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Leitartikel

Kein Bäumchen wechsle dich

Foto: imago images / Revierfoto

Bei Funke soll die Sprecherrolle in der dreiköpfigen Geschäftsführung künftig rotieren. Das ist das falsche Führungsmodell, um den weit verzweigten Essener Zeitungskonzern zu steuern.

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Lange Zeit war unklar, wann Madsack-COO Christoph Rüth bei der Funke Mediengruppe die Nachfolge des scheidenden Zeitungschefs Ove Saffe antritt. Denn um seinen Wechsel nach Essen bahnte sich schon seit Monaten ein Eklat an. Funke-Verlegerin Julia Becker hatte Rüth nämlich versprochen, ihn zum Sprecher der Geschäftsführung des Zeitungsriesen zu machen. Doch den Posten bekleidet seit mehr als einem Jahr der langjährige Bauer-Manager Andreas Schoo. Der wäre faktisch entmachtet worden, hätte Rüth das alleinige Sagen bekommen. Und: Schoo hätte in diesem Fall wohl hingeworfen.

Die Sprecherrolle in der Funke-Führung sollte in einer Hand liegen, meint Gregory Lipinski – Illu: Bertil Brahm

Die Aufsichtsratschefin hätte sich in diesem Fall also erneut um Ersatz bemühen müssen – diesmal allerdings für die Magazinsparte. Die monatelange Hängepartie um die Führung in Essen wäre nicht beendet gewesen; sie wäre von vorne losgegangen.

Jetzt will die Funke-Chefkontrolleurin ab Oktober ein neues Führungsmodell einführen, um den größten Medienkonzern auf dem hart umkämpften Tageszeitungsmarkt zu steuern. Danach soll die wichtige Funktion des Sprecher der Geschäftsführung rotieren. Ob Zeitungs-, Magazin- oder Finanzchef – jeder der drei Geschäftsführer soll zeitweise an die Hebel der Macht. Bei einem bundesweit so weit verzweigten Medienkonzern wie Funke besteht durch dieses neue Führungsmodell die akute Gefahr, dass der unternehmerische Kurs ins Schlingern gerät.

Denn jeder Geschäftsführer könnte die Zeit an der Spitze nutzen, um seine eigene Agenda durchzusetzen. Allein schon, um sich vor den Eigentümern zu profilieren. Ein „Bäumchen-wechsle-dich“ in der Führung wäre schädlich. Denn die Funke Mediengruppe steht vor gewaltigen Herausforderungen. Vor allem die Auswirkungen der Corona-Krise dürften tiefe Spuren hinterlassen haben. Das für die Essener wichtige Werbegeschäft mit Regionalzeitungen ist zeitweise um mehr als 70 Prozent eingebrochen. 

Ein anderes Sorgenkind ist die Zeitungszustellung. Ein weiter steigender Mindestlohn führt dazu, dass der Vertrieb kaum noch kostendeckend arbeiten kann. Vor allem in Ostdeutschland, wo Funke die Thüringer Allgemeine herausgibt, drohen im Vertriebsgebiet blinde Flecken. Auch im Digitalen steht die Funke-Geschäftsführung vor großen Aufgaben. Reichweiten- und Bezahlmodelle müssen in der Gruppe noch besser austariert werden.

Unterm Strich ist es ein Berg voller Herausforderungen, der von der neuen Führung bewältigt werden muss. Daher wäre es besser, wenn ein einziger Geschäftsführer an der Spitze das Sagen hätte – und zwar dauerhaft. Ein gutes Vorbild hierfür ist der Berliner Mediengigant Axel Springer mit Mathias Döpfner als Vorstandsvorsitzendem. Er führt den Konzern seit vielen Jahren – und das durchaus erfolgreich. Auch, weil er sich nicht in regelmäßigen Turnussen vor den Eigentümern beweisen muss.

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