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Wochenrückblick

Die verquere Wahrheit des Gabor Steingart

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Das neue Buch von Gabor Steingart, „Die unbequeme“ Wahrheit“, ist leider auf gefährliche Art und Weise verantwortungslos. „FAS“-Mann Claudius Seidl traf sich mit seinem Arbeitgeber vor Gericht. Und wir werden Kai Blasberg als Tele 5-Chef sicher noch ganz doll vermissen. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Eigentlich wollte ich mich gar nicht so sehr über Gabor Steingarts Buch Die unbequeme Wahrheit – Rede zur Lage der Nation aufregen. Worüber sollte man sich auch schon groß aufregen? Darüber, wie scham- und ideenlos er den Titel bei Al Gore abgekupfert hat (An inconvenient Truth, Eine unbequeme Wahrheit)? Über den phrasengesättigten Stil („Die Tür zum Zug in Richtung Zukunft steht schon offen. Lass uns einsteigen, mein Freund.“)? Über die ranschmeißerische Art und Weise, den Leser, die Leserin penetrant als „mein Freund“ anzuschreiben („Öffne dein Fenster heute Nacht, mein Freund, und wenn du in die Stille hinaushorchst, kannst du hören, wie die tektonischen Platten unter deinem Leben sich verschieben.“)? Über die erschlagende Fülle an an den Haaren herbeigezogenen und teils grottenfalschen Metaphern („Corona ist der Schwarze Schwan für große Teile der deutschen Volkswirtschaft. Er kreist über dem Hochofen von ThyssenKrupp. Er überfliegt die Braunkohlereviere, die Reisebüros von TUI und die VW-Zentrale in Wolfsburg, um auf jenen Produktionsanlagen zu landen, in denen seit hundert Jahren der Verbrennungsmotor gefertigt wird. Das Wappentier des bevorstehenden Unglücks nistet auch auf den Zinnen alter Macht im Frankfurter Bankenviertel.“)?

Nein. Wenn es nur das wäre, dann könnte man es machen wie die Leute vom Spiegel, die das Werk ob der ganzen Schwadroniererei müde weggelegt haben. Dann wäre es einfach nur ein sehr schlechtes Buch.

Was mich aber dann doch aufregt ist, wie Steingart in seinem Buch populistische Reflexe bedient. Er schürt eine diffuse Wut auf „die da oben“, solidarisiert sich scheinbar mit der ehrlichen, einfachen Bevölkerung (seinen „Freunden“). Er ist sich nicht zu schade, Verbindungen zwischen der Regierung Merkel und dem früheren chinesischen Diktator Mao Zedong oder dem Dritten Reich anzudeuten:

„In der Krise war Angela Merkel dichter bei Mao als bei sich selbst: ‚Wir sind verpflichtet‘, sagte der große Führer der Kulturrevolution, ‚das Volk zu organisieren.‘ Jetzt keine Diskussionsorgien, fügte eine gestrenge Kanzlerin hinzu.“

Und:

„In den Monaten der Pandemie hatte die Demokratie einen Aussetzer. Es war, als habe jemand die Pausentaste gedrückt. Das Problematisieren und das Zweifeln unterblieben. Das Demonstrieren war ohnehin verboten. Es gab scheinbar nur noch ein Land, ein Volk und eine Führung …“

Der letzte Satz erinnert fatal an die Nazi-Losung „Ein Volk, ein Reich, ein Führer.“

Medien-Bashing gibt es natürlich auch noch frei Haus.

Kostprobe:

„Die heutigen Medien funktionieren als apokalyptische Reiter, sie erregen dich, sie kuratieren deine Gefühle, sie beuten deinen Hoffnungsvorrat aus, bis nur noch Spurenelemente davon vorhanden sind.“

Dabei ist Steingart ja selbst der „apokalyptische Reiter“, den er da beschwört. Der frühere Bild-Mann Georg Streiter hat sich bei Facebook jedenfalls mächtig über Steingarts verqueres Querdenker-Buch aufgeregt:

„Ein nicht enden wollendes Dauerfeuer aus Blendgranaten und Blindgängern. Grauenhafte Worthülsen, klug klingendes dummes Gewäsch, mystische Metaphern und hinkende Vergleiche. Die Botschaft des Buchs? Äh. Ja. Also irgendwie geht alles den Bach runter, die da oben machen, was sie wollen und versauen uns die Zukunft. Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation. Unter dem Eindruck der Millionen Anti-Corona-Demonstranten könnte man sagen: Verschwörungstheoretiker reden zwar noch dümmeres Zeug als Gabor Steingart. Aber man versteht sie besser, sprachlich betrachtet. Und an manchen Stellen kann man bei unserem ‚Freund‘ Gabor Fragmente und ganze Motive unappetitlicher Melodien erkennen.

Wer es noch genauer mag: Stefan Niggemeier hat das Buch bei Übermedien in einer langen Besprechung ausführlich analysiert. Die „unappetitlichen Melodien“, die Streiter bei Steingart vernimmt, führen direkt von den plüschigen Sesseln an Bord von Steingarts Redaktionsschiff Pioneer One auf die Treppe des Reichstages, wo bei der jüngsten „Querdenker“-Demo ein paar Spinner gerade noch davon abgehalten wurden, reinzustiefeln.

Merkt Steingart nicht, wem er da geistig den Weg bereitet und sogar regelrecht anstachelt? Ist es ihm egal? Das Alles ist umso trauriger, weil er es doch besser wissen müsste. Wenn er in seinem Morning Briefing über wirtschaftliche Zusammenhänge schreibt, muss man das nicht mögen, sollte es aber gelesen haben (auch so eine Formulierung aus Steingarts gar nicht mal so kleiner Phrasen-Schatulle). Wenn man alle Augen zudrückt, mag man es ihm ja noch nachsehen, dass er sich und seine Pioneers als die einzig aufrechten Journalisten verkauft und andere Medien als regierungshörig und bigott verunglimpft. Und dass er an einem Tag an den Politikern „da oben“ kein gutes Haar lässt, um sie am nächsten Tag mit einer 1a-Charmierungs-Offensive zu bedenken, wenn sie bei ihm an Bord kommen.

Aber dass er seine nicht unbeträchtliche Reichweite und seine Stellung als Meinungsmacher derart für Populismus missbraucht wie mit seinem neuen Buch, das nehme ich ihm wirklich übel.

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Claudius Seidl ist einer der profiliertesten Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und dort Feuilletonchef seit der Gründung des Blattes 2001. Umso erstaunlicher, dass sich Seidl jetzt mit seiner Zeitung vor dem Arbeitsgericht stritt. Wie Horizont zart andeutet, könnte der Streit etwas damit zu tun haben, dass FAS-Redakteure von der Frankfurter Zentrale stets nur zur Berliner Redaktion entsendet werden. Nach einer gewissen Zeit müssen solche Entsendungen verlängert werden. Oder eben auch nicht. Wollte die FAZ den Seidl etwa nach Frankfurt rufen und er war bockig? Wer weiß, offizielle Kommentare gibt es FAZ-typisch keine. Im Hintergrund könnte auch eine Rolle spielen, dass seit Anfang August eine Samstagszustellung der FAS getestet wird. Hauptgrund sind zunehmende Probleme bei der kostspieligen Sonntagszustellung. Wie auch immer. Die FAZ GmbH und Seidl haben sich geeinigt. Er bleibt in Berlin, aber nicht mehr als Feuilletonchef. Er soll nun wohl in erster Linie Filmkritiken schreiben. Auch nicht schlecht.

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„Eine Ära endet“, schrieb der Fernsehkomiker Oliver Kalkofe zum Abgang von Kai Blasberg als Geschäftsführer des Minisenders Tele 5. Der Sender ist mini, aber Blasberg hatte unbestreitbar die größte Klappe von allen Senderchefs. Unvergessen seine geniale Idee, aus der Not eine Tugend zu machen, richtig schlechte Filme bei Tele 5 als „Schlechteste Filme aller Zeiten“ zu branden und live von Kalkofe und Peter Rütten kommentieren zu lassen. Die „SchlefaZ“-Reihe erreichte Kultstatus und brachte „Sharknado“ endlich einem breiteren Publikum näher. Oder seine Idee, eine Show rund um Alkoholkonsum vor laufender Kamera zu stricken: „Der Klügere kippt nach“ mit Hugo Egon Balder). Oder einfach ein ganzes Jahr lang jede Woche die Ruhrpott-Komödie „Bang Boom Bang“ im Programm zu zeigen. Und nur Blasberg konnte es bringen, beim Abschied seines Senders von Youtube aus Protest genau dort ein Musikvideo zu veröffentlichen, in dem er selbst auftritt und „Youtube, du Hure, Nutte von Google“, singt.

Nein, Kai Blasberg war nie normal und das ist auch gut so. Sein Abgang nun hat sicher damit zu tun, dass Tele 5 an den US-Konzern Discovery verkauft wurde. Blasberg und Konzern? Inkompatibel! Typen wie er haben in der heutigen Medienwelt, die sich doch gelegentlich rühmt, so locker und „verrückt“ zu sein, absoluten Seltenheitswert. Seine Kolumne „Bla, Blasberg“, bleibt uns bei MEEDIA aber hoffentlich noch lange erhalten!

Schönes Wochenende!

PS: Der Podcast „Die Medien-Woche“ meldet sich mit einer Interview-Folge aus der Sommerpause zurück. Mein Kollege und Mit-Podcaster Christian Meier von der Welt sprach mit dem Gründer und Berater Andreas Barthelmess über sein Buch „Die große Zerstörung: Was der digitale Bruch mit unserem Leben macht“. Ich freue mich, wenn Sie reinhören!

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