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Road to DMexco

Digitalkonferenz: Business in Badehose

Messe im Umbruch

Im Erdgeschoss gähnen leere Hallen, im ersten OG arbeitet die Messe Friedrichshafen an der Zukunft der Eventbranche.

Die Messe München startet am Wochenende in die neue Hybrid-Ära. Der Onlinehandelskongress von Plentymarkets hat den Termin Ende September bestätigt und auch der Deutsche Handelskongress und die CMCX wollen im November physisch tagen. Und alle wissen: Es geht nicht mehr ohne digitale Begleitung.

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Die Messehalle in Friedrichshafen ist gespenstisch leer, dabei sollte doch heute die Eurobike, Europas größte Fahrradmesse, aufgebaut werden. Ein Bild, das nach einem halben Jahr Corona keinen mehr hinter dem Ofen hervorlockt. So ist das halt und nicht jeder ist traurig darüber, dass sich der Terminkalender mit wichtigen und halbwichtigen Veranstaltungen entzerrt hat und vor allem der Reiseaufwand verschwunden ist, wenn man seine Lead-Generierung via Zoom-Call aus dem heimischen Fernsehsessel heraus bestreiten kann. 

Was in Friedrichshafen aber gerade geschieht ist der Aufbruch in eine neue Ära. Einen Stock über der leeren Halle arbeitet ein Team emsig und hochkonzentriert an der Zukunft der Messe. Der Konferenzraum ist in zwei Hälften geteilt. In der einen sitzen 10 Techniker, Video- und Audiospezialisten vor jeweils zwei bis drei Monitoren und produzieren ein professionelles Ausgangssignal, das dann als Stream auf der Website der Eurobike ausgestrahlt wird.

Publikum auf der Bike Biz Revolution in Friedrichshafen

In der zweiten Hälfte der Halle ist das Studio aufgebaut. Stehtische sind die einzigen Requisiten. Eine riesige Leinwand ersetzt den (überbewerteten) Greenscreen. Zwei Kameras fangen aus zentraler Position zwei unterschiedliche Bildausschnitte ein. Zwei Vorschaumonitore zeigen das Live-Signal und die Fragen der Teilnehmer. Ein Toningenieur kontrolliert die Mikrofonposition am Revers. Der Moderator schminkt sich selbst.

„Für uns ist das ein ganz wichtiger Meilenstein“, sagt Stefan Reisinger, der Projektleiter der Eurobike bei der Messe Friedrichshafen. Obwohl man mit dem befreundeten Fernsehteam aus München einen guten Preis aushandeln konnte, und obwohl man 200 Tickets für die kleine messebegleitende Konferenz verkaufte, wird das Projekt ein Zuschussgeschäft. Eine Investition in die Zukunft der Messe. „Mit dem Material können wir rausgehen und zum Beispiel auch mit Sponsoren individuelle Produktionen verhandeln. Wir haben gezeigt, dass wir das können“, freut sich Reisinger.

Der Druck nimmt zu

Für die Messe Friedrichshafen ist es ein schmaler Grat. Die Messe lebt vor allem von der individuellen Betreuung von Veranstaltern, Ausstellern und Besuchern. Und man hat für eine Fahrrad- oder auch eine Bootsmesse eine perfekte Location mit Blick auf die Alpen. Aber das allein reicht eben nicht immer. Jüngst verloren die Schwaben mit der Outdoor ein echtes Flaggschiff an die Messe München. Die schlechte Erreichbarkeit der Bodensee-Stadt war einer der Gründe dafür.

Und genau das Kriterium hat in den letzten Monaten massiv an Bedeutung verloren. Auch die Frage nach der Größe der Übernachtungskapazitäten, wie sie alljährlich bei der DMexco in Köln beklagt wird, hat sich zumindest vorrübergehend erledigt. Stattdessen verlagert sich der Wettstreit ins Netz. Welche Messe kann ihrer Klientel die bessere digitale Begleitung bieten?

Die Messe Düsseldorf gab soeben bekannt, dass man die Drupa 2021 mit einer digitalen Plattform begleitet. Zur Erinnerung, es geht um die weltgrößte Veranstaltung für gedrucktes Papier.

Die Messe München startet dieses Wochenende mit der Trendset, einer Messe für Inneneinrichtung. 600 Aussteller sind dabei und 3700 Teilnehmer dürfen laut Hygienekonzept in die Hallen. In der Kommunikation legt man besonderen Wert darauf, dass man schon über eine jahrelange Erfahrung in Sachen digitaler Plattform verfügt. Das stimmt. Schon 2010 begann man mit einer begleitenden Website zur Internationalen Sportartikelmesse ISPO. Und einer der interessantesten Ansätze, der 2015 Eingang in die Plattform fand, hat bis heute überdauert. Aussteller können sich mit Interessenten vernetzen und gemeinsam mit ihnen Produkte testen und entwickeln. „Crowdsourced Innovation“ nennt man das bei innosabi, der Münchner Firma, die der ISPO beim Aufbau half.

In der selbst ernannten Digital-Hauptstadt Köln dauerte es etwas länger, bis die digitale Plattform vorzeigbar war. Und sie wurde von der Branche vor zwei Jahren auch erst zögerlich angenommen. Aber spätestens seit man 2019 massiv auf das Thema Videostreaming setzte – angetrieben durch den enormen digitalen Erfolg der GamesCom – können auch die Rheinländer digital mitverkaufen.

So sehen die „Messestände“ auf der digitalen DMexco aus. Hier können die Unternehmen und Medien Live-Content spielen, weitere Inhalte verlinken und vor allem die Ansprechpartner für unterschiedliche Themen auflisten. (Bild: Screenshot/DMexco.de)

Der erste Blick ins Innere der DMexco-Plattform, die am Montag den 14. September bereits ihre Tore für die Öffentlichkeit öffnet, stimmt zuversichtlich. Auf einmal ist es kein Problem mehr, gleichzeitig Standdienst zu machen und einen spannenden Vortrag zu hören. Es gibt kein „Drängeln“ durch die Hallen, um rechtzeitig zu einem Termin zu erscheinen. Alles ist eine Sache von wenigen Klicks.

Wenn die Kinderkrankheiten behoben sind, dann hat das DMexco-Tool wirklich das Zeug sogar ein Verkaufsschlager zu werden. Andere Event-Veranstalter und große Firmen haben ihr Interesse bereits bekundet, sagte Messe-Vordenker Dominik Matyka gegenüber Meedia.

Virtuell, real oder beides?

 Wie schwierig es ist, ein spannendes Konzept für die veränderte Zeit zu entwickeln zeigt aktuell die Kampagne der Bits and Prezels. Die Münchner haben sich dazu entschieden, ihre Veranstaltung auf eine ganze Woche zu strecken. Das Programm zeigt ein paar hochkarätige Speaker, aber die tatsächliche Agenda wird nicht deutlich. Man kann sie sich nur selbst zusammensuchen. Es gäbe wohl drei Haupt-Streams, aber keinen Hinweis darüber, wann die wie besetzt sind. Die drei echten Promis: Arianna Huffington, Stewart Butterfield und Jan Frodeno treten jeweils abends um 19 Uhr auf. Das ist durchaus eine „sportliche“ Ansetzung.

Abgesehen davon, dass die Einladung eine sehr kreative Mischung aus Englisch und Deutsch benutzt und von einem native Speaker gerne nochmal hätte durchgelesen werden können, irritiert vor allem ein Passus: „6 Tage voller erstklassiger Inhalte und Vorträge, welche sich flexibel an Deinen Tag anpassen lassen“. Bedeutet das, dass die Streams gar nicht live sind, sondern teilweise oder ganz aufgezeichnet? Ist es nicht möglicherweise schwieriger, eine Agenda über eine Woche in den eigene Business-Kalender zu integrieren, als bei zwei kompakten Tagen wie bei der DMexco oder Inbound?

Man wird sehen. Viele Karten werden gerade neu gemischt. Große Veranstalter haben signifikant mehr Budget zur Verfügung, um schnell zu digitalisieren. Kleine Veranstalter können Hygiene-Konzepte besser umsetzen und sind es gewohnt, Events zu planen, die sich auch ab 80 Teilnehmern rechnen.

Inzwischen hat sich auch eine Idee in der Eventbranche entwickelt, wie hybride Veranstaltungen funktionieren. Es gibt einen kleinen, exklusiven Kreis, der sich physisch treffen darf und dafür meist sogar mehr bezahlen muss, als in den letzten Jahren. Das digitale Ticket ist meistens günstiger, aber die Reichweite lässt sich mit Sponsoren versilbern.

Das Event am Rande der Eurobike, die Bike Biz Revolution, war im letzten Jahr schon als begleitendes Format angesetzt und sollte nie die Messe ersetzen. Folgerichtig erreichte die digitale Version sogar mehr Teilnehmer, als die physische Veranstaltung 2019. Die echte Messe soll Ende November stattfinden. Was davon gestreamt wird, wird gerade verhandelt.

Der PlentyMarkts Kongress für Onlinehändler verfährt Ende September nach dem gleichen Prinzip. Die Content Marketing Conference CMCX sucht den Schulterschluss mit der Partnerstadt Bielefeld. Und beim Deutschen Handelskongress dürfen auch nur ausgewählte Besucher den Ausführungen von Familienministerin Giffey oder Michael Otto vor Ort lauschen.  Und alle drei streamen was die Leitungen hergeben.

Fazit

Nach dem anfänglichen Katzenjammer der Eventbranche ist emsige Betriebsamkeit eingekehrt. Die Veranstalter, vor allem solche mit hohen Fixkosten wie einem eigenen Messegelände, sind noch lange nicht über den Berg, aber sie haben sich genau angesehen, wie sich das Verhalten der Menschen in den letzten Monaten geändert hat. Und auf der anderen Seite haben kluge Marketer die Gunst der Stunde genutzt und sich als früher Partner an die Seite der Veranstalter gestellt, um somit eine hohe digitale Sichtbarkeit zu erlangen.

Natürlich wird es nicht einen Königsweg geben, wie mittelgroße und große Veranstaltungen in Zukunft laufen werden, aber der Aufbau digitaler Kapazitäten gibt den Veranstaltern hier viel mehr Flexibilität. Und im Gegensatz zu Februar 2020 sind inzwischen gefühlt 100 Prozent der Geschäftswelt den Umgang mit Chat, Videokonferenz und digitalem Networking gewohnt. Das ist eine Chance, die sich zu ergreifen lohnt. Nur muss die Qualität der digitalen Streams stimmen, sowohl optisch als auch inhaltlich. Das Live-Event lebt von Interaktion und diese gilt es spannend zu inszenieren. 

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