stiftung. Auch andere Stiftungsmitglieder regten sich öffentlich auf und man musste kein Experte in Krisenkommunikation sein, um zu ahnen, dass Tichy nicht mehr lange Vorsitzender ebenjener Stiftung würde bleiben können. Die FAZ meldete einen Tag nach Bärs Austritts-Ankündigung dann Vollzug. Dabei war die Formulierung in dem „Monatsrückblick“ vielleicht besonders geschmacklos aber auch kein wirklicher Ausrutscher. Wer beständig gegen den so genannten Mainstream angiftet, muss damit rechnen, dass der Mainstream einen irgendwann auch nicht mehr auf der Party sehen will. Und die Ludwig-Erhard-Stiftung ist mit Sicherheit kein Revoluzzerverein aus der Querdenker-Ecke.

Schönes Wochenende!

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