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Transforming Brands

Die neue Normalität, so seltsam ermüdend

Virginie Briand – Illustration: Bertil Brahm

Wie lässt sich damit leben, wenn eigentlich gerade kein Platz für große Ambitionen ist? Es ist ermüdend und traurig, birgt aber auch eine neue Qualität.

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Es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen. Die ersten Tage im Lockdown. Die Sorgen um die Firma. Um die Mitarbeiter. Die Etats. Gleichzeitig die Eingewöhnung an einen ungewohnten Dauer-WG-Zustand mit Mann und Tochter. Schule zu, Ballett fällt aus, kein Klavierunterricht, keine Freunde. Die Frage: Was macht das mit einer 7-Jährigen?

Damals waren die Tage einfacher. Alles neu. Fast ein bisschen aufregend. Pressekonferenzen der Bundeskanzlerin mit dem Bundesgesundheitsminister und dem Robert-Koch-Institut. Der tägliche Blick auf die schwarz-rote Statistik der globalen Infektionszahlen. Plötzlich interessiert einen vor allem, was ein Virologe namens Drosten zu sagen hat. Und doch das Gefühl, dass das alles bald irgendwie vorbei ist. „Mal sehen, wie es im Herbst sein wird“. Dieser Herbst aber ist im April merkwürdig weit weg.

Dazwischen Sommer. Videokonferenzen und Telkos, die man abwechselnd am Esstisch, am Schreibtisch, auf dem Sofa oder bei schönem Wetter auf der Terrasse führt. Urlaub storniert oder verschoben. Fühlt sich so oder so nicht richtig an. Spaziergänge um den Block mit der Familie. Treffen im kleinen Kreis mit engen Freunden. Grillen.

Und jetzt ist er da, dieser Herbst. Ist es das jetzt? Das vielbeschworene „neue Normal“? Oder kommt es erst noch? Diese Woche frage ich einen Kunden: „Was sind denn Deine Ziele bis zum Ende des Jahres?“ Seine Antwort klingt jetzt noch nach: „Man kann doch gerade gar keine Ziele haben.“ Ist das so? Sicher kommt das auf die persönliche Situation, die Branche und auch den Job an. Für mich als Agenturinhaberin steckt tatsächlich eine ganze Menge Wahrheit in dem Satz. Aber wie lässt sich damit leben, wenn eigentlich gerade kein Platz für große Ambitionen ist? Wenn wir von Tag zu Tag und von Woche zu Woche leben und arbeiten: Was tut sich bei unseren Kunden? Wie entwickeln sich deren Märkte – hier in Deutschland und global? Was macht das Konsumklima? Was machen die Einkäufer? Die Controller? Bleiben die Schulen auf? Oder die Geschäfte? Finden Veranstaltungen und Messen nächstes Jahr im Herbst statt? Was findet überhaupt statt – nächstes Jahr?

„Und jetzt ist er da, dieser Herbst“

Dieser Zustand ist seltsam ermüdend. Und noch ermüdender macht ihn die Erkenntnis, dass wir ganz genau wissen, dass er bleibt und wir jeden Tag mit dieser Ambivalenz und der Unsicherheit leben müssen. Es ist auch eine Zeit der Trauer. Trauer um ein Leben, das wir gerade nicht leben dürfen. Länder, die wir nicht bereisen, und Freunde, die wir nicht sehen können. Alltägliches, was uns fehlt. Und dennoch müssen wir uns jeden Tag aufs Neue motivieren. Als Chef, als Vater oder Mutter, als Kollege und Kollegin. Und in meinem Fall – als Dienstleister und Berater.

Und gleichzeitig, glaube ich, dass wir uns an diese Zeit (irgendwann) als eine besonders erfüllende, emotionale, ja sentimentale Phase zurückerinnern werden. Eine Zeit, in der wir gewachsen sind und viel über uns gelernt haben. In meiner Rolle war ich vor Corona 50 Prozent der Zeit unterwegs. Ich bin oft aus dem Haus gegangen, bevor meine Familie wach war – und ins Bett geschlüpft, wenn alle schon geschlafen haben. Ich erfreue mich an der neuen Work-Life-Im*Balance, die ich jeden Tag erleben darf – und die ich auch bei meinen Kunden und Kollegen sehe. Kinder, die in Zoom-Sessions auf dem Schoß sitzen. Lebenspartner, die durchs Bild huschen und in die Kamera winken. Mittagessen mit meinem Mann. Nachmittage mit meiner Tochter. Plötzlich überlappen sich die Welten – und das Leben bekommt eine neue Qualität. 

Und so ist jeder Tag ein neuer Anfang. Mal schwerer, mal leichter. Aber immer mit der Erkenntnis, dass wir gerade nicht mehr machen können als unseren Job. Jeden Tag mit dem Bewusstsein starten, dass es den Kolleginnen und Kollegen auch so geht. Das ist wie ein Change- und Transformationsprozess, bei dem es vor allem um den Weg, das Wie geht. Das erlaubt uns mehr Offenheit, Emotion, gegenseitiges Verständnis und damit eine neue Qualität des Miteinanders und des Zusammenhalts. Vielleicht ist gerade nicht die Zeit für ganz große Träume. Aber um zu akzeptieren, zu lernen und zu wachsen. Ja, wir sind Anfänger. Und dies ist ein Ausnahmezustand. Aber wir können trainieren, besser damit umzugehen.


Virginie Briand ist Co-Gründerin und Managing Partner der Agentur 19:13.
Hier schreibt sie darüber, wie Marken sich erfolgreich wandeln können.

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