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Bla, Blasberg

Superlative me – die News müssen endlich wieder seriöser werden!

Kai Blasberg – Zeichnung: Bertil Brahm

Medienmacher sind keine PR-Agenten. Die Forderung muss also lauten: Die Nachrichten müssen wieder seriöser werden.

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Wenn Du lange genug in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in Dich hinein – Bei der Recherche des heutigen Themas begegnete mir dieser Satz des großen Skeptikers Friedrich Nietzsche. Passt doch gut in diese „überhitzte“ Medienzeit, in der Corona wie ein Brennglas die Schwächen der Gesellschaft aufzeigt und manch althergebrachte „Narrative“ so nicht mehr gültig sind.

Heute geht es aber vielmehr um die Gründe für eine allgegenwärtige Krise: die der Nachrichten. Und gemeint sind nicht die Krisen in den Nachrichten, sondern – die Nachrichten in der Krise:

„Wirecard fliegt im hohen Bogen aus dem Dax“, so der leitende Wirtschaftsredakteur Klemens Kindermann Mitte August im von uns allen bezahlten und nicht von jedem beachteten Deutschlandfunk. Gemeint war das Delisting des Finanzdienstleisters aus dem deutschen Aktienindex. Eine hier wohl gemeinte besonders unehrenhafte Auslistung existiert trotz Anscheinerweckung nicht.

Aber das Vermelden der Schlichtheit des Vorganges ist wohl heutzutage so nicht mehr verkaufbar. Trotzdem wird hier das Stilmittel der Überhöhung in Nachrichtenberichterstattung eingesetzt und die Rezeption manipuliert.

„Corona überschattet den Sommerurlaub“, meldet uns Nachrichtenmagier Peter Kloeppel am 21. August in RTL aktuell. Wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, wo eine Meldung in dieser Wortwahl doch eher im März zu verorten gewesen wäre. Da sämtliche Ferien bis auf die der Bayern vorüber waren, galt dies sicher auch für das, was überschattete. 

Und was nicht mehr ist, kann auch nicht beschattet werden. 

Trotzdem: Es war eine Meldung vor einem Millionenpublikum, die realistisch keinen Inhalt hatte, sondern lange Bekanntes einmal mehr aufkochte.

Wichtig bei der Vermeldung des immer Gleichen sind Zahlen – Statistiken, Parameter, Niveaus, die sich andauernd verschieben. 

Wir erinnern uns an die Orgien des R-Wertes, der Toten mit und an, der RKI- Daten, die sich, warum auch immer von denen des bis dahin weniger bekannten Johns-Hopkins-Institutes unterschieden. Da fällt mir übrigens auf: Was macht eigentlich Johns Hopkins? Lange nicht mehr vermeldet worden. Egal.

Statistiken sind pures Gold in Nachrichtenredaktionen, weil sie quasi die Hefe, das Treibmittel allen Nachrichtenbackwerks sind, etwas Mehl und Wasser in Form der meist namenlosen Experten und deren Erwartungen dazu, dann etwas Salz durch einen neuen Zeitfaktor und fertig ist ein zäher geschmackloser Info-Zwieback, der den News-hungrigen Magen füllt und vor dem Verhungern rettet, mehr aber auch nicht.

„Wichtig bei der Vermeldung des immer Gleichen sind Zahlen“

Als in den Achtzigern im Zeitungsjournalismus grundausgebildetem Menschen fällt mir immer mehr auf, dass die „7-W-Welt“ offenbar immer weniger Menschen in den Medien bekannt ist. 

„Wer-Was-Wo-Wann-Wie-Warum-Woher“ bilden das Rückgrat einer informativen Nachricht. Für „hohe Bögen“, „Überschattungen“ und „Experten-Einschätzungen“ ist da kaum Platz.

Aller Sinn geht verloren, wenn die Relevanz von Inhalten in den Nachrichten komplett negiert werden.

Die historische Ernennung des Demokraten Joe Biden zum Kandidaten für die Präsidentenwahl 2020 in den USA wurde in der Mutter aller Nachrichtensendungen, der „Tagesschau“ räumlich und zeitlich quasi gleichgesetzt mit der Nichtmeldung, dass ein Neo-Nazi in Brandenburg vielleicht gegen seine bisherige Partei klagen wird, weil die ihn nicht mehr haben will.

Wenn die Bedeutung von Sinn und Unsinn so eklatant missachtet wird, müssen wir uns über mangelhafte Rezeptionskompetenz nicht weiter wundern.

Unsere Kommunikationsbranche hat in den letzten 20 Jahren quasi eine Explosion erlebt und ist in damals undenkbare Größen gewachsen. Die Aufbereitung gerade seröser Inhalte bedarf aber eines Handwerks, das vermittelt und dessen Grundsätze beachtet werden müssen. Gerade in diesen PR-geschwängerten Zeiten haben wir Medienmacher die wichtige Aufgabe, hierauf zu achten. Medienmacher sind keine PR-Agenten. 

Neben denen, die senden, gibt es auch eine Empfängerebene.

Medienrezeption muss in allen Ebenen der Bildungsrepublik Deutschland Lehrfach Nummer eins werden. Wer Inhalte nicht versteht, tut das in keiner Sprache. Und kein Algorithmus hilft dabei. Das eigene Denken braucht Informationen und Information braucht das eigene Denken. Ich möchte verstehen und einordnen können.

Die Nachrichten müssen wieder seriöser werden. Wenn ausgerechnet ich das sage, muss es weit gekommen sein.


Kai Blasberg war bis vor Kurzem Geschäftsführer von Tele 5 und macht am liebsten das, was ihm selbst gefällt. Meinungen verzapfen etwa.

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