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Genusssache Medien

Rassismus wegschalten. Is there an app for that?

Sabine Trepte Zeichnung: Bertil Brahm

Rassismus in Werbung und Entertainment findet statt. Dafür gibt es zuverlässige und signifikante Daten. Unsere Einstellungen werden durch Medien beeinflusst. Machen Sie doch einfach mal den Test: Wie sieht es auch, wenn wir durch das Editorial des Magazins, durch den Cast der Serie und durch die aktuelle Kampagne schauen?

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Rassismus ist schlimm. Und Rassismus ist Teil von Medienunterhaltung. Wenn ich Rassismus sehe und das kommt ziemlich häufig vor, wirkt er bei mir allerdings sehr genussverhindernd. Rassismus möchte ich einfach nur wegwischen und weghaben. Und das erscheint mir auf den ersten Blick so einfach, weil wir Menschen doch klug genug sind, um Ausgrenzung zu verhindern und auch, um zu verstehen, wie irre und unbegründet Rassismus ist. Aber in Medieninhalten und Angeboten ist Rassismus so präsent, dass wir eben oft doch nicht schlau genug sind, um diesen Informationen gegenzusteuern. Rassismus in Nachrichten, Computer-Spielen, Werbung findet statt. Dafür gibt es signifikante und zuverlässige Daten. Es ist vermutlich auch kein Geheimnis. Wir Serienjunkies sehen es jede Nacht schon allein an mangelnder Repräsentation, also an dem unbalancierten und wenig diversen Cast. Und sogar Anti-Rassismus Filme beinhalten Rassismus, zum Beispiel weil sie zeigen, dass Menschen, die zu so genannten ethnischen Minderheiten gezählt werden über ganz besondere Kompetenzen verfügen. Und es scheint fast als müssten sie das auch, um sich mit ganz besonders viel Arbeit, Schönheit oder Talent aus der stereotypisch verhandelten Minderheit „heraus“-arbeiten zu können. Die Opfer von Rassismus boxen sich also selbst durch, anstatt von anderen beschützt zu werden. Und sie boxen gewappnet mit den von der Majorität goutierten Eigenschaften. Rassistischer geht es nicht.

In der Werbung ist es noch schlimmer, das wird ebenfalls an mangelnder Repräsentation deutlich: In Deutschland kommen andere Ethnien fast gar nicht vor. Wirkt dieser Rassismus auf Rezipierende und auf Konsumierende? Ja sehr. Er wirkt statistisch signifikant. In einer Meta-Analyse warf Gaur die enorme Menge von 55 Studien in einen Topf, um das zu prüfen. Die insgesamt über 10.000 Studienteilnehmer:innen fällen negative Urteile über dunkelhäutige Menschen, wenn sie negative, stereotype Darstellungen sahen, hörten oder lasen. Wenn die Studienteilnehmer:innen dunkelhäutige Menschen in der Werbung, in einem Rap oder den Nachrichten stereotyp dargestellt sahen, dann fühlten sie weniger Empathie, hatten eher aggressive Gedanken gegenüber dunkelhäutigen Menschen und kamen eher zu negativen Gesamturteilen und -bewertungen. Egal ob TV, Zeitung, Gaming. Am schlimmsten ist die Werbung. Stereotype gegenüber dunkelhäutigen Menschen wirken noch stärker als die anderen inhaltlichen Genres, aber viel tut es sich nicht. Alles wirkt. Wenn Menschen der ethnischen Minorität als Randfiguren, als kriminell, faul, gewalttätig, als dumm, als besonders talentiert und deshalb doch irgendwie wertvoll dargestellt werden und wenn wir diese Mediendarstellungen sehen, dann beurteilen wir diese Menschen auch eher als kriminell, dumm und als Randfiguren.

Einstellungen werden durch Medien beeinflusst. Darüber ist keiner erhaben und je mehr Exposition umso stärker ist diese Wirkung. Die ständige Konfrontation mit Rassismus dieser Art formt unsere mentalen Modelle. Dann im nächsten Schritt reagieren und agieren wir auch im Sinne dieser mentalen Modelle. Also unsere real-life Reaktionen werden durch die in Medien geformten mentalen Modelle beeinflusst. Wie soll das gehen, das zu ändern, Rassismus wegzuwischen und zu unterbinden, wenn unsere mentalen Modelle durch Medienunterhaltung in allen Genres immer und ständig eingekastelt, zurechtgestutzt und geformt werden? Das geht nur, wenn wir diese rassistischen Medieninhalte nicht rezipieren (nicht möglich, weil zu viele Medieninhalte rassistische Elemente haben); oder, wenn wir richtig stark und resilient sind, stets aktiv gegendenken und steuern (schwer); oder, wenn diese Inhalte eben nicht mehr gesendet und gedruckt werden (einzige Lösung).

„Am schlimmsten ist die Werbung“

Mangelnde Repräsentation als ein Teil des Rassismus können wir täglich
beobachten. Wie sieht es aus, wenn wir durch das Editorial des Magazins, durch den Cast der Serie und durch die aktuelle Kampagne schauen? Bitte mal alle Fotos und Bilder von Menschen in der eigenen Tageszeitung ansehen. Wie repräsentiert ist denn Deutschland? Und auf welche Weise sind unterschiedliche Ethnien, Kulturen und Nationen in ihre Porträts wiedergegeben? Vielleicht brauchen wir eine App, die alle digitalen Medienhalte durchcheckt, den Cast, die Drehbuchautor:innen, Herausgeber:innen, Journalist:innen prüft? Eine App, die man über die Onlinezeitung oder die Sendung laufen lässt und die alle Namen und Bilder prüft und dann in Piktogrammen darstellt, welche Gruppen und Ethnien repräsentiert sind und in welchen Rollen? Als Reality-Check und um
gegenzusteuern. Das wäre zumindest ein Anfang, denn bisher kriegen wir es nicht hin.


Sabine Trepte ist Professorin für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim. Sie schreibt für Meedia zum Thema Mediengenuss basierend auf empirischen Ergebnissen aus der Psychologie und Kommunikationswissenschaft. Dieses Mal basierend auf der Studie von Rajesh Gaur (2019): A multilevel meta-analysis of effects of negative stereotypes of blacks in media on consumers’ attitudes, Media Psychology, DOI: 10.1080/15213269.2019.1627888

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