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OK Boomer

Liebe Boomer*innen, wieso seid Ihr eigentlich gegen das Gendern?

Die 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule – Illustration: Bertil Brahm

Wisst Ihr es nicht besser oder ist das Eure Unfähigkeit, sich auf Veränderungen einzulassen?

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Liebe Boomer*innen, 

eigentlich wollte ich Euch in dieser Kolumne mit Argumenten überzeugen. Euch sagen, wieso Ihr meiner Meinung nach gendern solltet – vor allem im Journalismus. Wieso es ein Problem ist, dass ein ganzer Teil der Menschen, über die und für die Ihr schreibt, nur mitgemeint und nicht mitgenannt wird. Dann habt Ihr Ende August einen Gastbeitrag bei MEEDIA veröffentlicht. Er hieß: Warum gendern sinnlos ist. Mir wurde klar, dass es Euch gar nicht um das beste Argument geht. Ihr seid einfach dagegen – aus Trotz oder aus Angst vor Veränderung. Die Gegenargumente des Autors (51, weiß, männlich) sind entweder wissenschaftlich längst widerlegt (Sprache präge nicht das Bewusstsein) oder doch wirklich zu schwach (die Ästhetik der Sprache leide). 

Mein Dilemma: Wie überzeuge ich Menschen, denen gendergerechte Sprache nicht nur egal ist, sondern die sogar dagegen sind? Die so überzeugt dagegen sind, dass sie sich die Zeit nehmen, Texte dazu zu schreiben? Es ist nicht so, als könnte ich euch überhaupt nicht verstehen. Ich (26, weiß, männlich) habe bis vor einem Jahr auch nicht gegendert. Ich habe nicht eingesehen, wieso ich es tun sollte. Meine Argumente waren die gleichen wie Eure: „Es sieht nicht gut aus, und eigentlich gibt es auch echt andere Probleme bei der Gleichberechtigung, die angegangen werden müssten.“ Ich fand es einfach nicht wichtig. 

Doch ich habe Menschen getroffen, die lange Gespräche mit mir geführt haben. Ich habe Texte über gendergerechte Sprache gelesen. Ich habe die Argumente abgewogen und versucht, meine Position als Mann zu verstehen, der sich angesprochen fühlt, wenn von Journalisten geredet wird. Mir wurde klar, dass es unfair ist, dass ich immer gemeint bin, die Hälfte der Menschen aber nicht. Die meisten Menschen denken nicht an eine Frau, wenn sie Arzt, Anwalt oder Kanzler lesen und hören. Und das hat Auswirkungen: Studien haben gezeigt, dass Frauen sich eher auf Stellen bewerben, wenn sie direkt angesprochen werden, dass Schülerinnen sich eher vorstellen können, einen bestimmten Job zu machen, wenn er auch in der weiblichen Form genannt wird. Sehr viel schlauere Menschen als ich haben sich noch weitere Gedanken zu dem Thema gemacht und ihre Argumente aufgeschrieben. Sie stehen frei verfügbar im Netz. Nur sind die fehlenden Argumente ja nicht Euer Problem. Das Problem ist vielmehr, dass ihr anscheinend nicht bereit seid, sie zu reflektieren. Euch ist es so wichtig, Eure Sprachgewohnheiten nicht zu ändern, dass jedes Gegenargument gut genug ist, um auf keinen Fall auf das generische Maskulinum verzichten zu müssen. 

Boomer*in. Das Wort, wie es umgangssprachlich benutzt wird, definiert nicht Menschen eines bestimmten Alters, sondern Menschen mit einer bestimmten Persönlichkeit. Dazu gehört auch eine Unfähigkeit, sich auf Veränderungen einzulassen. Solange ihr euch wie Boomer*innen benehmt, kann also kein Argument der Welt euch dazu bringen, eine gendergerechte Sprache zu benutzen. 

„Eure Argumente sind entweder widerlegt oder zu schwach“

Deswegen folgende Bitte: Überlegt Euch einmal wirklich, wieso Ihr gegen das Gendern seid. Habt Ihr Euch genügend mit dem Thema beschäftigt? Wenn ja, überzeugen Euch die Argumente nicht oder reagiert Ihr aus Trotz? Vielleicht werden einige von Euch nach dieser Kolumne noch einmal überdenken, wieso sie glauben, gendergerechte Sprache bekämpfen zu müssen.

Wenn nicht, wäre das natürlich schade, aber auch nicht schlimm. Denn meistens seid Ihr Boomer*innen alt und geht irgendwann in Rente. Nach und nach wird eine andere Generation in die Redaktionen kommen, und mehr Menschen werden sich für gendergerechte Sprache einsetzen. Euch steht es dann frei, wütende Briefe in generischem Maskulinum an die Redaktion zu schreiben. Interessieren wird es dann keinen mehr.


Hier schreibt die 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule über ihre Perspektiven auf den Journalismus und ihre Visionen für seine Zukunft.

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