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Geänderte Kennzeichnung

Warum die Kritik am neuen „Tagesthemen“-Kommentar falsch ist

Thomas Kreutzmann vom Hessischen Rundfunk sprach den ersten "Tagesthemen"-Kommentar als "Meinung"

Die „Tagesthemen“ haben eine neue Kennzeichnung eingeführt. Der „Kommentar“ wird jetzt „Meinung“ genannt. Die Aufregung um die Änderung ist groß, dabei liegt der Nutzen auf der Hand, findet Tobias Singer.

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Kommentatoren haben jetzt eine Meinung. Das ist ja mal ganz was Neues. Klar, bei den Tagesthemen schon. So oder so ähnlich könnte ich jetzt endlos weitertexten. Und mir so höchstwahrscheinlich viel Beifall erschreiben. Noch besser ginge das sicherlich, indem ich die Nachrichten, je nach Lager, als staatsgelenkte Faktenverdreher titulieren oder mich über die neue Niveaulosigkeit bei den Tagesthemen echauffieren würde. Was das alles ausgelöst hat? Der Umstand, dass die Tagesthemen ihren „Kommentar“ jetzt „Meinung“ nennen. In den sozialen Medien war das, einmal mehr, Anlass flink getippter, genretypisch, wenig überlegter Tweets. 

Neben der Umbenennung sorgte einer der Gründe für den Wechsel für reichlich virtuelles Gelächter: Die Zuschauer konnten mit dem Genre „Kommentar“ wohl immer weniger anfangen, so erklärte es Marcus Bornheim, erster Chefredakteur von Tagesschau und Tagesthemen, gegenüber dem Deutschlandfunk. Ein Hinweis wie ein gut bestückter Hundeknochen für jeden beißwütigen Bildungsbürger.  

Falsche Aufregung bei Twitter

„Die Tagesthemen heißen ab sofort ‚Dade dede‘. Weil das einfacher für die Leute ist“, schreibt etwa Jan Böhmermann und sammelte damit über 2000 Likes ein. An anderer Stelle war zu lesen: „Und die Tagesschau wird umbenannt in: Sachen, wo tagsüber passiert sind.“ Das ist alles sehr unterhaltsam, aber es ist vor allem falsch und überheblich. Denn sollte es bei der Änderung tatsächlich um die sogenannte „leichte Sprache“ gehen – also ein vereinfachtes Deutsch, das es allen ermöglichen soll, Inhalte zu verstehen – dann ist mit der Neubezeichnung schon vielen geholfen. Tagesschau wie Tagesthemen erfüllen schließlich einen Informationsauftrag bei den Öffentlich-Rechtlichen, der sich an die gesamte Bevölkerung richtet. „Meinung“ ist einfach und leicht verständlich, für jeden – was hinter einem Kommentar steckt dagegen erklärungsbedürftig.

Wenn es zu Verwechslungen kommt, dann muss gehandelt werden. Genau das hat die Redaktion getan. Wie Bornheim erklärt, waren etwa viele Zuschauer überzeugt, dass es sich um einen Kommentar der ganzen Tagesthemen-Redaktion handeln würde. Ein anderer Vorwurf lautete, dass Kommentare nicht ausgeglichen seien. Natürlich ist das ganz ohne Sinn und Verstand, Kommentare müssen nicht ausgewogen sein. Aber es zeigt sich auch: Nicht jeder Zuschauer weiß, was Journalistenschülern regelmäßig mit auf den Weg gegeben wird oder was für Redakteure tägliches Brot ist, nämlich die Unterschiede zwischen den journalistischen Gattungen. Was ist Nachricht, was ist Meinung, wo endet die Information, wo beginnt eine Haltung? Genau das löst heutzutage immer wieder hitzige Debatten aus, deren Adressat in diesem Fall regelmäßig die Tagesthemen sein dürfte, fälschlicherweise. Genau das ist jetzt klarer gelöst. Und das ist auch gut so, soweit meine Meinung zum neuen Kommentar der Tagesthemen.

Übrigens hat Marcus Bornheim auch angekündigt, dass bei neuen Kommentaren zukünftig Pro und Contra-Positionen Raum gegeben und die „Zusammensetzung der Kommentierenden“ geändert werden soll.

Wieder neues Futter für die Twitter-Gemeinde. 

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