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Rützels Scharmützel

Die Bezahlschranke fürs echte Leben ist Bliss

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Auch im echten Leben gibt es einen
Plusbereich. Zumindest zeitweise bietet er einem Schutz.

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„Beinahe hätte ich gerade deinen Artikel gelesen“, sagte letztens ein Freund zur Begrüßung, den ich länger nicht gesehen hatte und auf einen Kaffee traf, und dieser Satz knipste bei mir sogleich exakt dieselbe Yeah-but-you-didn’t-Enttäuschung an wie der schlimmste Satz, den heimkehrende Kumpane aus dem Urlaub zu einem sagen können: „In diesem einen tollen Laden habe ich was gesehen und sofort an dich gedacht – fast hätte ich dir das mitgebracht.“ Beide Male ist das fast und das beinahe einer dann doch im letzten Moment die Oberhand gewinnenden Geizigkeit geschuldet, denn der eingangs erwähnte Fast-Leser erklärte gleich freimütig hinterher, mein Text sei eben hinter der Bezahlschranke gewesen, also für ihn unerreichbar verplusst, denn für Journalismus bezahlen, so weit käme es ja noch, bitte noch einen Flat White mit Spezialbohne für 25 Euro, danke.

 Ob mich das nicht störe, wollte er dann noch wissen, wenn meine Texte von einer Redaktion nicht einfach der größtmöglichen Meute gratis vor die Füße geworfen würden, sondern sie dafür extra zur Kasse bäte. Im Gegenteil, sagte ich, und es stimmt: Tout le monde ist momentan ja derartig überreizt, dass es ganz erholsam ist, wenn man zwischendurch mal nur mit einem Bruchteil möglicher Sonderbar-Reaktionen zu tun hat. Nun sind meine Themen in der Regel ja vergleichsweise unbrisant, tatsächlich reicht es aber zum Beispiel auch schon, nur zu schreiben, dass man es nicht so ganz schön findet, wenn sexuelle Belästigung in einem Trash-TV-Format für billige Lacher verharmlost und -witzelt wird, um erstaunlich viele Menschen wirklich wild zu machen. Und ich wurde zwar durchaus schon hier und da mal wegen eines Textes in Kommentaren, Direktnachrichten und Mails durchbepöbelt, aber niemals so ordinär und aggressiv wie nach meinem Text am vergangenen Jahresende, in dem ich zu bedenken gab, man könnte doch eventuell auf Böllerei verzichten, weil wir ja a) alle schon über acht Jahre alt sind und es b) viele Tiere zu Tode ängstigt. Eine Bezahlschranke wäre da reiner Bliss gewesen.

Gerade wurde mir klar, dass es auch so etwas wie einen Plus-Bereich im analogen Leben gibt. Ich merkte das, weil dieser Plus-Bereich in einem speziellen Fall plötzlich aufgehoben wurde, denn meine Mutter erzählte mir, dass ein Buch, das ich vor zwei Jahren schrieb, rätselhafterweise plötzlich im wirklich sehr kleinen Supermarkt meines Heimatdorfes angeboten werde. Das Buch ist ein Loblied auf das Alleinesein und auf die Menschenferne, darin erzähle ich recht freimütig von dunklen privaten Stunden, Kindheitserlebnissen und Familiengeschichten, meine Eltern kommen auch vor, möglicherweise auch das besagte Heimatdorf. Weil ich mich beim Schreiben sicher wähnte, dass die Kunde von diesem Buch niemals bis in die unterfränkische Provinz reichen würde, wo es keinen Buchladen gibt, noch nicht einmal einen Zeitschriftenladen, und die Interessenslage allgemein eine andere ist.

 Die Bücher seien schon zwei Tage später alle weg gewesen, sagte meine Mutter, von der ich nicht sicher bin, ob sie das Buch komplett gelesen hat und vollumfänglich gewappnet ist für die Gespräche, in die sie demnächst eventuell bei zufälligen Dorfbegegnungen so verwickelt werden könnte. Einem lieben Freund widerfuhr neulich Ähnliches, ebenfalls mit seiner Mutter, nachdem diese sich – für ihn komplett unerwartet – einen kostenpflichtigen Premium-Account für die Streaming-Plattform einrichtete, auf der unser gemeinsamer True-Crime-Podcast zu hören ist. Wovon er erfuhr, als sie ihn anrief und ausschimpfte, weil sie darin nach über 20 Jahren nun mitbekommen musste, dass er früher gelegentlich mal gekifft hatte. Seitdem habe ich eine neue Aufgabe: Die vollständige, elternsichere Verplussung meiner in Texten ausgeplauderten Privatlebengeschichten. Klappt schon wieder super, danke MEEDIA.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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